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Der Kampf gegen die Wildnis

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Der amerikanische Romancier T.C. Boyle verarbeitet in seinen neuen Romanen die Sehnsucht des Menschen, sich die Welt untertan zu machen. Dabei erzählt er die Geschichte des epochalen Wandels der Bedrohung des Menschen durch die Natur zur Bedrohung der Natur durch den Menschen.
Mittwoch, 4. September 2013
Kanalinseln Kalifornien

Blick auf die Kanalinsel Anacapa vor Kalifornien | Foto: DmitryRogozhin via wikimedia commons

Mit dieser Feststellung ist das Thema von Boyles zweitem Kanalinsel-Roman San Miguel: Roman , in dem sich Boyles Bewunderung für Pioniertaten spiegelt, umrissen. Er erzählt darin von der Besiedlung und Urbarmachung der nordwestlichsten der Kanalinseln, die von den eingeschifften Schafen bis auf den letzten Grashalm abgefressen ist. Das insulare Ökosystem ist schon Mitte des 19. Jahrhunderts kurz vor dem Kollaps, die Insel droht im eigenen Matsch zu versinken. Eine Situation, die sich für einen weiteren Öko-Roman anbieten würde, doch Boyle verfolgt hier ein historisches Konzept. Er erzählt authentisch und detailreich von den Entbehrungen und Mühen der ersten Inselpioniere, der Unwirtlichkeit und Widerspenstigkeit des Geländes, der lebensfeindlichen Witterung und Einfachheit allen Daseins, aber auch von den Verlockungen der Wildnis, der Faszination des puren, rohen Lebens abseits der kriegerischen „Zivilisation“ auf dem Festland.

Die Technik, die er in diesem drei Generationen in drei Teilen überspannenden Werk verwendet, ist Boyle-Fans aus seinem Porträt des Stararchitekten Frank Llyod Wright  bekannt. Der Roman – der auf Aufzeichnungen basiert, auf die Boyle während der Recherchen zu Wenn das Schlachten vorbei ist: Roman gestoßen ist – wird, wie das Leben des Architekten, aus der Perspektive von drei Frauen erzählt. Die erste ist die an Schwindsucht erkrankte Marantha, die mit ihrem zweiten Mann Will, einem versehrten Bürgerkriegsveteran, in der Hoffnung auf der Insel flieht, sie könnten als Verwalter einer Schafranch noch einmal von vorn anfangen. Ihre Tochter Edith nehmen sie mit, sehr zu deren Leidwesen, weshalb diese im zweiten Teil des Buches – einer Art Intermezzo mit Außenperspektive – von der Insel flieht. Im dritten Teil steht die junge Elise im Mittelpunkt des Geschehens, die tatenfroh und entschlossen gemeinsam mit ihrem frisch angetrauten Gatten Herbie der Großen Depression auf der Insel aus dem Weg gehen will.

Ohne festen Boden 

T.C.Boyle: San Miguel

Die Voraussetzungen, unter der die drei Frauen auf die Insel kommen, könnten unterschiedlicher nicht sein. Sie prägen den jeweiligen Blick auf das karge Leben in der menschabgewandten Einöde einer luftdurchlässigen Holzhütte, die weder Nässe noch den feinen Sand der Insel außerhalb ihrer Wände zu halten vermag. Maranthas Hoffnung, auf dieser Insel zur Ruhe und zur Gesundheit zu kommen, ist schnell zerschlagen angesichts der Bedingungen, unter denen sie zu leben gezwungen ist. „Alles war schlammverschmiert, und die Wände verströmten einen Geruch von Schimmel und Fäulnis und einer penetranten Feuchtigkeit, die kein Ofen je würde vertreiben können.“ Und entsprechende Folgewirkungen hat dieses unkomfortable Leben für ihre Gesundheit: Sie spürte, „wie Mattigkeit sich in ihre Glieder schlich und ihre Lunge zusammengepresst und gewrungen wurde wie ein alter Putzlappen“. Das Wissen um die eigene Misere – Marantha fühlt sich „wie eine Zigeunerin in einem Wohnwagen“ – treibt sie in einen emotionalen Abwärtsstrudel, der sie erst ihre Tochter aus den Augen und dann ihren (ständig um die Bedürfnisse der Schafherde besorgten) Mann aus dem Herzen verlieren lässt: „Er hatte keine Ahnung, wie sie sich fühlte, keiner von ihnen hatte eine Ahnung. Sie waren gesund, sie würden weiterleben – sie nicht. Alles, was sie sahen, war erfüllt von den Farben des Lebens, war bunt und glänzend, während für sie alles trostlos war.“ So trostlos, dass sie schließlich in den Tod stürzt.

