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David Hume - Ein humanistisches Urgestein

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Wer sich näher mit Hume, dem wichtigsten englischsprachigen Aufklärer, beschäftigen will, findet reichlich Literatur. Drei ausgewählte Erscheinungen
Montag, 6. Juni 2011

„Le bon David" - so wurde David Hume (1711-1776) liebevoll von seinen vielen Freunden genannt. Seine letzten Jahre in Edinburgh waren Humes beste. Zwar war sein bahnbrechendes Jugendwerk Treatise of Human Nature (1739) lange ignoriert worden, aber durch philosophische und politische Essays und Werke zur englischen Geschichte war der schottische Denker anerkannt und wohlhabend geworden. Trotz seiner Skepsis gegenüber dem Christentum war er mit vielen liberalen Theologen befreundet, die auch Humes drohenden Ausschluss aus der calvinistischen schottischen Kirk verhinderten.

Brosow: Hume

Eingeschränkt durch eine langwierige Krankheit - vermutlich Leber- oder Darmkrebs - arbeitete Hume bis kurz vor seinen Tod an den religionskritischen Dialogen über natürliche Religion, die erst 1779 posthum veröffentlicht wurden. Seine vielen negativen Erfahrungen mit den tonangebenden Dogmatikern in der Kirk, die u.a. zweimal eine Professur Humes verhinderten, hatten ihn vorsichtig werden lassen. So lässt er in den Dialogen drei Vertreter unterschiedlicher Positionen aufeinander treffen: den traditionellen Christen Demea, der an die Offenbarung glaubt, den Deisten Cleanthes, der die Position der liberalen Christen der Zeit vertritt, und den Skeptiker Philo, der Humes eigener Position am nächsten steht. Dabei sind aber Demea und Cleanthes nicht nur Stichwortgeber, deren Argumente Philo zerpflückt, sondern alle drei Positionen werden ernst genommen und am Ende gibt es keinen eindeutigen 'Sieger'. Dieses vorurteillose Herangehen, das vorsichtig Argumente prüft und an den Erfahrungen misst, charakterisiert Hume, der sich den Naturwissenschaftler Newton zum Vorbild nahm.

Wer sich näher mit Hume, dem wichtigsten englischsprachigen Aufklärer, beschäftigen will, findet reichlich Literatur. Einen knappen ersten Überblick zu Humes Themen - u.a. Vernunft und ihre Grenzen, Kausalität, Freiheit und Determinismus, Affekte, Ästhetik, das moralische Gefühl, Gesellschaft, Religion - bietet Frank Brosows Einführung Hume.

Streminger_Hume

Doch ohne den von Brosow weitgehend ausgeblendeten biografischen und historischen Kontext bleibt Humes Position schwer nachvollziehbar. Hier liegt eine von vielen Stärken von Gerhard Stremingers David Hume. Der Philosoph und sein Zeitalter. Stremingers breites Panoramabild zeigt Hume als kritischen Denker in Schottland, das einerseits von einer überwiegend engstirnigen Kirk dominiert wurde, in dem aber andererseits Hume neben etwa Adam Smith nur einer von zahlreichen Aufklärern war. Schwierig war Humes Position unter Engländern, die wie etwa Johnson auf ihn herabblickten - ein Ausdruck der damals historisch noch jungen Unterwerfung Schottlands durch England. Aber selbst mit französischen Aufklärern wie Rousseau, der misstrauisch auf Humes Hilfsbereitschaft reagierte, gab es Probleme. Streminger liefert nicht nur den Kontext, er erklärt auch gut verständlich Humes philosophische Positionen. Die kommentierte Erstübersetzung von Humes Reisejournal 1748, das u.a. über seinen Wienaufenthalt berichtet, rundet den sehr empfehlenswerten Band ab.

Aufklärung und Kritik: Hume

Streminger ist auch der Herausgeber des Heftes 1/2011 von Aufklärung und Kritik mit dem Titel David Hume zum 300. Geburtstag. Zwar erfordern einige der Beiträge wie der von Kanitschneider über Kausalität - von Humes Kritik zur Quantenverschränkung detaillierte Fachkenntnisse, aber die meisten Artikel sind auch für Nichtphilosophen verständlich. Sie widmen sich Humes ästhetischen Vorstellungen (Andree, Kulenkampff), seiner Geschichtsschreibung (Szczekalla), seinem Gesellschaftsbild (Pfahl-Traughber) und seinen ökonomischen Konzepten (Kurz). Etliche Aufsätze kreisen um Humes Haltung zur Religion, wobei z.B. Kreimendahl Hume durchaus auch kritisiert. Streminger (Wirkungsgeschichte) und Engel (David Hume - eine humanistische Perspektive) schlagen den Bogen zur Gegenwart und zeigen, dass Hume gerade für heutige Humanisten aktuell ist. Kurz: Als Einstieg in Humes Philosophie ist der Band wohl zu schwierig, aber für eine vertiefte Beschäftigung ist er ein Muss.

Mein persönlicher Tipp für einen Einstieg ist Humes leicht lesbare Untersuchung über die Prinzipien der Moral (in der Reclam-Ausgabe mit einem informativen Vorwort Stremingers). Anspruchsvoller sind Humes Dialoge über natürliche Religion, wobei das Nachwort von Norbert Hoerster, der auch in dem Aufklärung und Kritik-Heft vertreten ist, in der Reclam-Ausgabe sehr hilfreich ist.

  • Frank Brosow: Hume. Reclam 2011. 136 S. 9,90 Euro
  • Gerhard Streminger: David Hume. Der Philosoph und sein Zeitalter. C.H. Beck 2011. 785 S. 34 Euro
  • Aufklärung und Kritik. 18. Jahrgang, Heft 1/2011: David Hume zum 300. Geburtstag. 292 S. (Bezug über die Gesellschaft für kritische Philosophie (GKP) Nürnberg)

Hier erhalten Sie eine Kostprobe der Biografie von Gerhard Streminger und hier können Sie Prolog und Vorwort des Herausgebers des Jubiläumsbandes von Aufklärung und Kritik nachlesen.