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Ein Geniestreich der Evolution

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Wie wurde der Mensch zum Künstler? Was ist überhaupt Kunst? Wann ist Kunst entstanden und welchen Zweck hat sie? Klassische Themen der Kunst sind eng mit biologischen Lebenszielen verknüpft – das zumindest behauptet Thomas Junker in „Die Evolution der Phantasie“. Beeindruckend, nachvollziehbar und schön.
Dienstag, 12. November 2013
Montage: Abdullah Geelah / CC-BY-SA, Tobias Karlhuber

Phantasie – Phänomen mit enormem Potential: Höhlenmalerei in Somalia (links), „Palm Islands“ in Dubai (VAE) etwa 5.000 Jahre später. Montage: Abdullah Geelah / CC-BY-SA, Tobias Karlhuber

Der Professor für Geschichte der Biowissenschaften kennt sich offenkundig nicht nur in der Evolution aus, sondern auch in den Künsten. Belegt durch Beispiele aus der Musik, der Malerei, des Tanzes und der Bildhauerei, offenbart er fundiertes Wissen auf diesen Gebieten. Man folgt Junker gerne auf seinem Weg durch die Widerstände in der Kunstgeschichte gegenüber evolutionsbiologischen Erklärungen, folgt ihm durch grundlegende Ausführungen zur Bedeutung von Sprache und Kultur, über die Erläuterung des Handikap-Prinzips, Höhlenmalereien, Selbsttäuschungen und die Gemälde von Schimpansen. Unterwegs wird immer wieder deutlich, was Kunst eigentlich ist, wie und weshalb sie sich (wahrscheinlich) entwickelt hat und wo der Weg der Kunst heute hinführt. Wir Menschen brauchen sie.

Die evolutionsbiologische Analyse geht unter anderem davon aus, dass die Kunst „neben der Sprache, der Religion sowie den Ess- und Bekleidungsregeln eines der wichtigsten Mittel (ist), mit denen sich soziale Gruppen abgrenzen“. Die Fähigkeit, Kunstwerke herzustellen und sie als solche wahrzunehmen, sei eine in der Natur der Menschen angelegte Gemeinsamkeit. Und tatsächlich: In allen menschlichen Kulturen finden sich Tanz, Malerei, Musik und Skulpturen in unterschiedlichen Ausprägungen.

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Nach der Klärung einer Frage, die sich bei der Beschäftigung mit der Kunst und ihrem Zweck auftut, stellt sich ein neues Problem. Und so gewinnt der Leser eine Erkenntnis nach der anderen. Ein Beispiel: Nachdem geklärt ist, dass Kunst als nützliche Anpassung für ein Individuum oder eine soziale Gruppe verstanden werden kann, als sexuelles Signal, Nebeneffekt, Lusttechnologie und Herrschaftsinstrument, folgt die Frage: Was ist das Besondere an der Selbstdarstellung und Gemeinschaftsbildung, am Spiel und an der Lust, die durch Kunst erreicht werden?

Denn mit anderen Signalen werden die gleichen Ziele verfolgt, etwa mit Statussymbolen, sportlichen Leistungen und beruflicher Anerkennung. Die Antworten auf diese Frage setzen eine eingehende Beschäftigung mit dem Thema der biologischen Anpassung voraus, wonach Kunst einen direkten Vorteil für die Künstler und Kunstliebhaber darstellt.

Hierin spielen Gefühle eine wesentliche Rolle, wie auch die Identifikation mit gemeinsamen Zielen, das Thematisieren „verbotener“ beziehungsweise nicht bewusster Handlungen sowie Ambivalenzen, Konflikte und deren Lösungen.

Nachdem Kunst und ihre Funktionen erklärt sind, wie auch die Frage beantwortet ist, welche Probleme sie lösen soll, geht Thomas Junker ans Fundament, nämlich zunächst vier Milliarden Jahre zurück. Im chronologischen Vorgehen werden die einzelnen Schritte deutlich, die notwendig waren, um Kunst entstehen zu lassen. Dazu gehören beispielsweise, dass die Menschen vor 500.000 Jahren Klatsch und Tratsch entdeckten, und dass mit der vor 200.000 Jahren zunehmenden Komplexität des kulturellen Wissens Fremdheit entstand, da die einhergehenden Schwierigkeiten der Verständigung nicht nur zu Vielfalt, sondern eben auch zu Abgrenzung führten.

Ein ambivalentes Problem der heutigen Zeit besteht im Verschwinden kultureller Differenzen durch die Globalisierung. Außerdem kann Kunst inzwischen reproduziert werden, was es schwieriger macht, Künstler eindeutig zu identifizieren. Auch in Bezug auf die Kunst kann es zur Zivilisationskrankheit, nämlich der „geistigen Überfütterung“ kommen. Der Besuch eines Multiplex-Kinos führt, so Junker, dieses Phänomen plastisch vor Augen: „Die überdimensionierten Gefäße, aus denen die Besucher Popcorn und Softdrinks zu sich nehmen, entsprechen den überlauten Filmen, die auf maximale Effekte setzen. Die Phänomene sind ähnlich: Wie unsere natürliche Lust auf Süßes durch Softdrinks überbefriedigt wird, so auch unsere Freude an außergewöhnlichen Erlebnissen durch computergenerierte Abenteuer.“

So stellt sich die abschließende Frage, ob es in der Zukunft noch Kunst geben wird. Zum Glück bejaht Junker dies, denn die Kunst ermögliche einen eleganten Kompromiss zwischen notwendiger Offenheit und unentbehrlicher Diskretion.

Image of Die Evolution der Phantasie: Wie der Mensch zum Künstler wurde

Thomas Junker: Die Evolution der Phantasie: Wie der Mensch zum Künstler wurde. S. Hirzel Verlag 2013, Gebundene Ausgabe, 235 Seiten