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Wer hat Angst vor der digitalen Revolution?

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Mercedes Bunz jedenfalls nicht. Im Gegenteil: Sie fordert in ihrem Ende November 2012 bei Suhrkamp erschienen Buch „Die stille Revolution“, sich den Herausforderungen der Digitalisierung aktiv zu stellen.
Dienstag, 8. Januar 2013
Foto: Intelfreepress / Flickr / CC-BY-SA

Ein IT-Ingenieur mit Serverboard in einem Datenzentrum von Facebook. Foto: Intelfreepress / Flickr / CC-BY-SA

Und das heißt: sie zu gestalten. Denn die Zukunft ist zweifellos digital und habe einen Strukturwandel der Gesellschaften zur Folge, der „fundamental, vielleicht sogar revolutionär“ sei. „Und er muss gesellschaftlich gestaltet werden. (…) Möglich ist das nur, wenn wir die Technologie in ihrer ganzen Ambivalenz in den Blick bekommen“, so die These von Dr. Bunz, die sie auf 170 Seiten kenntnisreich ausführt.

Der Diskurs über die digitalen Technologien und den Folgen wird vor allem von zwei Ansichten bestimmt. Auf der einen Seite stehen die Warner und attestieren der Gesellschaft mindestens eine geistige Verarmung  und maximal eine totale Unterjochung unter die Herrschaft der Programme und Computer. Auf der anderen Seite befinden sich die Apologeten einer digitalen Zukunft, deren Visionen einer freien Gesellschaft durch das Internet analog zu denen des freien Marktes überzogen erscheinen. Im Moment überwiegen die Warner: Manfred Spitzer sieht eine „digitale Demenz“ heraufziehen und nach Ansicht Christoph Türcks befinden wir uns bereits in einer „Aufmerksamkeitsdefizitgesellschaft“. Und als Robert Harris 2011 seinen Bestseller „Angst“ veröffentlicht, betritt zum ersten Mal explizit ein Algorithmus die Bühne der literarischen Protagonisten. Vixal 4, programmiert, um für einen Hedgefonds Geld zu scheffeln, gerät außer Kontrolle und versucht mithilfe von Daten aus dem Internet nicht nur seinen Programmierer umzubringen. Der Thriller, der als Analogie auf die außer Kontrolle geratenen Finanzmärkte gelesen wurde, aktiviert einen alten Plot: Die Maschinen, geschaffen um dem Menschen zu dienen, wenden sich gegen ihre Schöpfer: der Frankenstein-Mythos.

Zu Risiken und Chancen der Digitalisierung fragen Sie Ihr Smartphone – oder Dr. Bunz

Die Technologie als unkontrollierbares Monster, der Mensch im Kampf gegen die Maschinen - dieses Motiv durchzieht den Diskurs über die Technologie seit tausenden von Jahren.

Auf der einen Seite ist die Technik das Werkzeug, das unsere Fähigkeiten minimiert oder uns Menschen gar unterjocht, auf der anderen Seite ist sie ein Hilfsmittel, das uns mangelhaften Menschen das Überleben überhaupt erst möglich macht,

fasst die Kulturwissenschaftlerin den ambivalenten Diskurs über Technik bündig zusammen. Sie fordert uns auf, das Schema Mensch gegen Maschine hinter uns zu lassen. Dabei gelingt es der Autorin verständlich und schlüssig darzulegen, worin der meistens nur diffus als Bedrohung empfundenen Strukturwandel besteht. Tatsächlich entzöge sich die Logik der Technologie im Allgemeinen und der Digitalisierung im Besonderen unserem Zugriff. Wir müssten akzeptieren, dass sie uns zur zweiten Natur geworden sei. Es gilt deren Potential auszuschöpfen und es nicht profitorientierten Privatunternehmen wie Google, Amazon und Apple zu überlassen. Sieht man einmal von dem Frankenstein-Motiv ab, so bestimmen auch nach Ansicht von Mercedes Bunz Algorithmen zunehmend unseren Alltag und insbesondere unsere Arbeitswelt. Um die Dramatik der Veränderungen zu veranschaulichen, bedient sie sich einer historischen Analogie. Wie die industrielle Revolution einst die Arbeit durch Maschinen automatisierte, so automatisiert die digitale Revolution das Wissen durch Algorithmen.

Vorsichtig könnte man behaupten, dass Algorithmen nicht mehr einfach nur Wissen reproduzieren, sondern Informationen klassifizieren, sie neu zusammenstellen und Daten und Fakten zu dem weiterverarbeiten, was wir gewöhnlich als „Wissen“ bezeichnen.

