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Ist der Mensch eine Schachfigur?

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Der US-amerikanische Neurowissenschaftler Michael Gazzaniga macht sich in seinem aktuellen Buch auf die Suche nach dem Entstehungsort von Bewusstsein und freiem Willen und stellt dabei die provozierende Frage, ob der Mensch nicht eine Art lebendige Maschine ist, die von den Kräften des Universums hin und her geschubst wird.
Dienstag, 31. Juli 2012
Gazzaniga_Ich-Illusion

Mein Weltbild habe ich nicht, weil ich mich von seiner Richtigkeit überzeugt habe. Es ist vielmehr der überkommene Hintergrund, auf welchem ich zwischen wahr und falsch unterscheide.

So polemisierte schon Ludwig Wittgenstein gegen das - wie er meinte - weit verbreitete Missverständnis, man sei frei im Denken und Sprechen. So ganz Unrecht hatte er wohl nicht, denn Michael Gazzanigas Ausführungen in seinem aktuellen Buch Die Ich-Illusion machen deutlich, dass die neuronalen Prozesse in unserem Gehirn das meiste schon geregelt haben, bevor wir überhaupt merken was wir denken und tun. Andererseits legt der Autor, der das Sage Center für Bewusstseinsstudien an der kalifornischen Santa Barbara Universität leitet, Wert darauf festzustellen:

Wir sind als Individuen für unsere Handlungen selbst verantwortlich, obwohl wir in einem kausal vorbestimmten Universum leben.

Im Spannungsfeld dieses Dilemmas bewegt sich das ganze Buch. Der Autor zeigt, wie sehr die wissenschaftliche Forschung, vor allem die Neurowissenschaften und Evolutionsbiologie, in den letzten Jahren die Determiniertheit der menschlichen Existenz bewiesen haben. Wie immer man es beschreibt, letztlich sind wir nur eine Art lebendiger Maschinen, „die als automatische und geistlose Vehikel physikalisch determinierter Kräfte des Universums funktionieren, Kräfte, die stärker sind als wir." Seien es nun biochemische Prozesse im Gehirn, die unsere Gedanken, Gefühle und Taten bestimmen und die uns dann, sofern sie bewusst geworden sind, als Illusion eines freien Willens erscheinen. Seien es evolutionär festgelegte Reaktions- und Verhaltensmuster, die aufgrund der Begrenztheit und des Täuschungspotentials unseres Wahrnehmungsapparates bestimmen, wie wir die Welt (zu) sehen (haben).

Aus einer solchen, rein naturwissenschaftlichen Sicht trägt oder besitzt kein Mensch einen Wert an sich. Wir alle sind Schachfiguren eines großen Kausalzusammenhanges, den wir nicht kennen und schon gar nicht beeinflussen können. Wie geht man mit diesen, nach momentanem Forschungsstand gesicherten Erkenntnissen um, sofern man sie ernst nimmt und sich nicht in beispielsweise religiös begründete Scheinkonstruktionen flüchtet? Gewöhnlich neigen wir dazu es im alltäglichen Leben schlicht zu ignorieren. Stattdessen nehmen wir das Leben, wie es uns erscheint, und versuchen dabei, es möglichst zu genießen – wohl wissend, dass es sich um eine Illusion handelt.

Michael Gazzaniga

Michael Gazzaniga | Foto: www.psych.ucsb.edu

Gazzaniga beschreibt eine andere Perspektive auf dieses Dilemma. Nach seiner Ansicht wirken alle Lebenserfahrungen, persönliche wie gesellschaftliche, auf unser mentales System ein. Den menschlichen Geist interpretiert er allerdings nicht nur als ein kausal bestimmtes Resultat von neuronalen Gehirnaktivitäten, sondern als eine auf diesen Aktivitäten beruhende, aber sich daraus in einer neuen organisatorischen Qualität entwickelnde Fähigkeit des Gehirns – als ein emergentes System. Für ihn ist also die Wechselwirkung der verschiedenen Ebenen – dem automatisch funktionierenden Gehirn und dem sich darauf mit vielen anderen Aspekten neu organisierenden Bewusstsein – das wesentliche Charakteristikum für die menschliche Individualität. Diese Prozesse genauer zu untersuchen und damit einerseits das Gehirn zu entmystifizieren und andererseits für die Wechselwirkungen unterschiedlicher Organisationsebenen des Bewusstseins ein Vokabular zu entwickeln, darin sieht Gazzaniga die zentrale Aufgabe der Neurowissenschaften in den kommenden Jahren.

Die Ich-Illusion ist Buch, das den Forschungsstand zum Thema menschliches Bewusstsein und die gesellschaftliche Diskussion um den freien Willen gut lesbar zusammenfasst. Es werden nicht nur die Ergebnisse der Neurowissenschaften vorgestellt und kritisch diskutiert, sondern auch das, was die Quantenphysik, die Evolutionsbiologie und Anthropologie, die Soziologie und Sozialisationsforschung, Moralforschung und Rechtswissenschaften zum Thema beizutragen haben. Und letztlich bleibt die Erkenntnis, dass es sich mit der Ich-Illusion genau wie mit vielen anderen Illusionen verhält. Es lebt sich ganz gut damit.

Michael Gazzaniga: Die Ich-Illusion. Wie Bewusstsein und freier Wille entstehen. Aus dem Englischen von Dagmar Mallett. Hanser Verlag 2012. 280 S. 24,90 Euro

Eine Leseprobe des Buches finden Sie hier.