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Literatur, die den Blick auf die Welt verändert – Teil 1

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Begegnen Sie im ersten Teil unserer vorweihnachtlichen Literaturempfehlungen zwei Büchern, die auf beeindruckende Weise zeigen, dass Literatur mehr ist als nur mit Buchstaben bedrucktes Papier zwischen zwei Buchdeckeln. Lassen Sie sich zur Lektüre eines furiosen Romans über Baseball einladen, der nicht zufällig im gleichen Verlagshaus von David Foster Wallace‘ „Infinte Jest“ erschienen ist. Und wundern sie sich nicht, wenn ihnen bei der Lektüre von Sibylle Bergs neuem Roman das Unbehagen unter die Haut kriecht.
Mittwoch, 19. Dezember 2012

Die Welt, das sind wir selbst

Sibylle berg_Vielen Dank für das Leben

Welch ein Mensch! Welch ein Schicksal! Welch grausam kalte Welt! Dieses Triumvirat der Verzweiflung bleibt mit einer nicht zu vernachlässigenden Portion Ingrimm beim Leser zurück, wenn er die letzte Seite von Sibylle Bergs Roman Vielen Dank für das Leben (Hanser-Verlag 2012, 400 Seiten, 21,90 Euro) umgeschlagen hat. Der verheißungsvolle Titel ist ein Witz, an Sarkasmus kaum zu überbieten – aber wer das Werk der Wahlschweizerin kennt, den überrascht das nicht. Bergs literarischer Weg ist gepflastert mit Existenzen, die zum Scheitern verurteilt sind, weil sie, ausgestattet mit physischen und psychischen Mängeln, durch die kapitalistische Leistungsschau fallen. Der sarkastisch-kritische Blick von Sibylle Berg auf die Moderne prägt auch ihre Kolumne S.P.O.N. – Fragen an Frau Sibylle (regelmäßig auf Spiegel Online), in der sie die Absurditäten des Alltags, etwa Nationalstolz, Abtreibungsgegnerschaft, Prostitution oder das gesellschaftliche Frauenbild aufs Korn nimmt. Zugespitzt, aber niemals überzogen macht sie deutlich, wohin Extremismus auf der einen und Gleichgültigkeit auf der anderen Seite unsere Gesellschaft führen.

Im Mittelpunkt ihres neuen Romans steht Toto, ein überdimensionierter „Fleischklumpen" und Hermaphrodit, dessen Leben sich von einer Schlechtigkeit zur nächsten hangelt. Totos Dasein ist ein Überleben in einer gefühllosen Welt, die ständig daran scheitert, Platz für Menschlichkeit zu bieten. Geboren infolge einer beliebigen sexuellen Begegnung mit zwei Männern als geschlechtsloses Kind einer Alkoholikerin, von Ärzten zum Mann erklärt und notdürftig zurechtgenäht, im DDR-Kinderheim einem autoritären Regime anheimgegeben, dem Spott der „Mitinsassen" überlassen, von selbstverliebten Hippies in die BRD entführt und in einem Nachtclub wie ein Zootier ausgestellt erlebt dieses gebeutelte Wesen nichts als Ablehnung und Kälte. Was auch immer Toto wiederfährt, es hat mit der Abgründigkeit des Menschen zu tun. Das Gute im Menschen, Schönheit, Anmut, Respekt, Freundlichkeit, Wärme, Toleranz – all das ist aus diesem Leben derart extrem wegradiert, dass selbst die sonst so unantastbare Würde des Menschen verlorengeht. Der stupend naive Toto erträgt stoisch jeden neuerlichen Schlag ins Kontor, jede weitere lebenssadistische Schicksalswendung. Jegliche Gemeinheit perlt an ihm ab, Toto scheint immun gegenüber den Abgründen dieser Welt zu sein. Alles lächelt er innerlich weg in der Hoffnung, dass hinter der nächsten Kreuzung das Gute auf ihn wartet.

Sibylle Berg schildert dieses Schicksal im Stile der unbeteiligten Beobachterin haarklein und nüchtern. Dieser emotionslose Stil kriecht dem Leser unter die Haut und löst nahezu physische Schmerzen aus, wenn sie Toto erleidet. Es ist nicht Bergs Hermaphrodit, der an der Welt zugrunde geht, es ist die Welt, die an ihm scheitert. Die Welt, das ist niemand anders, als wir selbst.

