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Wie Rechte leben

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Zwei taz-Journalisten beleuchten in „Heile Welten“ den ganz normalen rechten Alltag in Deutschland. Dabei geht es nicht um spektakuläre Fälle, wie die NSU-Morde, sondern um die gern übersehenen lokale Beispiele. Das Buch von Astrid Geisler und Christoph Schultheis macht auf ein Phänomen aufmerksam, dessen wir uns alle viel bewusster sein sollten.
Mittwoch, 26. Dezember 2012
Geisler-Schultheis_Heile Welten

Rechtsextremes Denken ist immer stärker im deutschen Alltag verwurzelt, berichtete unlängst die Friedrich-Ebert-Stiftung. Dies gehe aus ihrer Studie Die Mitte im Umbruch hervor, die die Stiftung Mitte November vorstellte. Die beiden taz-Journalisten Astrid Geisler und Christoph Schultheis würden dieser Einschätzung wohl unumwunden zustimmen. In ihrem Buch Heile Welten haben sie Phänomene des rechten Alltags in Deutschland versammelt, der immer unwidersprochener zum Teil der Normalität wird.

So berichten sie von der auf den ersten Blick unscheinbaren Hausfrau Ines Schreiber (36), die es in der sächsischen Provinz immerhin zur Elternbeirätin und Schöffin brachte. Dabei war sie Mitglied in der NPD-Frauengruppe und kandidierte auch für die rechtsextreme Partei für den Stadtrat. Auch störte sich anscheinend niemand daran, dass ihr Mann parlamentarischer Berater der NPD-Fraktion im sächsischen Landtag ist.

Doch nicht nur freundlich und hilfsbereit auftretende Frauen erzielen große Erfolge in ihrer Umgebung; im ländlichen Ostvorpommern hat es die NPD geschafft, in einigen Dörfern zur stärksten Kraft zu werden. Ihre bürgernah auftretenden Repräsentanten und Sympathisanten brachten es in Schlüsselpositionen und werden dort sogar von (politisch naiven) Bürgermeistern verteidigt.

Ähnliches gilt auch für das regionale 'Facebook'-Imitat in Neubrandenburg 'NB-Town', in dem sich rechte Nutzer breit machten und lange ungestört rechte Propaganda betreiben konnten. Mittlerweile geht der eher unpolitische Betreiber gegen offenkundige NS-Sympathieäußerungen vor.

Rechte Esoteriker konnten sich mit dem 'Fürstentum Germania' in der brandenburgischen Provinz etablieren. Die konfusen Themen rechter Ufologen um Hitlers angebliche Flucht in einer 'Reichsflugscheibe' stoßen aber auch im Westen auf Resonanz. Welch absurde Triebe Esoterik und Verschwörungstheorien im rechten Spektrum schlagen, demonstrierten im vergangenen Jahr der Regisseur Thomas Frickl und der Chefreporter des deutschsprachigen amerikanischen Fernsehsenders DDC-TV, Dennis Mascarenas, mit ihrem Dokumentarfilm Die Mondverschwörung.

Astrid Geisler und Christoph Schultheis zeigen auch, wie rechte Gewalttaten in einigen Gerichten verharmlost werden, etwa am Beispiel eines 19-Jährigen aus Sachsen-Anhalt. Auch gibt es kaum Hilfsangebote für Eltern, die sich um ihre in die Neonazi-Szene abdriftenden Kinder sorgen.

Am tragischsten ist der Fall eines Hotels in Delmenhorst, das der mittlerweile verstorbene Neonaziführer Jürgen Rieger angeblich kaufen wollte. Nur mit Hilfe von Spenden aus der engagierten linken und liberalen Öffentlichkeit erstand die Stadt schließlich das heruntergekommene Objekt. Sie konnte aber nichts damit anfangen und ließ es abreißen – was die lokale NPD hämisch kommentierte.

Ausführlich geht der Band auch auf das Internetportal 'Politically Incorrect' ein, das sehr rüde Propaganda gegen den Islam verbreitet. Die Autoren zeigen die Nähe zur rechten Pro-Bewegung auf. Erschreckender aber ist nicht nur die breite Nutzung der Webseite, sondern v.a. die große Resonanz in der Bevölkerung. Kurz: ein informatives, flüssig geschriebenes Sachbuch, das rundum empfohlen werden kann.

Geisler-Schultheis_Heile Welten

Astrid Geisler, Christoph Schultheis: Heile Welten. Rechter Alltag in Deutschland. Hanser 2012. 224 Seiten. 15,90 Euro. Hier finden Sie eine Leseprobe.