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Mann, Frau, Gehirn

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In Nürnberg finden jährlich Seminare zu Themen aus der Gehirnforschung statt. Organisiert werden sie von dem kleinen Museum "turmdersinne". Jetzt ist das Buch des Symposiums aus dem Jahr 2010 erschienen, das sich mit der Frage nach den Geschlechterdifferenzen beschäftigt.
Donnerstag, 19. Januar 2012
Mann, Frau, Gehirn

Überraschend war zunächst, dass 700 Personen an dem turmdersinne-Symposium mit besagtem Thema teilnahmen. Das Thema stieß also auf ein großes Interesse. Nach den vielen populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen mit dem Motto „Frauen können nicht einparken und Männer nicht zuhören" ist das auch nicht erstaunlich. Dahinter liegt aber auch ein wissenschaftlicher Streit der mit Schärfe ausgetragen wird. Die Protagonisten sind die Gendertheoretiker und die Evolutionsbiologen.

Als überholt gilt allgemein, dass ein etwas größeres Gehirn der Männer eine intellektuelle Leistungssteigerung bedeuten würde. Gestritten wird aber darüber, ob die Gehirne von Männern und Frauen anders arbeiten oder ob alle Eigenschaften nur kulturell erlernte Muster sind. Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass Männer bessere mathematische und räumliche Fähigkeiten haben und Frauen dagegen bei sprachlichen Aufgaben überlegen sind. Wenn das den Mädchen in der Schule oft genug gesagt wird, dann kommt es auch zu dieser sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

Neue Studien kamen zu anderen Ergebnissen: Janet Mertz und Jonathan Karre haben die Daten von Hunderttausenden Schülerinnen und Schülern aus 86 Ländern ausgewertet, die den PISA- und Timss-Studien entstammen. Das Ergebnis zeigte große Unterschiede in den Ländern. In einigen waren Mädchen gut in Mathematik, in anderen nicht und in manchen war die Leistung gleich. Das dürfte aber nicht sein, wenn es angeborene biologische Unterschiede gäbe. Die Wissenschaftler wissen schon lange, dass die mathematischen Leistungen weniger differieren als die Selbsteinschätzungen der Schüler. (Siehe ihren Beitrag in den Notices of the American Mathematical Society, 2011)

Die Evolutionsbiologen betonen dagegen die Geschlechterunterschiede in Bezug auf die Sexualität des Menschen. Danach sollen Männer sehr stark auf weibliche Gesundheit und Fruchtbarkeit ansprechen, die im Begriff der Schönheit erfahren werden. Frauen dagegen favorisieren bei Männern Status und körperliche Dominanz. Die Kulturtheoretiker halten allerdings sofort dagegen: das würde sich sofort ändern, wenn die ökonomische Sicherheit der Frauen den Männern gleich wäre.

Salomonisch fassen einige Referenten den Streit so zusammen:

Die Diskussion über Geschlechterunterschiede in unserem Denken kann also keine darüber sein, inwieweit wir durch Natur oder Kultur geformt wurden, sondern vielmehr wie Natur und Kultur zusammenwirken, um unser Denken zu formen.

Helmut Fink/Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Mann, Frau, Gehirn – Geschlechterdifferenz und Neurowissenschaft; mentis Verlag 2011, 174 S., 29,80 Euro.

Hier können Sie die Einleitung des Buches lesen und auf den Geschmack kommen.