Die Moral von der Geschicht' …
Ein Buch über Moral zu schreiben wäre vor zehn Jahren problematisch gewesen. Da sich jedoch die Wertvorstellungen verändert haben, steigt das Interesse stetig. Das bewies auch der Zuspruch der gut besuchten Lesung mit Rainer Erlinger in Berlin. Rainer Erlinger, geboren 1965, arbeitet als Publizist auf dem Gebiet der Ethik und schreibt regelmäßig über „Die Gewissensfrage", eine Kolumne in der Süddeutschen Zeitung. Nach seinen Gedanken über „Gewissensbisse" hat Erlinger nun ein Buch über die Moral veröffentlicht, Untertitel: „Wie man richtig gut lebt".
Kant, Luhmann, auch Precht haben sich, jeder auf seine Weise, über Moral geäußert. Gibt es da noch Platz für Erlinger? Durchaus, denn in schnelllebigen Zeiten brauchen wir Gedankenanregungen über den Alltag hinaus.
Erlinger versteht unter der Moral die Summe der Grundsätze, die für das Zusammenleben, für den Umgang mit den Mitmenschen und auch der Natur wichtig sind. Wir alle wollen gute Menschen sein. Doch was passiert, wenn wir aus der Not heraus unmoralische Dinge tun, etwa lügen? Erlinger meint, dass es da keine Regeln gebe. „Du sollst nicht lügen" trifft es ebenso wenig, wie „Du darfst manchmal lügen". Die Wahrheit liegt für ihn in der Mitte. Denn man solle beim Lügen abwägen zwischen dem Einschränken des Belogenen in seiner Freiheit und dem Recht, niemanden zu verletzen.
Die Lesung im März im Herz von Kreuzberg am Kottbusser Tor war geografisch gut platziert, leben hier doch bekanntlich viele Menschen mit Migrationshintergrund. Und so geht es in seinen Themen auch um Toleranz, Armut und Chancengleichheit. Der Autor erzählte dazu folgende Geschichte: Vor einem Baum stehen u.a. ein Affe, ein Elefant und ein Fisch in einem Goldglas. Ihnen gegenüber sitzt ein offiziell aussehender Mann und sagt: „Zum Ziele einer gerechten Auslese lautet die Prüfungsaufgabe für alle gleich: Klettern sie auf einem Baum!" So machte der Autor plakativ deutlich: Chancengleichheit funktioniert eben nur, wenn alle die gleichen Voraussetzungen mitbringen.
In der anschließenden spannenden Diskussion wurde die Frage gestellt, welche Rolle die Moral heute noch spielt, da sich die Gesellschaft ja permanent in Veränderung befindet. Für die individuellen Lebensentwürfe gibt es schließlich keine typischen Vorbilder mehr. Wir übernehmen also nichts mehr von den Eltern, außer der Moral? Einerseits bejaht Erlinger, da die moralischen Grundsätze zeitlos sind, andererseits verneint er, da moralische Regeln immer im konkreten Kontext der jeweiligen gesellschaftlichen Situation wirken.
Auch die Atom-Katastrophe in Japan wurde aufgegriffen und folgendes Dilemma besprochen: Darf man den Betreibern von Kernkraftwerken, die u.a. solche Zerstörungen wie jetzt in Japan einkalkulieren, mit Gewalt entgegentreten? Erlinger verneinte vehement, da man Unrecht nicht mit Gewalt bekämpfen könne. Kernkraftgegner mögen da anderer Meinung sein, aber die Wahrheit liegt, wie wir inzwischen lernen konnten, eben meist in der Mitte.
Es war alles in allem ein sehr nachdenklicher Abend. Wie ein Zuhörer formulierte, gab es Moral und das wird auch in Zukunft so bleiben.
Rainer Erlinger: Moral. Wie man richtig gut lebt. Fischer 2011. 363 S. 19,95 Euro
Darf man heute noch Fleisch essen? Ist Lügen unmoralisch? Verstößt ein Seitensprung gegen die Moral der Beziehung? Diese Fragen beantwortet Rainer Erlinger in einem zweiminütigen Video. Wer lieber selbst in das Buch hineinlesen möchte, kann dies hier tun.








