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Versuch einer Großen Menschheitserzählung

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„Hoffnung Mensch“ – Der Philosoph Michael Schmidt-Salomon erzählt in diesem Buch seine Fassung einer „Großen Menschheitserzählung“ aus humanistischer Sicht. Eine für viele Leute gut verständliche Geschichte der Menschheit und der Menschheitsaufgaben zu schreiben, halte ich für ein wichtiges Projekt, das jede Mühe lohnt.
Donnerstag, 10. April 2014
Zitat des tschechischen Menschenrechtlers, Politikers und Essayisten Václav Havel an einem Wohnblock in Weimar.

Zitat des tschechischen Menschenrechtlers, Politikers und Essayisten Václav Havel an einem Wohnblock in Weimar. Foto: Ghostwriter 123 / Wikimedia / CC-BY-SA

Das Buch von Schmidt-Salomon liefert für solch ein Vorhaben wichtige Bausteine:

  • ein existentieller Blick auf das menschliche Dasein, z.B. Tod, Sinnlosigkeit, Absurdität, Leiden, Ungerechtigkeit etc.
  • der Anspruch des Humanismus, eine schlüssige und tragende Antwort auf die existentiellen Lebensfragen zu geben - besser als die traditionellen Angebote der Weltreligionen
  • eine Geschichte des Humanismus im Besonderen, um daraus für einen zeitgemäßen Humanismus zu lernen
  • Grundelemente eines naturwissenschaftlichen Weltbildes – die Physik, die Chemie und die Biologie mit ihren Zugängen zur Wirklichkeit
  • eine Geschichte der biologischen und gesellschaftlichen Evolution der Menschen, der geistigen und kulturellen Entwicklung,
  • die Entwicklung der Werkzeuge und Technologien und deren Rückwirkung auf die gesellschaftliche und menschliche Entwicklung
  • die Entwicklung der Medizin und Psychologie
  • die Entwicklung der Religion, der Philosophie, der Kunst und der Ästhetik
  • die Entwicklung der gesellschaftlichen Strukturen, der Rechtssysteme, der Menschenrechte und der Demokratie, der Ethik
  • ein Überblick über die großen Probleme der Menschheit, insbesondere  ökologische Zerstörung, ökonomische Fehlentwicklung, Demokratiedefizit, Korruption und Kriminalität, Krieg, Gruppenideologien, Armut und soziale Ungleichheit, Krankheit und Seuchen, Bevölkerungswachstum, unzulängliche Bildungssysteme (Themengruppen nach Schmidt-Salomon)
  • eine Vision für die Menschheit und ehrgeizige Perspektiven für die verschiedenen Handlungsfelder, von denen Schmidt-Salomon folgende heraushebt: eine rationale Wirtschaft- und Finanzpolitik, die Entwicklung intelligenter Technologien sowie die Propagierung transkultureller humanistischer Perspektiven.
Cover

Meine Kritikpunkte möchte ich wie folgt skizzieren:

1. So wie Schmidt-Salomon in „Keine Macht den Doofen“ die Kritik an den Menschen plakativ überzeichnet hat, wird nun das positive Potential überhöht dargestellt. Beide Aspekte müssen aber in einer Konzeption miteinander konfrontiert werden, statt sie nacheinander in zwei Werken widersprüchlich abzuhandeln. Eine realistische Perspektive für die Menschheit muss gerade in Auseinandersetzung mit den historischen, strukturellen und aktuellen Abgründen der Menschheit gesucht werden. Dazu gehört – beispielsweise im Bereich der Technologieentwicklung – mit welcher „Liebe“ die Menschen ihre Waffen und Waffensysteme weiterentwickelt haben. Auch die etwa von Fromm beschriebene Veränderung der Charakterstrukturen durch die modernen Konsumgesellschaften bedarf der Aufarbeitung, will man neue Hoffnung schöpfen dürfen. Es fehlt jede Analyse der Machtverhältnisse in der Welt und der Widerstände, die sich den schönen Vorschlägen von Schmidt-Salomon – und anderen – entgegengestellt haben und entgegenstellen werden. Es fehlt insbesondere auch eine Beschreibung des Subjekts, das den avisierten Fortschritt schultern soll.

