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Und der Mensch kooperiert doch

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Folgt man Darwin, dann tobt in der Natur ein Kampf ums Überleben. Immer? Nicht ganz! Der Humanist unter den Verhaltensforschern, Frans de Waal, zeigt, das Kooperation und Empathie zu unserer Grundausstattung gehören.
Dienstag, 10. April 2012

Der bekannte Verhaltensbiologe und Primatenforscher Frans de Waal (Atlanta, USA), hat mit Das Prinzip Empathie erneut ein äußerst informatives und humorvolles Buch geschrieben, das dem Nachweis der evolutionären Entwicklung zentraler menschlichen Fähigkeiten bei Tieren nachgeht. In früheren Publikationen schilderte er, wie das Unterscheiden von Recht und Unrecht, Zärtlichkeit, Gegenseitigkeit oder Kriegsführung nicht nur dem Menschen vorbehalten sind, sondern in unterschiedlichen Abstufungen auch bei anderen Tieren vorhanden sind. Im neuen Buch entwickelt er die gleiche These für das Vermögen zur Empathie. Er versteht diese als Fähigkeit sich „anderen verbunden zu fühlen, sie zu verstehen und (sich) in sie hinein zu versetzen."

Gerade die einfacheren Ausprägungen von Empathie bei z.B. Hunden, Tieraffen, Menschenaffen und Menschen bestätigen derer evolutionären Entwicklung.

De Waal und seine Mitarbeiter/innen versuchen mit Hilfe von Beobachtungen im eigenen Zoogehege und auf Grund vieler Studien anderer, deutlich zu machen, dass Empathie oder wichtige Teilelemente davon, wie: andere verstehen, antizipieren oder trösten, schon bei vielen Tieren wie Primaten, Hunden, Delphinen, Elefanten und sogar Vögeln zu finden sind. Sympathisch und sehr wichtig erscheint dabei seine Beteuerung, dass er es in den eigenen Studien ausdrücklich vermeidet, Tieren Schmerz oder Beeinträchtigungen zuzufügen.

Die Tatsache, dass Tieraffen vor allem nur Gefühlsansteckung kennen, Menschenaffen darüber hinaus zur Perspektivenübernahme in der Lage scheinen, und schließlich Menschen im Gegensatz zu Menschenaffen das Bedürfnis zeigen, nicht nur über Sachen zu kommunizieren, die direkt von Interesse sind, aber über alles was uns einfällt, zeigt eine graduelle Zunahme der Gegenseitigkeit und ist somit eine klare Bestätigung derer Evolution.

Das christlich und auch humanistisch geprägte Menschenbild der prinzipiellen Unterscheidung von Mensch und Tier wird durch die Verhaltensbiologie eindeutig widersprochen.

Es geht de Waal sicherlich nicht darum, differenzierte Errungenschaften oder Merkmale der menschlichen Lebensweise als solche aus dem Auge zu verlieren, wie z.B. hochkomplizierte, symbolisch vermittelte Interaktionen. Genau dies hat den Menschen eine entscheidende Vormachtstellung gegen über vielen Tieren besorgt. Wichtig ist es ihm aber, eine Verabsolutierung des Unterschiedes zwischen Menschen und Tieren zu verhindern, da dies uns von wichtigen Kenntnissen über Formen und Entwicklungen unserer wichtigsten Fähigkeiten abschneidet. Daneben verteidigt er nicht nur die Evolutionstheorie, und damit seine eigene Forschungsergebnisse gegen eine in den USA sehr mächtige christliche Lobby sondern auch gegen Skepsis in den eigenen wissenschaftlichen Reihen der Verhaltensforschung. Schon alleine das Vorhaben Empathie untersuchen zu wollen, wurde bis vor kurzem immer noch von vielen Wissenschaftlern als ein Art Gefühlsdudelei abgetan. Mit der Entwicklung der Neurobiologie und seiner bildgebenden Verfahren veränderte sich diese Haltung. Empathie konnte sichtbar gemacht werden.

