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Nabelschau aus der Loge

Auch die überarbeitete Auflage von "Die Freimaurer" ist keine unparteiische kulturhistorische Analyse der Freimaurerei, sondern allenfalls eine repräsentative Selbstdarstellung der österreichischen Freimaurer.
Mittwoch, 18. Mai 2011
Kraus - Freimaurer

Freimaurer gingen seit dem 14. Jahrhundert aus Mitgliedern von Logen, Bruderschaften oder Gilden hervor, die sich in der Tradition von Dombauhütten bildeten. Davon übernahmen sie Begriffe, Symbole, Gliederungen und vor allem den damals im Berufswissen begründeten Hang zur Geheimniskrämerei. Seit dem unterscheiden sie auch Meister und Gesellen. Loge bedeutet sowohl „Hütte" wie „Gemeinschaft". Die Aufnahme erfolgt unabhängig von Rasse, Religion, Nation und Stand.

1717 entstanden in England die ersten Großlogen, die erste deutsche 1737 („Absalom") in humanistisch-deistischem Geist. 1738 trat der preußische Kronprinz, der spätere Friedrich II. von Preußen, der Loge bei. Im gleichen Jahr verbot Papst Klemens XII. die Freimaurer per Bannbulle aus allen katholischen Ländern. Gerade dort waren sie bis in die 1920er Jahre Sammelbecken von gemäßigten Freidenkern und engagierten Libertinisten, die eine mehr oder minder radikale Trennung Staat und Kirche wollten und in Frankreich mit der Revolution und in den USA mit Staatsgründung politisch wurden.

Dieser radikaleren Geschichte in den katholischen Ländern (mit Ausnahme im Wesentlichen Österreichs) stand eine andere in den protestantischen gegenüber, die in den Zeiten der Aufklärung wahren Humanismus, edle Menschlichkeit und sittliche Reifung in den Eliten beförderten, was in Preußen zur Aufnahme von Reformern führte (Blücher, Claudius, Fichte, Friedrich III., Gneisenau, Goethe, v. Hardenberg, Haydn, Herder, Klopstock, Körner, Lessing, vom Stein, Wilhelm I., Wieland und Mozart in Österreich). 1905 kam es in Deutschland zur Gründung des radikal-freidenkerischen „Freimaurerbundes Zur Aufgehenden Sonne". Die Nationalsozialisten verboten und verfolgten „Juden, Freimauer und Jesuiten". Die heutigen Freimaurer, so zeigt das Buch, leben weitgehend in und von ihrer Heroengeschichte; zugleich sind sie Kommunikationsvereine für Lobby-Interessen, worauf nicht eingegangen wird.

Michael Kraus - © Ecowin Verlag. Foto: Martin Vukovits.

Seit 27 Jahren Freimaurer und seit 2002 Großmeister der Großloge von Österreich - Herausgeber Michael Kraus

Die vorliegende Publikation ist keine wissenschaftlich-objektive Darstellung dieser Geschichte und Gegenwart, sondern eine repräsentative Selbstdarstellung der österreichischen Freimaurer und (am Ende) ihres Eingebundenseins in die internationale Logenlandschaft. Herausgeber des ansprechenden und im Mittelteil mit schönen bunten Fotos versehenen Werkes ist Dr. Michael Kraus. Er wurde vor 27 Jahren Freimaurer und ist seit 2002 Großmeister der Großloge von Österreich. Der Herausgeber nennt eine Mitliederzahl von 3.000. Sein Vorgänger Nikolaus Schwärzler betont in seinem Vorwort, dass Die Freimaurer als sachliches Gegenbild zum Erfolgroman von Dan Brown Das verlorene Symbol zu lesen seien.

Aus Anlass des 250. Geburtstages der ersten Loge in Österreich im Jahre 2006 kam eine Erstfassung des vorliegenden Buches heraus, nun eine gründlich erneuerte. Der Herausgeber trägt sein Anliegen und das seiner Loge in sechs Kapiteln vor, als ideales Modell, Wesen und Werte, Freimaurer und Loge, Positionen, Fakten und die Weltfreimaurerei.

Außer einigen kleineren Logen in den USA sind Freimaurer, auch die im Buch vorgestellten, die sich auch ausdrücklich dazu bekennen - Bünde von freien Männern „von gutem Ruf", (Ehe-)Frauen sind bei Festlichkeiten gern gesehen. Auch sonst gibt die Lektüre den Eindruck großer Traditionsverbundenheit, gekoppelt an ein betont nicht modernes, „harmonisierendes" Verständnis von „kultureller Evolution". Es scheint, als hätten die Freimaurer nicht nur für sich die Bausteine parat, aus der eine neue, bessere Welt gemauert werden könnte. So ist auch der Humanismus, auf den sie sich berufen, eine Art „Einübungsethik" der allgemeinen Menschlichkeit. Gebaut werden soll auch weniger an der Gesellschaft, als vielmehr an der Haltung jeden Mitglieds, zu dem man nicht gemacht werden kann, sondern man findet hin und wird - falls akzeptiert - für würdig befunden und rituell aufgenommen. Verschwiegenheit wird nicht wegen der Geheimhaltung erwartet, sondern - so wird es zumindest gesagt - um Eitelkeiten zu vermeiden.

Gelegentlich wurden Freimaurer mit Freidenkern verwechselt (die sie in einigen Ländern vormals tatsächlich waren). Heute ist das unbegründet. Freimaurer haben mit Religionen „kein Problem" - auch nicht mehr mit der Katholischen Kirche, vor allem seit 1983, als die Freimaurerei aus dem Kanon der Exkommunikationsgründe entfernt wurde, worauf die Betreffenden über Jahre hinarbeiteten.

Eine unparteiische kulturhistorische Analyse der Freimaurerei liegt derzeit noch nicht vor - auch nicht mit diesem Buch. Wer sich aber weiter über die Freimaurer authentisch informieren möchte, dem seien vier Lektüren empfohlen: Will-Erich Peukerts, aus weit zurückgreifender ethnologischer Sicht geschriebene Publikation Geheimkulte (1951, neu 1988); Georg Schuster Die geheimen Gesellschaften, Verbindungen und Orden. Erster Band für eine historische Sicht (1905) in der 2. Aufl. 1991; Freimaurer heute - Lebens- und Geisteshaltung der Freimaurer von Alexander Giese (ebenfalls östereichischer Freimaurer) aus dem Jahr 2007 und nicht zuletzt Matthias Pöhlmanns, aus evangelischer Perspektive geschriebenes Büchlein Verschwiegene Männer. Freimaurer in Deutschland (2. Aufl. 2006, EZW-Text 182). 

Hier geht's zur Leseprobe des Kapitels Missverständnisse und Missbrauch - Die populären Irrtümer.

Michael Kraus (Hrsg.): Die Freimaurer. Ecowin 2011. 200 S. mit farbigen Abbildungen. 22,90 Euro.

Foto: Martin Vukovits, © Ecowin Verlag.