Direkt zum Inhalt

Der Kampf gegen die Wildnis

DruckversionEinem Freund senden
Der amerikanische Romancier T.C. Boyle verarbeitet in seinen neuen Romanen die Sehnsucht des Menschen, sich die Welt untertan zu machen. Dabei erzählt er die Geschichte des epochalen Wandels der Bedrohung des Menschen durch die Natur zur Bedrohung der Natur durch den Menschen.
Mittwoch, 4. September 2013
T.C.Boyle

Hippie-, Veggie- und Öko-Romancier Thomas Coraghessan Boyle | Foto: Volltext via Flickr (CC BY-SA 2.0)

T.C. Boyle hat seit jeher eine Leidenschaft für Pioniere und Wegbereiter. In seinem Debütroman Wassermusik. Roman , seit den 1980er Jahren Teil des Kanons der Kultlektüren, lässt er den britischen Forscher Mungo Park am Niger scheitern (im nächsten Frühjahr erscheint der Roman in einer neuen Übersetzung). Die außergewöhnliche Geschichte des amerikanischen Sexualforschers Alfred Charles Kinsey erzählt er famos in seinem Roman Dr. Sex: Roman , und vom wechselhaften Leben des amerikanischen Stararchitekten Frank Lloyd Wright lässt er dessen verschiedene Frauen berichten.

Zugleich zeigt sich Boyle immer wieder fasziniert von gesellschaftlichen Zuständen, Stimmungen und Strömungen. Den Wandel des und das Zweifeln am amerikanischen Lifestyle hat er immer wieder in seinen präzisen, auf den Punkt geschrieben Kurzgeschichten, aber auch in Romanen wie Grün ist die Hoffnung und Drop City: Roman (Stichwort: alternatives Leben) oder sowie Der Samurai von Savannah (Stichwort: Einwanderung und Identität) thematisiert.

Mit Wenn das Schlachten vorbei ist: Roman und San Miguel: Roman hat Boyle nun zwei Romane geschrieben, in denen er seine Neigung zum historischen Pionierroman und zum Gesellschaftsroman verbindet. Mit San Miguel: Roman hat er einmal mehr einen vergessenen Teil der amerikanischen Gesellschaftsgeschichte ausgegraben, in Wenn das Schlachten vorbei ist: Roman die gegenwärtigen Auseinandersetzungen in Sachen Umweltschutz in den USA thematisiert. Wenngleich zwischen der erzählten Zeit beider Romane mindestens ein halbes Jahrhundert liegt, bilden sie eine symbiotische Verbindung, die man am besten mit der von zweieiigen Zwillingen vergleichen könnte. Die Geschichte, die in ihnen steckt, zeugt von ihrer inhaltlichen Artverwandtschaft, der unterschiedliche Stil spricht für die Individualität dieses ungleichen Geschwisterpaars. Beide Romane spielen auf den nördlichen der so genannten Kanalinseln vor Kaliforniens Küste, also vor der Haustür des amerikanischen Autors.

Survival of the fittest

In Wenn das Schlachten vorbei ist: Roman erzählt Boyle von dem erbitterten Kampf zwischen Tradition und Fortschritt, Dogma und Erkenntnis, Naturalismus und Renaturalisierung. Im Zentrum steht die abgrundtiefe Feindschaft zwischen der Wissenschaftlerin Alma Boyd Takesue und dem Naturschützer Dave LaJoy. Beide trennt ihre Haltung zu den Ratten und Schafen, die vor Jahrhunderten (dazu dann mehr in San Miguel: Roman ) auf den Kanalinseln eingeschleppt wurden und seither den Biokreislauf der Inseln gehörig durcheinandergebracht haben. Denn sie haben sich in einem jahrzehntelangen darwinschen Kampf der Kreaturen als die stärkeren Exemplare durchgesetzt und so manch seltene Spezies aus ihrer ökologischen Nische verdrängt.

Noch ist es aber nicht zu spät, um auf Anacapa die Lummenalke zu retten, deren Eier zu den Lieblingsmahlzeiten der Ratten gehören. Auch die endgültige Auslöschung von „Hornklee, Mädchenaugen und Fetthennen, Malven und Stachelbeeren, Manzanita und Gauklerblumen, Glanzmispeln und Bergmahagoni“, die von den Schafen auf Santa Cruz und Santa Barbara vor der Blüte abgefressen werden, was den beständigen Rückgang „der Dickkopffalter und Schnaken, der Laubheuschrecken und Wurmsalamander“ beschleunigt, könnte man noch aufhalten. Was es dazu braucht, ist ein effektives und überaus gründliches Eingreifen in das – nicht mehr ursprüngliche – Ökosystem der Inseln. Hier kommt Alma Takesue ins Spiel, die als Wissenschaftlerin den Auftrag bekommt, „im Dienst einer höheren Sache, für Wiederherstellung, Wiedergutmachung, Erlösung“ die „Galápagosinseln Nordamerikas“ von den Parasitentieren zu befreien. Die Bedingungen scheinen ideal, die Inseln vor Kaliforniens Küste sind unbewohnt und kaum von Interesse. Das Schlachten, von dem im Titel des Buches geredet wird, ist von ihr wohlorganisiert. Das soll zu einem Wiederherstellen der ursprünglichen Inselwelten führen – was natürlich die Frage aufwirft, welcher Zustand noch als natürlich bezeichnet werden kann; der vor einhundert Jahren oder der, der das Resultat einer jahrhundertelangen Entwicklung ist?

