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Vatileaks: Von Kriegen, die im Vatikan stattfinden

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Der italienische Journalist Gianluigi Nuzzi hat mit seinem Buch "Sua Santità" die Vatileaks-Affäre ausgelöst. Kurz nach dem Erscheinen des Buches in Italien im Frühjahr 2012 wurde der pästliche Kammerdiener Paolo Gabriele festgenommen. Er soll dem Journalisten zahlreiche geheime Dokumente aus dem Schreibtisch von Papst Benedikt XVI. zugespielt haben und wird sich nun wohl vor Gericht verantworten müssen. Nun erscheint die deutsche Ausgabe von Nuzzis Enthüllungsbuch, das neben Abbildungen der Dokumente auch pikante Details zum Verhältnis des deutschen Papstes zu seiner Kirche in der Heimat enthällt. "Seine Heiligkeit" ist für alle Beteiligten eine peinliche Angelegenheit.
Dienstag, 11. September 2012
Nuzzi - PK 1

Der italienische Journalist Gianluigi Nuzzi wirkte nachdenklich bei der Vorstellung der deutschen Ausgabe seines Buches über die geheimen Papiere von Joseph Ratzinger alias Papst Benedikt XVI. | Foto: Thomas Hummitzsch

Nachdenklich wirkte Gianluigi Nuzzi, als er vergangene Woche sein Buch über Die geheimen Briefe aus dem Schreibtisch von Papst Benedikt XVI. vorstellte, welches seit gestern im deutschen Buchhandel ist. Immer wieder hielt er inne und wägte seine Worte ab, mit denen er das Buch Seine Heiligkeit vorstellte. Bereits das italienischsprachige Original Sua Santità hatte bei seinem Erscheinen im Mai für Furore gesorgt, weil kurz nach der Publikation der päpstliche Kammerdiener Paolo Gabriele in vatikanische Haft genommen worden war. Das Buch gilt seither als Auslöser für die Vatileaks-Affäre und wird als solches in die Geschichte eingehen.

Dabei deckt der italienische Journalist Gianluigi Nuzzi darin kaum neue Skandale auf. Was er aber leistet, ist Folgendes: Er bringt Ordnung in Vorwürfe und Diffamierungen, sortiert Verantwortliche und Beschuldigte, Täter und Opfer, Geschichten und Tatsachen. Die Federführenden von so manchem vatikanischen Skandal werden hier zweifelsfrei zugeordnet, Quellen erstmals genannt, so dass die vielen anonymen Vorwürfe nun erstmals auch "Täterprofilen" zugeordnet werden können.

Gianluigi Nuzzi - Ein stiller Aufklärer

Nuzzi rühmt sich nicht im Licht des Erfolges. Er ist ein stiller, fast schweigsamer Journalist, der weiß, dass das Aufdecken und Zusammenführen von Informationen ein wesentlicher Teil seiner Arbeit ist. Seine Bedachtsamkeit ist daher nicht auf Unsicherheit zurückzuführen, sondern eher Zeichen des Gegenteils. Das Buch ist das Resultat seines täglichen Tuns. Insofern haben ihn auch die Reaktionen aus dem Vatikan überrascht. Zum einen der erfolglose Versuch, ihn zu verklagen. Und zum anderen das rigide Vorgehen gegen Nuzzis mutmaßlichen Hauptinformanten Paolo Gabriele.

Die Nachdenklichkeit des italienischen Journalisten während der Buchpräsentation am vergangenen Montag hat zwei Gründe. Zum einen ist sie darauf zurückzuführen, dass Nuzzi einen grundsätzlichen Irrtum richtigstellen will. Viele Journalisten hofften, Nuzzi würde ein Werk vorlegen, was ähnlich ins Kontor der Kirchenmoral schlägt, wie der weltweite Missbrauchsskandal. Gemessen an den Ausmaßen der Vatileaks-Affäre ist das tatsächlich eingetreten. Das war aber nie die Absicht des Investigativjournalisten. Er wollte nie hämisch die Kirche mit dem Bad ausschütten, sondern einfach nur zeigen, dass der Ministaat Vatikan genauso funktioniert, wie jeder andere Staat auch. Wer in diesem Staat Christlichkeit sucht, sucht an der falschen Stelle. Das sagt Nuzzi zwar nicht, aber man kann einen Satz wie diesen aus seinen Aussagen ableiten. Nuzzi versteht sein Buch Seine Heiligkeit in erster Linie als eine Sammlung und Auswertung ihm übergebener Dokumente, die er zwar offen- und auslegt, aber weder moralisch noch abschließend bewertet.

