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Geschwister-Scholl-Preis geht an Missbrauchsopfer

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Der diesjährige Geschwister-Scholl-Preis der Stadt München und des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in Bayern geht an den unter dem Pseudonym Jürgen Dehmers schreibenden Autor des Sachbuchs „Wie laut soll ich denn noch schreien? Die Odenwaldschule und der sexuelle Missbrauch“. diesseits.de dokumentiert Auszüge aus der Begründung der Preisjury.
Freitag, 28. September 2012
Juergen Dehmers: Wie laut soll ich denn noch schreien

Die Jury zum Geschwister-Scholl-Preis der Stadt München und des Börsenvereins Deutscher Buchhancel in Bayern würdigt Jürgen Dehmers präzise Schilderung der Erlebnisse und Geschehnisse in der hessischen Odenwaldschule. Dass Dehmers das Schweigen durchbrochen und benannt habe, was geschah, sei "ein seltenes Beispiel von Mut", erklärt die Jury des Geschwister-Scholl-Preises in ihrer Begründung. Weiter heißt es dort:

Dehmers Buch beschreibt die Vorgänge an der Odenwaldschule als ein kriminelles weit verzweigtes System mit Tätern und Mitwissern, von Macht und Gewalt. Er deckt die Mechanismen auf von Vertuschung, Verschweigen, Abhängigkeit, Bedrohung, die einen fortgesetzten Missbrauch erst möglich machen. Auch darin liegt eine große Leistung dieses Buches: dass es hinweist auf das Versagen von Zivilgesellschaft und Rechtsstaat, von Bürgern, Pädagogen, bis hin zu Presse und Justiz, die darin scheitern, die Unversehrtheit von Kindern und Jugendlichen sicherzustellen, wie es die UN-Charta für die Rechte der Kinder verlangt.

Jürgen Dehmers ist das Pseudonym des Autors von Wie laut soll ich denn noch schreien? Die Odenwaldschule und der sexuelle Missbrauch, der in den achtziger Jahren die Odenwaldschule und wurde dort über Jahre von seinem Schulleiter missbraucht. Als Erwachsener versuchte er zusammen mit anderen an der Odenwaldschule missbrauchten Mitschülern immer wieder vergeblich, die Öffentlichkeit auf das Geschehene aufmerksam zu machen. Erst im Zuge der Missbrauchskandale in der katholischen Kirche im Jahr 2010 begann eine breite öffentliche Debatte, in der die systematischen Missbräuche an der Odenwaldschule, insbesondere unter der Leitung von Gerold Becker, aufgedeckt wurden. Bundesweit traten immer mehr Missbrauchsfälle ans Tageslicht und schnell wurde deutlich, dass in Deutschland jahrzehntelang eine Mauer des Schweigens und Vertuschens den Kindesmissbrauch an pädagogischen Einrichtungen beförderte.

Die Jury lobte Dehmers Buch daher als "notwendigen Appell" an die deutsche Gesellschaft, Missbrauch zu unterbinden "sowie geeignete Maßnahmen zu ergreifen, die es erlauben, den Opfern zu helfen, die Täter zu stellen und zu bestrafen." Dehmers fordere mit seinem Buch dazu auf, Zivilcourage zu zeigen sowie Verantwortung zu übernehmen, und könne damit dem "Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse" geben.

Im vergangenen Jahr erhielt der chinesische Schriftsteller und Dissident Liao Yiwu den Geschwister-Scholl-Preis für sein Werk Für ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen (diesseits berichtete).

Jürgen Dehmers: Wie laut soll ich denn noch schreien? Die Odenwaldschule und der sexuelle Missbrauch. Rowohlt 2011. 320 S. 19,95 Euro.