Frans de Waal: Das Prinzip Empathie

Frans de Waal: Das Prinzip Empathie. Was wir von der Natur für eine bessere Gesellschaft lernen können. Aus dem Englischen von Hainer Kober. Hanser Verlag 2011

De Waal lädt uns nun ein das christlich und leider auch traditionell humanistisch geprägte Menschenbild in Frage zu stellen, dass den Menschen auf Grund seiner Gottesebenbildlichkeit bzw. seiner Vernunftfähigkeit als grundverschieden von allen anderen Lebewesen versteht. Ein Menschenbild das interessanterweise immer noch häufig dazu führt, dass als negativ angesehene menschliche Eigenschaften als animalisch betitelt werden, wie z. B. Sexualität und Gewaltbereitschaft. Hiermit wrrd sowohl Menschen als auch Tieren unrecht getan. Vor allem wird die Chance vertan, zu verstehen, wie zentral die Empathiefähigkeit für den Aufbau von Gemeinschaften ist, ja wie sehr Empathiefähigkeit genetisch bedingt schon vorhanden ist. Mit vielen gut beschriebenen Beobachtungen zeigt de Waal, in welchem unterschiedlichen Ausmaß, das sich gegenseitig verstehen und sich ineinander hineinversetzen bei Tieren vorhanden ist.  Beeindruckend sind die wiederholten Tests mit Menschenaffen, die anderen Affen auch dann dabei helfen, an Essen oder Belohnungen zu kommen, wenn sie selbst nichts davon abbekommen können. Anderen helfen wollen primär damit es jenen besser geht: das scheint in der Natur weiter verbreitet zu sein, als wir denken.

Aber wenn Empathie auch schon bei Tieren vorhanden ist, warum sollte die „Misericordia" dann nur dem Menschen vorbehalten sein?

Gleichzeitig ist Frans de Waals Buch ein Plädoyer dafür, dass die Vorstellung, als seien Menschen von Natur primär nur geprägt vom „Kampf von allen gegen allen" und vom „Recht der Stärkeren" als einseitig und irreführend entlarvt werden muss. Empathie und Kooperation gehören vom Grund an zu den überlebenswichtigen Fähigkeiten von Menschen und Tieren. Sie müssen als Fähigkeiten nicht erst im Contrat Social beschlossen werden und in Erziehungsprozessen mühsam antrainiert werden. Eher geht es darum, im Prozess der Zivilisation dafür Sorge zu tragen, dass Menschen lernen, differenzierte Formen von Empathie aufzubringen für diejenigen, mit denen sie nicht in bestimmten Gruppen oder verwandtschaftlich verbunden sind. Sie müssen lernen bei Kooperationen viele unterschiedliche Interessen so gut wie möglich zu berücksichtigen. Die These, dass auch unschuldige Kinder zu Gewalt neigen, wie William Golding in seinem berühmten Buch „Herr der Fliege" begegnet de Waal mit der Feststellung, dass die Kinder im Buch von Angst und Hilflosigkeit beherrscht wurden. Dies ist aber in vielen Tier- und Menschengemeinschaften gar nicht der Fall. Auch in Tiergruppen wird daran gearbeitet ein differenziertes Gleichgewicht zwischen berechtigten Eigeninteressen und sozialer Verbundenheit herzustellen. Dass es Tieren dabei noch schwerer als Menschen fällt, von hierarchischen Strukturen abzuweichen, spricht nicht gegen die Evolution sozialen Verhaltens. Im Gegenteil wird die Evolutionstheorie gerade bestätigt durch die Tatsache, dass bei Menschenaffen schon öfter Verstöße gegen die strenge Hierarchie zu finden sind als bei Tieraffen oder Hunden.

Erstaunliches Verhalten

Frans de Waal beschreibt an mehreren Stellen das tröstende Verhalten von Tieren untereinander oder von Tieren gegenüber Menschen, denen es schlecht geht. So erzählt er, wie immer wieder nach Kämpfen zwischen Schimpansen, unbeteiligte Tiere sich aufgefordert fühlen den Unterlegenen ihre Schmerzen zu lindern. Sie liegen sich dabei buchstäblich schreiend in den Armen. Noch erstaunlicher ist der Bericht über einen Bonobo, der einen leicht verletzten, benommenen Vogel, der von innen gegen die Verglasung seines Geheges geflogen war, auf den höchsten Punkt eines Baumes trug. Dort angekommen breitete der Affe die Flügel des Vogels aus, um es danach wie ein kleines Flugzeug in die Luft zu werfen. Der Vogel flog weg. Anscheinend „wusste" der Affe auf Grund seiner Beobachtungen, was den Bedürfnissen des Vogels entsprach. Höchst interessant für unser Thema ist auch das Verhalten eines älteren Schimpansenmännchens, das zwei jüngere Schimpansen daran hindert, mit einem Entenküken, das sich verlaufen hat, ihr tödliches Spiel zu treiben. Das Alphatier verjagt wütend die beiden Jungtiere und schubst anschließend das Entenküken gekonnt zurück ins Wasser, wo es sich in Sicherheit bringen kann. Es gibt im Buch viele Beispiele für prosoziales Verhalten von Tieren und Menschen und beeindruckende Beschreibungen von Fähigkeiten, die sozusagen Bausteine für die Entwicklung empathischen Verhaltens sind.