Homers Ilias im Baseball-Stadion

Chad Harbach_Die Kunst des Feldspiels

Wenn Literatur eine Aufgabe hat und diese darin besteht, neue Welten zu eröffnen, dann gehört Chad Harbachs Roman Die Kunst des Feldspiels (Dumont-Verlag 2012, 607 Seiten, 22,99 Euro) in jedes Buchregal. Chad Harbachs Roman wurde in den USA begeistert gefeiert. Verrückt, denn das Manuskript wollte ursprünglich niemand haben. Herausgegen wurde das Buch schließlich von keinem geringeren als von David Foster Wallace' Verleger Michael Pietsch. Die Nachbarschaft zu Infinite Jest (dt. Ausgabe bei Kiepenheuer & Witsch 2009, 1.552 Seiten, 39,95 Euro) ist also „von Haus aus" gesetzt. Vordergründig geht es in Die Kunst des Feldspiels um Baseball. Und auch wenn man keine Ahnung von diesem Sport hat, sei an dieser Stelle versprochen, dass Leser sich nicht eine Sekunde mit diesem Roman langweilen werden. Denn in dem Roman des erst 37-jährigen Amerikaners, an dem er neun Jahre lang geschrieben hat, geht es um das Leben als solches.

Im Zentrum des Romans steht Henry Skrimshander, ein Ausnahmetalent seiner Generation, der wie kein anderer das Spiel lesen kann. Sein Talent ergänzt Teamkollege Mike Schwartz. Gemeinsam wecken sie in ihrer College-Mannschaft große Hoffnungen. Bis Henry Owen Dunne, heimlich geliebt von Collegepräsident Guert Affenlight, verletzt und die Unbeschwertheit am Spiel verliert. Die Geschichten dieser Menschen laufen in- und übereinander, verdichten sich zu einem Roman, der in seiner puzzleartigen Konstruktion mit der traditionellen amerikanischen Erzählschule ordentlich aufräumt. Oberflächlich ist Baseball nicht viel mehr als die Existenz von vier Haltepunkten (Bases), einem Werfer (Pitcher) und einem Schläger (Batter), der versucht, den Wurf des Pitchers mit seinem Schläger abzufangen und den Ball möglichst weit zu schlagen. Schafft er das, startet er einen Run, um Punkte für seine Mannschaft zu sammeln. (Dass Baseball, übrigens das älteste Spiel in den USA, sehr viel mehr ist, ahnt man, wenn man nur mal in den englischsprachigen Wikipedia-Eintrag schaut.)

Auf einer tieferen Ebene aber ist Baseball mit Homers Ilias vergleichbar. Harbachs Roman macht dies in den beeindruckenden Schilderungen des Duells Mann gegen Mann deutlich. Da stehen sich zwei auf einem wüsten Schlachtfeld gegenüberstehen und es geht um alles oder nichts. Trifft der Batter, ist es mit dem Ehre des Pitchers vorbei, kommt der Pitcher durch die Abwehr, kommt die Glorifizierung des Batters an ihr vorläufiges Ende. Baseball, so Harbach, ist auch ein verdammt einsames Spiel.

In den Roman sind gezoomte Ausschnitte gestreut, die den Flug eines Balls, die Faszination seiner Flugbahn, das diese gespannt verfolgende Publikum, die Biografien füllenden Gedanken der Spieler über Absätze verfolgen. Hier erscheint Harbachs Roman dem Leser zuweilen wie ein Kinofilm, der mit Slowmotion-Effekten à la Matrix ausgestattet ist und die faszinierende Möglichkeit einräumt, die in Millisekunden vorbeiziehende Welt, auf Zeitlupentempo heruntergebremst und bis ins Extreme gedehnt, bis ins kleinste Detail zu betrachten. Harbach bindet in seinen Roman Homosexualität, ein im puritanistischen Amerika immer noch als Tabuthema behandeltes Sujet, nicht nur ein, sondern er verbindet es eng mit dem Sport (in der Kombination stellt das Thema selbst hierzulande einen blinden Fleck dar). Die Kunst des Feldspiels ist keine chauvinistische Sportklamotte, sondern ein sensibler und grandioser Roman über das ungute Gefühl in der Magengrube, dass es jeden Moment mit der Herrlichkeit vorbeisein könnte.