Seine Bedachtsamkeit ist zum anderen aber auch auf seinen eigenen Katholizismus zurückzuführen. Wer genau hinsah, konnte erkennen, dass ihm der Zustand der Kirchenorganisation, deren Abgründe er in seinem Buch ein zweites Mal offenlegt, auch wehtut. Bei der Vorstellung der deutschen Auflage seines Buches gestand Nuzzi, dass er als Katholik gelitten und ein starkes Unbehagen aufgrund der innervatikanischen Machtkämpfe verspürt habe. Kurzzeitig war sogar etwas wie Ärger spürbar, als er seine bedachte Haltung verließ und schimpfte, dass die Heftigkeit der von ihm aufgedeckten Machtkämpfe erkennen lasse, „wie sehr manche Teile dort von der eigentlichen Kirche entfernt sind". Anschließend zog er sich sofort wieder zurück und betonte in aller Behutsamkeit, dass Glaube und Kirche zu trennen sind. Er hat dies strikt getan. Wer sein Werk aufmerksam liest, wird kein Wort gegen Gläubige und ihren Glauben finden, aber viele Seiten lang davon lesen, dass der Vatikan nur noch schwerlich mit christlichen Werten in Einklang zu bringen ist.

Gianluigi Nuzzi_Seine Heiligkeit

Ist Nuzzis Kronzeuge der inhaftierte päpstliche Kammerdiener? 

Gianluigi Nuzzi macht in Seine Heiligkeit geheime vatikanische Dokumente erstmals der Öffentlichkeit zugängig. Die darin versammelten Protokolle, Briefe, Urkunden, Pressemitteilungen, Notizen, Depeschen und viele weitere Schriftstücke, die allesamt über den Schreibtisch des Papstes gegangen, von diesem gelesen, kommentiert oder selbst geschrieben worden sind, zeigen den Vatikan als korrupten, machtgetriebenen, zerrütteten und zerstrittenen, von Egomanen und Profilneurotikern gesteuerten Kleinstaat. Sie erlauben einen Blick in die innervatikanischen Abläufe in den Zeiten der wohl größten Krise der katholischen Kirche. Missbrauchsskandale, Finanznöte, der Verlust einer Daseinsberechtigung, moralische Schwäche - all das treibt die Kirche innen und außen um und fordert sie heraus wie nie. Und mit dem Schwinden gesellschaftlichen Rückhalts unterlaufen ihr zahlreiche Fehler.

Der inhaftierte päpstliche Kammerdiener Paolo Gabriele gilt allgemein als Kronzeuge und Hauptinformant des italienischen Journalisten, der dies weder bestätigen noch kommentieren will. Nuzzi betonte am vergangenen Montag aber, dass er seine Informationen von mehreren Personen erhalten habe. Paolo Gabriele gehört zweifelsohne dazu. Bei seinem letzten Treffen mit ihm sei dieser „sehr klar und mit sich im Reinen" gewesen, da er sich auf seinen Glauben stützen konnte, berichtet er. Darüber hinaus erfährt man nur so viel zu den Quellen des italienischen Journalisten:

  • Er hat seine Informationen von mehreren Personen.
  • Er hat diese auf der ganzen Welt getroffen.
  • Seine Gesprächspartner kennen den Vatikan von innen und von außen.

Der Kontakt zu seinem Hauptinformanten mit dem Decknamen „Maria" sei nach seinem ersten Buch über die Finanz- und Politskandale der katholischen Kirche Vatikan AG entstanden. Darin hatte Nuzzi die undurchsichtigen Machenschaften des Vatikans in finanziellen Angelegenheiten beleuchtet und deren Tragweite deutlich gemacht. Dass die Vatikanbank IOR und ihr Einfluss auf zahlreiche Politskandale in den vergangenen Jahren ins Visier italienischer und europäischer Finanz- und Geldwäscheexperten geraten sind, ist nicht zuletzt auch Nuzzi zu verdanken. Der Expertenausschusses des Europarates für die Bewertung von Maßnahmen gegen Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung MONEYVAL veröffentlichte erst im Juli seinen ersten Bericht, in dem er allgemein die jüngsten Bemühungen des Vatikanstaates, Geldwäsche zu unterbinden, begrüßte, zugleich aber betonte, dass die jüngsten Vorwürfe nicht Gegenstand der Untersuchungen gewesen seien (Pressemitteilung).