Der wiederbelebte humanistische Fortschrittsglaube ist nicht mehr auf der Höhe der Zeit und stützt sich auf selektive Wahrnehmungen für alle Hoffnungsschimmer. Der Anspruch, die Hoffnung wissenschaftlich abzustützen, wird nicht eingelöst.

2. Der Kultur-Geschichte der Menschheit wird nicht ausreichend Rechnung getragen. Die darwinistische Herleitung von Kunst und Ästhetik ist viel zu schmal aufgestellt, was zu komischen Konstruktionen führt. Die lehrreiche – für den Kontext viel zu detaillierte – beispielhafte Darstellung der Musikgeschichte steht beziehungslos neben den Erkenntnissen über die biologische Evolution. Die evolutionstheoretischen Vorannahmen geben der Gesamtdarstellung des Buches eine entsprechende Schlagseite und lassen viele gesellschaftspolitische, sozialpsychologische und kulturwissenschaftliche Aspekte außer Acht.

3. Die offene und einigermaßen faire Auseinandersetzung mit religiösen Konzepten und ihren Angeboten ist neu bei Schmidt-Salomon und zu begrüßen. Am Schluss des Buches verschwimmt aber über den Bezug auf verschiedene mystische Traditionen und die beschworene große Einheit das Profil eines skeptischen Humanismus. Die gewissermaßen pantheistische Überhöhung des Humanismus im letzten Kapitel finde ich absolut befremdlich. Die Eröffnung einer Jahrmillionenperspektive inklusive Meteoriten-Bekämpfung und Umzug auf andere Planeten ist bizarr. So sieht es aus, wenn einer durch die Decke geht und zum Berater der gesamten Menschheit mutiert. Die Megaerzählung vom Abermillionenjahremenschen als „Immunsystem“ der Erde ist angesichts des Zustandes der Welt absurd. Eher könnte man an eine Autoimmunerkrankung denken.

4. Michael Schmidt-Salomon verfügt über eine erstaunliche Allgemeinbildung in Physik, Evolutionsbiologie, Humanismusgeschichte, Musik, Politik. Die politische Weltperspektive mit den oben zitierten Problemfeldern ist gut aufgespannt. Die vermeldeten Teilerfolge werden meines Erachtens allerdings überschätzt und dienen der Stützung der Grundhypothese, dass „der Mensch“ – wer immer das sein mag – zu Hoffnung Anlass gibt. Soviel Know-how hat auch der breit gebildete Schmidt-Salomon nicht, dass er zu allen Handlungsfeldern die Lösungen evaluieren könnte. Da wäre es sicher nicht verkehrt, sich mit Fachautoren und anderen politischen Akteuren zusammen zu tun, und ein Werk dieses Anspruchs mit einem Autorenkollektiv zu schreiben. Das würde auch der Flucht in alle möglichen technischen „Lösungen“ vorbeugen (wie der Einsatz von Atomwaffen gegen Riesenmeteoriten).

5. Wie man trotz der objektiven und subjektiven Hoffnungs- und Trostlosigkeit in konkreten Teilbereichen mit strategischen Visionen sinnvoll intervenieren kann, diese Frage bleibt für mich unbeantwortet. Schmidt-Salomons Blick kommt anscheinend doch von zu weit oben aus dem Pathos der gesamten Galaxis. Das ist schade, weil er ja vielfach gezeigt hat, wie man humanistische Anliegen politisch und gesellschaftlich voranbringt.

„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, sagte Erich Kästner. Das könnte der bescheidene Ausgangspunkt für einen nächsten Versuch sein, die Große Menschheitserzählung aus Sicht des Humanismus neu zu schreiben. Michael Schmidt-Salomon hat zu einem großen Sprung angesetzt, wofür ihm Dank gebührt. Es geht bestimmt noch besser, wenn andere Begabungen auch ihren Beitrag leisten. Wer könnte zu einem solchen Projekt einladen?

Image of Hoffnung Mensch: Eine bessere Welt ist möglich

Michael Schmidt-Salomon: Hoffnung Mensch: Eine bessere Welt ist möglich. Piper 2014, Gebundene Ausgabe, 368 Seiten