Dieses Buch ist eine Scheibe

Mark Z. Danielewski_Only Revolutions

Das verrückteste Buch des Jahres schrieb zweifelsohne Mark Z. Danielewski. Der amerikanische Autor mit polnischen Wurzeln bewies bereits in seinem umwerfenden Roman Das Haus (Tropen-Verlag 2007, 832 Seiten, 18,99 Euro), das ein Buch mehr ist als zwei Buchdeckel mit bedrucktem Papier dazwischen. Danielewskis Haus konnte man als Leser betreten, darin wandeln, sichtbare und verborgene Türen öffnen und in Räume vordringen, die zuvor noch niemand betreten hatte. Über den Textsatz, die Seitengestaltung, die Seitenfolge, den Textfluss, die Schrifttypen und vieles mehr erhielt Danielewskis Haus eine Vieldimensionalität, die Literatur bis dahin noch nicht kannte.

In seinem neuen ..., ja was eigentlich, ein Roman ist es nicht, ...Buch geht MZD, wie er von seinen Anhängern liebevoll genannt wird, noch einen Schritt weiter. Das Buch wird hier zur Scheibe, zum stets vorwärts rollenden Rad eines amerikanischen Automobils, zur Dauerplatte auf dem Turntable, zur niemals endenden Zeitleiste eine analogen Zeigeruhr. Only Revolutions (Tropen-Verlag 2012, 360 Seiten, 24,95 Euro), so der Titel dieses zweistimmigen Gesangs, verlässt jede nachvollziehbare Erzählstruktur und versetzt den Leser in ein Abenteuer, das man außerordentliche Leseerfahrung nennen könnte. Jede Doppelseite in diesem Buch ist nochmals durch einen Horizont bzw. eine unsichtbare Spiegellinie geteilt, so das vier Halbseiten entstehen, auf denen die jeweils aus 90 Wörtern bestehenden Cantos der beiden ewig 16-jährigen Hauptpersonen Sam und Hailey im Uhrzeigersinn ausgerichtet sind. Beide Erzählstimmen gibt es auf jeder Seite in einer positiven und einer negativen Stimmung, so wechselt man permanent zwischen ihnen. Die Erzählung verläuft im Kreis, das Buch wird zur Drehscheibe, die vier mal 90 Wörter verdichten sich zu einem 360-Grad-Gesang auf der Doppelseite, derer es 180 gibt, also 360 Einzelseiten. Selbst Nicht-Mathematiker bekommen nun eine Ahnung, welch kreisrunde Spiel der Unendlichkeit hier gespielt wird.

Der Verlag empfiehlt zur Entwirrung der Knoten, die beim Lesen im Kopf entstehen, den Wechsel zwischen Sam und Hailey nach acht Seiten. Eine Art Zeitleiste – man würde im Zeitalter der Mac-Technologie wohl Timeline sagen –, die einige Jahrestagesinfos in Wikipedia-Manier bereithält, gibt dem Leser ferner den Anschein einer Art Grundorientierung. Die Hoffnung auf Orientierung sollte man als Leser dieses postpoststrukturalistischen Textkonvoluts aber besser in die Wüste schicken – durch die Hailey und Sam auf ihrer Tour durch Zeit und Raum irgendwie auch kommen. Beide fahren ebenso rasant miteinander als auch frontal gegeneinander – intellektuell, sexuell, gen(d)erell – in dieser Road Novel, die keine Novel ist, da sie weder Start noch Ziel hat. Sam und Hailey fahren immer geradeaus und zugleich im Kreis, 360 Grad oder 360 Tage lang, um am Ende – nicht klüger, nicht älter und nicht belesener – wieder am Anfang zu sein.

Richard Yates' Revolutionary Road und Only Revolutions sind zwei völlig unterschiedliche Romane, aber es würde nicht wundern, wenn Danielewski bei Yates Titel und Motto abgeschaut und in einen Würfelbecher geworfen hat. Alea iacta est! Herausgekommen ist ein Text, in dem sich alles dreht und der alles drehen lässt, der revolutionär ist und dennoch in seiner Ziellosigkeit für keine Revolution taugt, der verführt und ver-führt. Ein Text für Wahnsinnige und Literaturliebhaber  und natürlich für wahnsinnige Literaturliebhaber, zu deren Vorsitzenden die Übersetzer Gerhard Falkner und Nora Matocza gehören, die sich nicht nur der irrsinnigen Herausforderung dieser Antistruktur gestellt, sondern auch die Mehrdeutigkeiten Danielewskis versucht haben, weniger-deutig zu lösen, ohne dabei die strukturierte Antistruktur anzutasten. Ein Wahnsinn, bedenkt man, dass ein Kilo Deutsch etwa 700 Gramm Englisch entsprechen (Gerhard Falkner). Aber ein verdammt guter Wahnsinn.