Die Flucht ihrer Tochter Edith von der Insel ist die notwendige Konsequenz eines kulturellen Verhungerns inmitten der von den Schafen abgegrasten Inselhänge, in der nicht einmal der gleichaltrige Schäfersgehilfe für Abwechslung sorgen kann. „Seine Hände waren aus Stein.“ Sie muss nach ihrer heimlichen Landflucht noch einmal zurückkehren, eingefangen vom kühlen und emotionsarmen Stiefvater, für den die Zähmung der Widerspenstigen eine Frage der Ehre ist. Wenngleich die Rückholung von Edith nicht von langer Dauer ist, beschreibt Boyle hier eindrucksvoll nicht nur die Differenzen im ungleichen Machtkampf der Geschlechter, sondern auch die Schwierigkeiten, Ende des 19. Jahrhunderts heimlich von einer Insel zu entkommen.

Im September 2013 kommt T.C. Boyle nach Deutschland, um  San Miguel: Roman  vorzustellen. Er liest in Berlin, Stuttgart, Köln, Hamburg und München. Zuvor gastiert er in Wien, weil dort sein Roman América: Roman  im Rahmen von „Eine Stadt. Ein Buch“ gratis verteilt wird. Informationen zu Boyles Lesereise 2013 finden Sie auf den Seiten des Hanser-Verlags.

Mit Elise und Herbie Lester trifft Jahre später, nach dem Ableben von Will, ein Paar auf San Miguel ein, das in dem insularen Exil seine Chance wittert, der Weltwirtschaftskrise zu entkommen. Waren Marantha und Will eine Schicksals- und Notgemeinschaft, sind Elise und Herbie eine Wahlgemeinschaft, die ihr Glück sucht. Vielleicht lässt Boyle sie deshalb mit ihren Kosenamen und nicht mit ihren schroff klingenden Klarnamen Elizabeth und Herbert auftreten. Die ersten Eindrücke der Insel sind bei Elise nicht wesentlich positiver als bei Marantha: es roch „feucht und urtümlich“, „das Haus war kalt und dunkel“, die Wände „fühlten sich feucht an“. Aber ihre Hoffnung, hier in glücklicher Zweisamkeit verschont zu bleiben von der Bedrohung, die die am Rande des Abgrunds taumelnde Welt ausstrahlt, ist stärker als die Reize der Zivilisation, die noch Marantha und vor allem Edith am selben Ort haben verkümmern lassen.

Boyle schreibt in diesem Kapitel fast spielerisch die Weltgeschichte zwischen 1929 und 1941, die im Angriff der Japaner auf Pearl Harbor gipfel, aus der Perspektive der Exilierten um. Das ist in seiner Leichtigkeit und Beiläufigkeit ebenso frech wie grandios und entschädigt für einige Passagen in diesem Roman, die sich in den immer gleichen Wiederholungen der Ödnis von San Miguel verlieren. San Miguel: Roman beginnt im Gegensatz zu seinem ungleichen Romanzwilling nicht zu schweben, sondern bleibt leider im fauligen Matsch dieser kaputten Natur stecken. Am Ende wird sich Elises Hoffnung, in der Abgeschiedenheit Sicherheit und Liebe bewahren zu können, als trügerisch herausstellen. Denn auch sie hat das Leben nicht im Griff. Die kultivierte Lebensart, die sie anfangs mit Herbie durch die Pflege des französischen Dialogs zu bewahren sucht, bricht in der Härte des Alltags Stück für Stück zusammen.

T.C. Boyle hat mit seinen Kanalinsel-Geschichten zwei Romane geschrieben, die jeder auf seine Weise davon erzählen, dass der Mensch zwar vieles planen und bestimmen kann, doch am Ende nichts völlig in der Hand hat. So kann man schließlich beide Romane als dystopisches Mosaik des Fortschritts lesen. Gesellschaftliche Weiterentwicklung geht nicht zwangsweise in die Richtung eines menschlicheren Zusammenlebens, sondern kann auch ins Verderben führen. 

Image of San Miguel: Roman

T.C. Boyle: San Miguel: Roman. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG 2013, Gebundene Ausgabe, 448 Seiten

Image of Wenn das Schlachten vorbei ist: Roman

T.C. Boyle: Wenn das Schlachten vorbei ist: Roman. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG 2012, Gebundene Ausgabe, 464 Seiten

T.C. Boyle: Wenn das Schlachten vorbei ist