Köstlich sind die Beschreibungen von Szenen, in denen bestimmte Vögel, die unter den Augen der Konkurrenz ihre Beute verstecken, diese erneut ausgraben und irgendwo anders verstecken, wenn die anderen Interessenten weggeflogen sind.

Offene Fragen

Natürlich gibt es aus wissenschaftlicher Sicht viele Probleme in der Verhaltensforschung bei Tieren, die mitbedacht werden müssen. Drei davon möchte ich hier benennen, da diese auch für de Waal selbst eine große Rolle spielen. Erstens: Es ist sehr schwer Tiere in ihrer natürlichen Umgebung in Versuchssituationen zu bringen. Eine gezielte Forschung mit Experimenten ist in der Natur fast nur dann möglich, wenn jemand Jahre lang mit bestimmten Tiergruppen zusammen lebt. Das führt zum zweiten Problem: Einige theoretische Aussagen von de Waal werden vor allem bestätigt von Einzelbeobachtungen. Er sagt zu Recht, dass Wissenschaftler auch aus Einzelbeobachtungen und eigenen Erfahrungen von bzw. mit Tieren viel lernen können. Ausreichend empirisch getragene Beweisführung bleibt so aber schwierig. Drittens: Deshalb bauen seine Aussagen zur Empathie auf eine Kombination von Literaturstudien, Einzelbeobachtungen (auch von anderen) und Experimenten in seinem eigenen Zoogehege.

Bei Experimenten tauchen für die Forscher selbst dann z.B. folgende Fragen auf:

Ist der Einfluss der Menschen, wenn sie z.B. Menschenaffen dazu bringen etwas zu tun, nicht gleichzeitig mit prägend für das Ergebnis? Bei Schlussfolgerungen für das Verhalten der Tiere in ihrer natürlichen Umgebung muss man also sehr vorsichtig sein. Da wir mit Tieren nicht reden können, können wir deren Innenverhältnis noch schwerer fassen als das schon bei anderen Menschen der Fall ist. De Waals Verdienst ist, dass er Empathie analytisch so darlegt, dass es tatsächlich möglich scheint, empathisches Verhalten zu beschreiben ohne Tiere dabei befragen zu können. Da kommen auch die bildgebenden Verfahren ins Spiel, mit dem großen Nachteil, dass Tiere dazu nicht ihre Einwilligung geben können.

Mit einem anderen, für uns Menschen wichtigem Thema möchte ich hier schließen.
Die vielen Beobachtungen bei Mensch und Tier zeigen, dass Mitgefühl und Interesse am Wohlergehen anderer am stärksten bei denjenigen ausgeprägt sind, die verwandt sind, zur gleichen Gruppe gehören oder sich auf jedem Fall miteinander identifizieren können. Dazu kommt, dass vor allem die beschriebenen männlichen Tiere jedes Zeichen von empathischem Verhalten verlieren gegenüber Artgenossen, die sie als direkte Konkurrenten erfahren. Dies ist natürlich auch für Menschen relevant. Die Botschaft, die de Waal uns bringen möchte, heißt also auch, dass, wenn wir auf unsere Fähigkeiten zur Selbstbehauptung und Mitgefühl bauen wollen, wir gut daran tun Angstabbau und Identifikation durch Begegnung mit Fremden so gut wie möglich zu fördern.

Frans de Waal: Das Prinzip Empathie. Was wir von der Natur für eine bessere Gesellschaft lernen können. Aus dem Englischen von Hainer Kober Hanser Verlag 2011. 352 S. 24,90 Euro.