Rettung der typischsten aller sexuellen Begegnungen

Wolf Haas_Verteidigung der Missionarsstellung

Wolf Haas schreibt keineswegs post-poststrukturalistisch, aber dass man mit der Sprache spielen kann, dass bewies der Dialektik-Fachmann Haas mit seinen preisgekrönten Brenner-Krimis bereits mehrfach eindrucksvoll. In seinem aktuellen Roman Verteidigung der Missionarsstellung (Verlag Hoffmann & Campe 2012, 238 Seiten, 19,99 Euro) zeigt Haas, dass er nicht nur mit Sprache zu spielen in der Lage ist, sondern auch mit dem Text als solchem. Aber dazu später mehr.

Im Mittelpunkt von Haas neuem Roman steht ein junger Mann, Benjamin Lee Baumgartner, der das Glück im Unglück förmlich anzieht. Egal welche die Menschheit vernichtende Seuche ausbricht, Baumgartner befindet sich mitten in ihrem Epizentrum. Als 1988 in Großbritannien BSE ausbricht, lebt er in London. Als 2006 in China die Vogelgrippe grassiert, ist Baumgartner eben dort, während der Schweinegrippe anno 2009 ist er eines der ersten Opfer in New Mexico und als 2011 in Deutschland EHEC ausbricht, lebt er in Bienenbüttel. Stets sind Seuchenerfahrungen mit einer Liebeserfahrung verbunden, so dass er an einer Stelle im Roman einem Freund ein Versprechen abnimmt: Sollte ich je wieder Symptome von Verliebtheit zeigen, musst du sofort die Gesundheitspolizei verständigen, versprich mir das.

Diese „Seuchenerzählung" bildet den Rahmen einer weiteren Erzählung, nämlich der ihres Erzählens durch ebenjenen Freund und ehemaligen Mitbewohner Baumgartners, einem gewissen Wolf Haas, der an einer Arbeit über den Wandel von temporalen zu kausalen Konjunktionen schreibt, der im Roman dann wiederum eine gewisse erzählerische Funktion einnimmt. Dieser Erzähler gesteht auch im Roman gegenüber einer jungen Frau, dass er, wenn er eines Tages mal ein Buch schreiben sollte, diesem den Titel „Verteidigung der Missionarsstellung" geben werde.

Haas Roman lebt vom spielerischen Umgang mit seinem Material, sei es auf der erzählerischen, der sprachlichen, der textuellen oder der haptischen Ebene. So wird der Erzählfluss immer wieder von Textblöcken und Einschüben unterbrochen, die sich mal wie Regieanweisungen und mal wie Autorennotizen lesen: „[HIER NOCH LONDON-ATMOSPHÄRE EINBAUEN. LEUTE. AUTOS. HÄUSER. 1988. THE BLICK FROM THE BRIDGE.]" oder „[NÄCHSTE WOCHE SCHNELL 50 SEITEN LEBENSGESCHICHTE ZUSAMMENSCHUSTERN.]. Als Sprachspiel mögen die sympathischen Versprecher der stets ausländischen Geliebten von Benjamin Lee Baumgartner dienen, die die Faszination der deutschen Sprache vor Augen führen. Da wird „Fug reden" zum Gegenteil der Wendung „Unfug reden" stilisiert, „disgusting" mit „ungustiös" übersetzt oder dem „Querlesen" das „Geradelesen" gegenübergestellt. Als Leser darf man dann tatsächlich auch mal ganze Seiten „querlesen" oder im Kreis – wenn die Gedanken Kreisen – oder sich in den Text bis zur Unkenntlichkeit vertiefen. Und wer des Chinesischen mächtig ist, der erfährt ein in der Tiefe des Romans liegendes Geheimnis (wer kein chinesisch kann, versteht den Roman dennoch, verpasst aber dieses „Bonus-G'schichtl").

Wolf Haas neuer Roman, der es unfassbarer Weise nicht von der Long- auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat, ist ein Hohelied auf die Literatur, indem er Sprache nicht zu ernst nimmt, sondern mit ihr spielt. Verteidigung der Missionarsstellung ist nicht einfach nur die längst überfällige Rettung der typischsten aller sexuellen Begegnungen, sondern ein Lektürevergnügen sondergleichen.

Lesen Sie hier Teil 2 unserer Buchempfehungen zum Jahresausklang.