Mercedes Bunz ist vorsichtig. Die Frage, ob Programme demnächst Bücher oder Gesetzestexte schreiben, würde sie sicherlich verneinen. Und doch sind die Belege für ihre These, die tatsächlich eine Revolution unserer Gesellschaft, deren wichtigste Ressource Wissen ist, zur Folge hätte, gut. Als historischen Entwicklungspunkt der Digitalisierung führt sie ein Programm namens Stats Monkey an. Dem ist es zum ersten Mal gelungen, selbstständig Wissen zu produzieren. Es sammelt  Informationen, um kleine Nachrichten über Baseballspiele zu schreiben. Mit Erfolg. Eine Weiterentwicklung schafft es sogar, sich wie Vixal 4 aus dem Internet zu bedienen, um eine Art dialogische Kulturberichterstattung zu kreieren, indem es die Meinungen der Kritiker, die es im Netz findet, als Dialog gestaltet. Das klingt putzig, ist aber im Prinzip nichts anderes, was die Experten der Wissensgesellschaft tun. Und genau hierin liegt nach Ansicht der Autorin der soziale Sprengstoff:

Algorithmen liefern Überblicke, sie können Daten zusammenfassen und ein einheitliches Bild vermitteln und so eigenständig Arbeiten übernehmen, die bislang allein den Menschen vorbehalten waren.

More Data is better data

Und das tun sie immer besser. Wer sich schon immer fragte, warum Firmen wie Amazon, Apple, Facebook und Google in nie dagewesener Weise Daten sammeln und sogar Bücher scannen, der findet hierin eine schlüssige Antwort. Algorithmen verstehen zwar nicht, was sie tun, sie könnten aber das, was wir Menschen als Bedeutung bezeichnen, besser skalieren, also den begrifflichen Gehalt eines Wortes immer präziser fassen, so Mercedes Bunz.

Cover

Allein die schiere Menge an Fakten, die jedem jederzeit zur Verfügung stehen, lässt unsere auf Expertenwissen basierende Gesellschaft „knirschen“. Durch die Speicherung von Daten im Internet entsteht ein Wissen to go, das sich ständig aktualisiert und neu formiert - eine Art Datenwolke, die unsere Realität überzieht. Und mit den Fakten verändert sich auch dasjenige, was als wahr gilt. Üblicherweise wird dieser Prozess mit einer Demokratisierung des Wissens beschrieben. Es steht jedem jederzeit zur Verfügung. Und, was noch entscheidender ist, es wird nicht unbedingt von Experten autorisiert. Fakten werden flüssig und flüchtig. Und mit ihnen Wissen und Wahrheit.

Mit dem Internet entsteht eine neue Öffentlichkeit, eine lose Gesellschaft, deren Potenzial Mercedes Bunz euphorisch auslotet:

Es scheint, als würden wir mit der Digitalisierung in eine zweite Phase der Aufklärung und Emanzipation eintreten, in der sich nach dem Individuum nun auch die Masse unter dem Diktum des kantischen ‚Sapere Aude‘ formiert: „Habe den Mut, dich deines Verstandes zu bedienen!“

Das politische Potential hingegen sei eingeschränkt, weil sich einerseits die Plattformen für  politische Organisation in privater Hand befänden. Andererseits sei die Masse eben bloß virtuell. Trotzdem habe sich die ehemals als dumm angesehene Masse in eine „clevere Meute“ verwandelt, in Smart Mobs. Wenn es dieser Masse gelänge, sich nicht nur virtuell, sondern auch real zu organisieren, könnten wir sogar die sich ausweitenden „Imperative der Ökonomie“ zurückdrängen:

Wir brauchen wieder gesellschaftliche Sphären, in denen wir unsere Handlungen selbst bestimmen können und sie nicht an den Maßgaben ökonomischer Effizienz orientieren müssen – und die Digitalisierung gibt uns die Möglichkeit, solche Sphären zu schaffen. (…) Die Möglichkeit eine andere Zukunft zu gestalten. Und aus ihr wird, was wir aus ihr machen.

Am Ende ihres Buches erweist sich Mercedes Bunz als digitaler Nerd. Schätzt sie die Chancen, die uns die Digitalisierung eröffnen, doch sehr hoch ein, vielleicht zu hoch. Und doch gelingt ihr mit dem kurzweiligen Buch etwas Seltenes: Sie denkt das Digitale. Wer wissen will, worum es geht, für den ist das Buch ein Muss. Alle anderen können weiter auf ihren bunt leuchtenden Geräten herumwischen und das Ganze für eine tolle Sache halten.

Mercedes Bunz: Die stille Revolution – Wie Algorithmen Wissen, Arbeit, Öffentlichkeit und Politik verändern, ohne dabei viel Lärm zu machen. Suhrkamp (edition unseld) 2012, 14 Euro. Auch im Netz unter www.mercedes-bunz.de