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Der humorlose Geselle im Spiegel

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Selbstsüchtig, rücksichtslos und kalt – das sind Narzissten. Oder? Reinhard Haller ist Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik und untertitelt sein neues Werk mit Anleitung zur Menschen- und Selbsterkenntnis. Zum Teil löst er sein Anliegen auch ein.
Montag, 10. Juni 2013
Reinhard Haller_Die narzissmusfalle

Der Narzissmus ist nicht nur eine Störung, sondern auch eine „psychische Urkraft, welche positiv und negativ gestalten kann“. Dies schreibt der österreichische Psychiater und Neurologe Reinhard Haller in seinem aktuellen Buch Die Narzissmusfalle. Positiv könne Narzissmus Ich-Stärke und Selbstliebe verkörpern, negativ etwa Eigenbezogenheit, Gier und kritiklose Überzeugung von der eigenen Großartigkeit. Die negativen Seiten hätten zur Zeit Hochkonjunktur, stellen „das Gesicht der modernen Gesellschaft“ bis hin zum „psychiatrischen Korrelat für das ‚Böse’ schlechthin“ dar, so Haller.

Es existieren verschiedene Varianten des Mythos vom Narziss, Haller erzählt die eine, in der Narzissus, der wunderschöne, von allen geliebte, der niemanden zurücklieben kann, sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt, das er in einer klaren Quelle erblickt. Er versucht verzweifelt, sich mit der ersehnten Gestalt zu vereinen und ertrinkt schließlich.

Faktoren für die Entstehung sei zum einen die Überfürsorglichkeit einer verwöhnenden Erziehung, die beim Kind eine niedrige Frustrationstoleranz und überhöhte Anspruchshaltung bewirke. Doch auch gewissermaßen die gegenteilige Erziehung, in der dem Kind positive Zuwendung vorenthalten werde, könne die krankhafte Form des Narzissmus bewirken.

Der Narzisst lebt in einer ständigen Selbstüberhebung und fühlt sich anderen weit überlegen – oder aber er bleibt durchschnittlich und entwertet und unterdrückt andere „ständig“. Beide Strategien führen dazu, dass er sich als herausragend und in einer wichtigen, abgehobenen Position sieht. Die Kehrseite der vermeintlichen Grandiosität besteht in der Abhängigkeit von der Bewunderung durch die Umgebung. Auf Kritik oder Bloßstellung reagieren narzisstische Menschen mit oft unbeherrschbarem Zorn, mit blinder Wut, Rachegefühlen und Aggressivität. Allen Narzissmusformen gemein ist der schwer gestörte Selbstwert eines Menschen, der unter ständigen Minderwertigkeitsgefühlen und Versagensängsten leidet, die er zu kompensieren sucht. Von der Störung sollen Männer 2:1 häufiger betroffen sein als Frauen.

Reinhard Haller

Reinhard Haller | © Christoph Schöch

Identifizieren lassen sich Narzissten auch durch ein übertriebenes Selbstwertgefühl, Neid auf andere, Anspruchsdenken oder Mangel an Einfühlungsvermögen. Da ein Narzisst keine Fehler macht, kann er auch keinen zugeben oder sich entschuldigen. Nachtragend sind sie auch noch. Schnell entstehen Todfeinde.

Dabei muss ein mitmenschliches Umfeld vorhanden sein, das die narzisstischen Verhaltensweisen zulässt, denn sie fordern ihrem Umfeld einiges an Toleranz, Gelassenheit und psychischer Energie ab. Schließlich kann das enge Zusammensein mit ihnen zur nicht enden wollenden Qual, zum jahrelangen Negativ-Stress werden.

Nachdem Reinhard Haller immer wieder betont, dass der Narzissmus in unserer heutigen Gesellschaft verbreiteter sei als jemals zuvor (Casting-Shows, Börsenprofis), versucht er sich an einer Definition. Doch ganz fassen kann er das Phänomen nicht, die Versuche wirken manchmal recht unstrukturiert und überinterpretiert. Auch überbewertet er „die Mutter“ ganz in psychoanalytischer Manier als diejenige, die allein das Kind mit dem richtigen Maß an Selbstwert auszustatten hat – also weder verwöhnen noch Zuwendung vorenthalten! Und auch dass es anscheinend keinen „Anpack“ geben soll, den Narzissmus aufgrund seiner vielfältigen Ursachen therapeutisch anzugehen, erscheint seltsam, da er doch auf eine Selbstwertproblematik zurückzuführen ist. Kann man, fragt man sich als Laiin, nicht einfach am Selbstwert arbeiten, dieses aufbauen?

Trotz einiger Kritikpunkte bietet das Buch interessante Hinweise auf ein Phänomen, das Menschen helfen könnte, die mit Narzissten enger zu tun haben, ob beruflich, im Freundeskreis oder in der Familie. Haller stellt immer wieder Fallbeispiele vor, in denen man vielleicht den einen oder anderen aus dem eigenen Bekanntenkreis (oder gar sich selbst) wiedererkennt. Denn jeder von uns ist mehr oder weniger ausgeprägt narzisstisch – und dass das auch etwas Gutes sein kann, ist erfrischend. Außerdem stellt Haller am Ende des Buchs Regeln im Umgang mit den „humorlosen Gesellen“ vor, die im Ernstfall nützlich sein können: vom rechten Maß an Lob, dem Aufzeigen von Grenzen bis zur möglichst raschen Flucht vor ihnen.

Reinhard Haller: Die Narzissmusfalle. Anleitung zur Menschen- und Selbsterkenntnis. Ecowin, 2013. 208 Seiten, 21,90 Euro.