Ein Zwergenstaat mit Weltmachtanspruch

Nuzzi zeigt den Vatikan in seinem neuen Buch einerseits als territorialen Zwergenstaat mit exterritorialem Weltmachtanspruch, der bei seiner Beziehungspflege zu anderen Staaten immer wieder über das Ziel hinausschießt. Andererseits bildet er auf der Basis der gesichteten Dokumente aber auch ein umfassendes Panorama der weltweiten Schwierigkeiten ab, vor denen die katholische Kirche steht. Sein Buch erzähle „von Kriegen, die im Vatikan stattfinden", fasst Nuzzi diese Sammlung an Informationen zusammen. Entsprechend geht es in dem Buch thematisch durcheinander. Mal stehen die Piusbrüder im Mittelpunkt einiger Ausführungen, dann geht es wieder um den Missbrauchsskandal. Seitenlang nimmt Nuzzi das innerkirchliche Regiment von Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone (der in dem Buch mit zahlreichen Affären in Verbindung gebracht wird) auseinander, dann wieder in einzelnen Abschnitten die fehlende Durchsetzungskraft der Kirche gegenüber erzkatholischen Splittergruppen. Eine klare Linie zieht sich nicht durch das Buch; Nuzzis Ausführungen sind sprunghaft - wohl auch, weil es der katholischen Kirche und dem Vatikan an klarer Linie fehlt.

Seine Heiligkeit liefert in einer Art Rundumschlag eine Aufstellung der Probleme der katholischen Weltkirche: Von den moralischen Schwierigkeiten aufgrund der Missbrauchsskandale um die Legionäre Christi, die Annäherung an die Piusbruderschaft, die radikalen Positionen des Opus Dei oder die Missbrauchsfälle über die Finanzprobleme der Kirche mit schwarzen Kassen, Geldwäsche, Korruption und Entschädigungszahlungen bis hin zu den innerkirchlichen Streitigkeiten, Auseinandersetzungen und persönlichen Diffamierungskampagnen.

Manches von dem, was man nun lesen kann, ist für den deutschen Leser nur von nebensächlichem Interesse, da es die Beziehungen zwischen Vatikan und dem italienischen Staat beleuchtet. Einiges betrifft die internationale Bühne und ist spannend zu lesen, da man Einblicke in die vatikanische Diplomatie erhält. Und vieles von dem, was man hier liest, verwundert nicht; schon gar nicht die kirchenskeptischen Leser. Und dennoch schüttelt man innerlich immer wieder den Kopf, weil die Vorstellungskraft übersteigt, was man da an vatikanischer Logik und Argumentation liest.

Nuzzi - PK 2

Ginaluigi Nuzzi reiste für die Präsentation der deutschen Ausgabe seines Vatileaks-Buches extra in Berlin an und stellte sich den Fragen der Journalisten | Foto: Thomas Hummitzsch

Der Vatikan und die deutsche Kirche

Gianluigi Nuzzi geht in seinem neuerlichen Vatikan-Buch auch auf einige Fragen ein, die einen expliziten Deutschlandbezug aufweisen. So liest man, dass die Beziehung zwischen Papst Benedikt XVI. und seinem Nuntius in Berlin, Jean-Claude Périsset, mindestens gestört, wenn nicht sogar zerrüttet ist. Beispiele dafür liefert Nuzzi zuhauf. So hatte sich Ratzinger eine deutlichere Positionierung seines Nuntius gewünscht, als Angela Merkel die Aufhebung des Exkommunikation der Pius-Bischöfe anno 2009 aufgrund deren antisemitischer Positionen verurteilt hatte und den Papst aufforderte, deutlich klarzustellen, dass es eine Leugnung des Holocaust, wie sie Piusbruder Richard Williamson noch kurz vor der Aufhebung der Exkommunikation erklärt hatte, nicht geben darf.

Die Reaktion des Nuntius auf die Äußerung von Frau Merkel (Anlage 1 zum Brief vom 4. Februar) ist zu schwach – nur eine Information. Nötig gewesen wären dagegen klare Worte des Protests gegen diese Einmischung in die Angelegenheiten der Kirche.

Auch die Haltung von Kardinal Karl Lehmann, der eine Entschuldigung des Heiligen Vaters bei den Kirchenmitgliedern und den Juden gefordert hatte, sowie die weitere Kritik aus der deutschen katholischen Kirche stieß im Vatikan auf deutliche Irritationen. Es sei notwendig, „die Reaktionen aller deutschen Bischöfe zu kennen", schrieb der Papst vertraulich an seine Mitarbeiter, „um die Linie des Heiligen Stuhls zu verdeutlichen", wenn der „mediale Tsunami" vorbei sei.

