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Die Moderne erhält Einzug

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Donnerstag, 1. Dezember 2011
Kunstsalon Cassirer. 1898-1905

Bernhard Echte, Walter Feilchenfeldt. Kunstsalon Cassirer. 1898-1905. Nimbus 2011

Wenn der Begriff Sisyphusarbeit in der digitalisierten Google-Algorithmus-Moderne überhaupt noch eine Relevanz besitzt, dann in dem, was Bernhard Echte und Walter Feilchenfeldt in den vergangenen Jahren geleistet haben. Mit der Ausdauer des griechischen Helden haben sie in mühsamer Kleinarbeit die nach 1933 zum Großteil verloren gegangene Galeriegeschichte des Kunstsalons Cassirer aus Zeitungs- und Kunstarchiven gehoben und legen nun eine umwerfende Dokumentation des wohl faszinierendsten Stücks deutscher Kulturgeschichte im 20. Jahrhundert vor.

Auf den gut 1.250 Seiten bieten die zwei Bände reich illustriert sämtliche Informationen zu allen 59 (!) Ausstellungen, die in der Kunsthandlung zwischen 1898 und 1905 stattgefunden haben. Da die Galerie-Archive seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen sind, ist die dichte Ausstellungsgeschichte nur noch über die Berichterstattung in der vielfältigen Berliner Presselandschaft nachvollziehbar. Diese haben Echte und Feilchenfeldt nicht nur zu Zwecken der Rekonstruktion durchkämmt, sie machen sie zum Teil ihrer Dokumentation. So kann man sogleich die Rezeption des Salons nachvollziehen und feststellen, dass die Präsentationen in der Berliner Viktoriastraße 35 nichts Geringeres darstellten, als eine Schule des Betrachtens.

Kunstsalon Cassirer. 1898-1905

Das Cassirersche Tun eröffnete dem piefigen Berliner Kleinbürgertum die Welt grandioser europäischer Kunst. Lucas Cranach, de Goya, Delacroix, Degas, Manet, Monet, Pissaro, Cézanne, van Gogh, Corinth, Liebermann, Slevogt, Leistikov, Munch, Zille, Kolbe u.v.m. wurden in der Kunsthandlung Cassirer ausgestellt und verkauft. Über die Viktoriastraße 35 fuhr die Moderne in Berlin ein. Mit diesen prächtigen Bänden kann man diese Anreise nun erstmals detailliert nachvollziehen.

Bernhard Echte, Walter Feilchenfeldt: Kunstsalon Cassirer. 1898 – 1905. Nimbus 2011. 1.254 S. 98,- Euro.