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Islam als Feindbild

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Für sein Buch „Die Feinde aus dem Morgenland. Wie die Angst vor den Muslimen unsere Demokratie gefährdet“ analysierte der Historiker Wolfgang Benz nicht nur die notorische Website "Politically Incorrect", sondern interessiert sich mehr noch für islamophobe Einstellungen in der Bevölkerung und die scheinbar so sachlichen "Islamkritiker".
Freitag, 28. Dezember 2012
Benz_Die Feinde aus dem Morgenland

Erschreckend ist die Sammlung des früheren Leiters des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, Wolfgang Benz, die er seinem aktuellen Buch zugrunde legt. Sie reichen von Äußerungen im Internet, u.a. auf Politically Incorrect, bis zum Mord an einer islamischen Ägypterin durch einen jungen Russlanddeutschen in einem Dresdner Gericht 2009. Zwar gibt es keine offenen Sympathiebezeugungen für den Mörder, aber echtes Bedauern über den Mord wird auch in keinem der zahlreichen Kommentare spürbar. Typisch sind Äußerungen wie: „Der Mord ist zu bedauern, allerdings gibt es jetzt eine islamische Gebärmaschine weniger.“ Häufig wird aus dem Russlanddeutschen – ohne jeden Beleg – ein Jude. Reaktionen in der liberalen Presse werden von den selbst erklärten „Islamfeinden“ als weiterer Angriff auf sie selbst, eine angeblich verfolgte Minderheit, gewertet.

Tatsächlich sind islamophobe Einstellungen (zur Begriffsklärung sei auf dieses Papier der Friedrich-Ebert-Stiftung hingewiesen) in der deutschen Öffentlichkeit laut einer Allensbach-Erhebung vom Mai 2006 mittlerweile in der Mehrheit. Zugleich machen die Internetäußerungen deutlich, dass islamophobe und antisemitische Haltungen oft nahe beieinander liegen. Doch Benz macht auch klar, dass Islamkritiker wie Hans-Peter Raddatz von einem dem Islam immanenten Antisemitismus ausgehen und sich mit dieser historisch nicht haltbaren These, dem politischen Mainstream anzubiedern versuchen.

Benz arbeitet überzeugend die Ähnlichkeiten zwischen Antisemitismus und Islamophobie heraus. Dabei gibt er nicht nur einen Abriss der Genese der beiden Feindbilder, sondern v.a. geht er ausführlich auf das breite Spektrum der heutigen Islamkritiker wie etwa die Atheistin Oriana Fallaci sowie die Publizisten Udo Ulfkotte, Ralph Giordano und Ernst Nolte ein. Zudem beschäftigt er sich mit Thilo Sarrazin und dessen fragwürdigem Umgang mit Statistiken sowie mit Necla Kelek, deren teilweise berechtigte Kritik an Versäumnissen der liberalen Integrationsdebatte zunehmend grobschlächtiger wurden. Wie sehr Islamkritik und die politische Rechte zusammenhängen erläutert Benz an den Beispielen des Holländers Geert Wilders und des rechtskatholischer Autoren Johannes Rothkranz.

Eingeschoben in seine Analysen sind vier Interviews mit dem früheren Berliner Innensenator Ehrhart Körting, dem Dialogbeauftragten der mitgliederstärksten islamischen Dachorganisation in Deutschland Bekir Alboǧa, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland Aiman Mazyek und mit Lydia Nofal, die das Netzwerk gegen Diskriminierung von Muslimen koordiniert. In diesen Gesprächen wird eindrucksvoll deutlich, dass Muslime in Deutschland oft benachteiligt werden und die islamophoben Feindbilder die Realität sehr stark verzerren.

Benz‘ gut lesbares Sachbuch ist ein solider Beitrag zu einer oft hysterisch geführten Debatte, dem allerdings der religionskritische Aspekt fehlt, der die fatalen Ähnlichkeiten zwischen den drei monotheistischen Religionen beleuchten würde.

Benz_Die Feinde aus dem Morgenland

Wolfgang Benz: Die Feinde aus dem Morgenland. Wie die Angst vor den Muslimen unsere Demokratie gefährdet. C.H. Beck 2012. 220 Seiten. 12,95 Euro. Hier geht es zur Leseprobe.

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