Direkt zum Inhalt

Scientology – Zwischen Genialität und Wahnsinn

DruckversionEinem Freund senden
„Wahr ist das, was für Sie wahr ist“, ist eines der bekanntesten Zitate von Lafayette Ron Hubbard, dem Gründer von Scientology.
Sonntag, 1. Dezember 2013
Cover

Ursprünglich durch Hubbard den Lehren Buddhas entnommen und in keinster Weise mehr in seiner anfänglichen Bedeutung verwendet, spiegelt es das oberste Prinzip dieser „Religion“ wider: Scientology als die einzig wahre Religion, welche mit Hilfe „wissenschaftlicher Prinzipien“ zur Wahrheit gelangt ist und die Scientologen die einzigen sind, welche die Menschheit vor dem Untergang bewahren können.

Scientology – nur eine Sekte oder echte Religion? Die Antwort scheint zunächst sonnenklar. Allerdings zeigt Wright anhand verschiedener Argumentationen und Vergleichen auf, dass die Übergänge zwischen Sekten und Religionen sehr fließend sein können. Nicht zuletzt internationale Stars, wie Priscilla und Lisa Marie Presley, die Einnahmen von mehr als 1000 Büchern L.R. Hubbards und die enormen Kosten von bis zu 400.000 US-Dollar für „Auditing-Kurse“, machen Scientology, trotz der geringen Mitgliederzahlen, zu einer der reichsten Kirchen weltweit. In das undurchsichtige Treiben aus Heilsversprechen, angeblichen Wundern und Grausamkeiten gegenüber Menschen, versucht der US-amerikanische Journalist und Schriftsteller Lawrence Wright Licht ins Dunkel zu bringen. Sein überaus beeindruckendes Buch „Im Gefängnis des Glaubens“ ist gleichzeitig ein Versuch herauszufinden, was den von ihm so bezeichneten allgemeinen „Prozess des Glaubens“ ausmacht. Was bringt „normal“ denkende Menschen dazu, an Religionen und Heilsversprechen zu glauben? Welche Vorteile erhoffen sie sich davon? Und wer war dieser L.R. Hubbard, der es schafft, Tausende, wenn nicht Millionen Menschen von seinen Lehren zu überzeugen? Ein Genie oder ein unter Verfolgungswahn leidender Narzisst, der seinem puren Egoismus frönte und selbst vor Betrug nicht Halt machte?

Weder das eine noch das andere Extrem können die Persönlichkeit L.R. Hubbards in seiner Gänze beschreiben. Lawrence stellt zu Recht fest, dass er sein ganzes Leben damit verbrachte, seine Theorie vom menschlichen Verhalten zu verfeinern, welches sich letztendlich in ein Kirchendogma verwandelte. Ebenso die bis ins letzte Detail geplante hierarchische Struktur, welche seine Visionen in die Welt tragen soll, lassen ihn in gewisser Weise doch genial wirken. Die Entwicklung von Scientology schildert der Autor chronologisch. Dabei nutzt er die persönlichen Lebensgeschichten von einzelnen Protagonisten, bei denen es sich meist um die höchsten Würdenträger von Scientology handelt. Die Erzählungen in Kombination mit harten Fakten strahlen durch ihren Detailreichtum eine Lebendigkeit aus, die einen die Geschichte erneut miterleben lassen. Dadurch schafft Wright es, die komplexe Struktur sowie das Machtstreben dieser „Kirche“ einfach und anschaulich zu erklären. Das Werk von Lawrence Wright zeichnet den Weg vom Gründer Hubbards über die Schlüsselereignisse zur Anerkennung als offizielle Religionsgemeinschaft in den USA und anderen Staaten bis hin zur absoluten Machtergreifung durch David Miscavige auf. Trotz der vielen Fakten und Details gelingt es Wright, ein größeres Verständnis über die Entwicklungen der Kirche zu geben. Hin und wieder verliert sich der Autor in diesen Details und lässt ihn in einigen Abschnitten den roten Faden verlieren.

Doch immer wieder erwischt sich der Leser dabei, zum einen Faszination aufzubringen, wie diese „Religion“ es schafft, Menschen zu beeinflussen und in deren Abhängigkeit zu bringen. Gleichzeitig erfährt einen das pure Grauen, wenn man erfährt, dass sogenannte „unterdrückerische Personen“ wie Tiere im „Loch“ als Strafe gehalten werden, Anschuldigungen von Misshandlungen der obersten Religionsvertreter im Raum stehen oder Kritiker solange mit Klagen und Drohungen überhäuft werden, bis diese sogar Suizid begehen.

Besonders beeindruckend ist es zu erfahren, welche Stars Mitglied dieser Gemeinschaft sind und wie stark sie Hollywood sowie große Serien- und Filmerfolge geprägt haben. Seinen Schwerpunkt legt Wright auf Tom Cruise und John Travolta, da sie in entscheidenden Momenten für Scientology ihr Geld und ihren Einfluss gegenüber der Öffentlichkeit geltend gemacht haben.

Leider bleibt der Autor ein abschließendes Resümee schuldig. Die Ziele, die der Autor am Beginn des Buches benannt hat, werden nur unvollständig im Nachwort behandelt. Der Leser bleibt mit dem Gefühl zurück, dass das Buch in sich nicht abgeschlossen ist, was den Wert dieser Schrift aber nur geringfügig mindert.   

Image of Im Gefängnis des Glaubens: Scientology, Hollywood und die Innenansicht einer modernen Kirche

Lawrence Wright: Im Gefängnis des Glaubens: Scientology, Hollywood und die Innenansicht einer modernen Kirche. Deutsche Verlags-Anstalt 2013, Gebundene Ausgabe, 624 Seiten