T.C.Boyle: Wenn das Schlachten vorbei ist

Für einige Umweltschützer steht die Antwort fest. Sie haben etwas gegen den Einsatz der „Ökopolizei“ auf den Inseln. Angeführt werden sie von Dave LaJoy, seines Zeichens Tierliebhaber und Menschenhasser. Er ist die Speerspitze einer kleinen Gruppe, die sich den Renaturalisierungsplänen der Regierung widersetzt. Wer meint, dass es Lesern kaum zu vermitteln ist, warum Naturschützer gegen die Wiederherstellung von Ökosystemen wettern könnten, der kennt Boyles erzählerische Größe nicht. Wie immer bleibt er trotz aller grundsätzlichen Fragen bei den Menschen. Die Motive dieses Widerstands sind weniger rational, als vielmehr emotional. Die Sympathien des aufwiegelnden Misanthropen Dave LaJoy gehören ganz den Wesen, „die gar keine Wahl haben – den Schweinen, die mit Elektroschocks zur Schlachtbank getrieben werden, den Hühnern, die am Fließband zerlegt werden, obwohl sie noch halb am Leben und bei Bewusstsein sind, den Kaninchen und Eseln und Schafen, die der Park Service auf Santa Barbara, San Miguel und Santa Cruz hat abschlachten lassen, ohne mit der Wimper zu zucken.“

In dieser Passage wird nicht nur die Kritik des überzeugten Vegetariers Boyle an der industriellen Fleischproduktion deutlich, sondern auch Adornos Leitsatz, dass es kein richtiges Leben im falschen gebe. Es sind diese kleinen Charakterbeschreibungen, mit denen Boyle seine Figuren umreißt und sie gesellschaftlich und moralisch einordnet. Töten für einen guten Zweck ist in LaJoys Augen ein Widerspruch in sich und damit nicht hinzunehmen.

Vom Erzählstil erinnert Wenn das Schlachten vorbei ist: Roman an Boyles Dokument einer illegalen Grenzüberschreitung, den Roman . Im ständigen Perspektivenwechsel lässt er uns die Geschehnisse und deren Vorgeschichten erst aus Alma Takesues Sicht und dann wieder aus Dave LaJoys Blickwinkel beobachten. Dies führt nicht nur perspektivisch zu einer Konfrontation der Figuren, sondern spitzt den Konflikt auch erzähltechnisch zu. So schwingt sich dieser Roman in einer ständigen Aufwärtsspirale empor, bis er zu fliegen beginnt. Eingeschoben sind historische Rückblicke in die Zeit der ersten Besiedlung der Inseln, um einerseits einen erzählerischen Clou, den zu entdecken jeder Leser selbst das Vergnügen haben sollte, herauszuarbeiten, und um andererseits eine große Klammer um die Geschichte des Wandels von der Bedrohung des Menschen durch die Natur zur Bedrohung der Natur durch den Menschen zu schließen. Das Ganze endet – auch hier die Ähnlichkeit zu „América“ – in einer nicht zu vermeidenden Katastrophe.

Wenn das Schlachten vorbei ist: Roman ist keine moralinsaure Parabel über das Zusammenleben von Mensch und Tier, sondern eine höchst unterhaltsame Parodie (mit Anlehnung an das Genre des Thrillers) auf die Planungswut des Menschen, der immer alles zu kontrollieren und zu beherrschen meint. Es ist eine falsche Annahme, dass der Mensch die Dinge vollständig im Griff hätte. Nicht ein höheres Wesen, aber die spontanen Nebenwirkungen der Konsequenzen menschlichen Handelns lassen den Weltenlauf viel variabler sein, als Mensch dies immer wieder plant.

Image of San Miguel: Roman

T.C. Boyle: San Miguel: Roman. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG 2013, Gebundene Ausgabe, 448 Seiten

Image of Wenn das Schlachten vorbei ist: Roman

T.C. Boyle: Wenn das Schlachten vorbei ist: Roman. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG 2012, Gebundene Ausgabe, 464 Seiten

T.C. Boyle: Wenn das Schlachten vorbei ist