Auch in Sachen Weltbild-Verlag finden sich Informationen in Nuzzis Buch. Als im Oktober 2011 deutsche Medien enthüllen, dass Deutschlands zweitgrößter Buchhändler im Besitz einiger deutscher Bistümer sein Geld mit esoterischen und pornografischen Büchern verdient, ist die Aufregung groß. Erinnerungen an Italiens berühmtestem Sexclub der 1980er Jahre, dem Mailänder Teatrino, werden wach, der in einem Haus des Kapuzinerordens untergebracht war. Außen hui, innen pfui. Der Papst wollte sich selbst ein Bild von der Causa Weltbild machen. Stundenlang zog er sich mit den Unterlagen und Presseberichten zurück, bis er zu der Entscheidung kam, dass die Angelegenheit schnell geregelt werden müsse, um Schaden von der Kirche abzuwenden. Ee empfahl eine schnelle Trennung von dem Unternehmen:

In Anbetracht des Problems und des Skandals glaube ich, dass man den deutschen Bischöfen ‚helfen' muss, sich sofort von diesem Verlag zu trennen.

Inzwischen ist es kein Geheimnis, dass dies nicht geschehen ist. Da der Verlag in Zeiten fehlender Einnahmen eine sichere Finanzquelle darstellt, haben sich die deutschen Bischöfe geeinigt, den Verlag in eine gemeinnützige Stiftung umzuwandeln, deren Gesellschafteranteile karitativen Zwecken zukommen sollen. Ob man esoterische und pornografische Titel aus dem Sortiment nimmt, ist noch nicht entschieden. Während etwa der puritanische SM-Porno und Kassenschlager Shades of Grey mit Warnhinweis zu kaufen ist, ist das Aufklärungsbuch Make Love indiziert worden (diesseits berichtete). Die Doppelmoral setzt sich fort.

Eines aber wird auf den speziell dem deutsch-vatikanischen Verhältnis gewidmeten Seiten deutlich. Das Verhältnis des Vatikan zu Deutschland, der deutschen katholischen Kirche und den deutschen Katholiken ist aus vatikanischer Perspektive deutlich kühler, als dies hierzulande manchmal scheint.

Joseph Ratzinger - Ein einsamer Papst?

Das Erstaunlichste an Nuzzis Enthüllungen ist aber das persönliche Engagement des deutschen Papstes. Man ist erstaunt, festzustellen, dass Joseph Ratzinger alias Benedikt XVI. selbst an Formulierungen in Pressemitteilungen mitschreibt, kaum eine Notiz unkommentiert lässt und das Verhalten von katholischen Repräsentanten in aller Welt be- und auswertet, um die Kirche auf Linie zu bringen.

Zugleich scheint er damit ziemlich allein dazustehen. Wenn sich die Wolken über dem Petersdom zusammenziehen, sucht Benedikt XVI. - glaubt man Nuzzis Ausführungen - die Einsamkeit und seine kleine pontifikanische Familie. Nicht mit Kardinälen und Delegationen, sondern mit seinen Köchinnen und Hausangestellten speist der Papst, einfach, schlicht und unprätentiös. Als wöllte Gianluigi Nuzzi den Leser mit diesem Papst und seiner Kirche versöhnen, präsentiert er ihn als einfachen Mann von nebenan. Warum diese täuschenden, journalistisch schlechten (weil eine Reportage vorspielenden) Seiten? Eine Antwort bleibt Nuzzi schuldig.

Aber es ist Gianluigi Nuzzi zu verdanken, dass man nun nachvollziehen kann, wie rücksichtslos und wenig empathisch Ratzinger und sein Kirchenstaat dabei vorgehen. Die ihm vorliegenden Dokumente befinden sich alle im Anhang des Buches, können im Original und in der deutschen Übersetzung eingesehen werden. Im Gegensatz zu seinem Untersuchungsgegenstand lässt Gianluigi Nuzzi Transparenz walten, soweit es der Quellenschutz zulässt. Schließlich soll sich jeder selbst ein Bild von der Kirche und ihren inneren Zuständen machen. Gianluigi Nuzzi liefert nicht das Urteil, über das es nur noch zu berichten gilt, sondern das Anschauungsmaterial.

Gianluigi Nuzzi: Seine Heiligkeit. Die geheimen Briefe aus dem Schreibtisch von Papst Benedikt XVI. Aus dem Italienischen von Enrico Heinemann, Walter Kögler, Christiane Landgrebe, Antje Peter und Rita Seuß. Piper Verlag 2012. 415 Seiten. 22,99 Euro.