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Nachdenken über den Tod

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Fernseh- und Radiomoderator Fernseh- und Radiomoderator Jürgen Domian hat sich Gedanken über den Tod gemacht. In einer Art inneren Monolog hat er sich selbst befragt, wie er es mit dem Tod hält. Bei dieser jahrelangen Selbstbefragung ist er den Weg vom gläubigen Christen über den Atheismus zum Agnostiker gegangen.
Mittwoch, 29. August 2012

In seinem Buch fordert er nicht nur einen offeneren Umgang mit dem Thema Tod, sondern bekennt sich auch als Befürworter der aktiven Sterbehilfe und der Beihilfe zum Tod. Jürgen Domian hilft mit seinem Buch bei der Beschäftigung mit der eigenen Sterblichkeit, ohne falsche Hoffnungen zu machen.

Jürgen Domian: Interview mit dem Tod

Philosophieren heißt sterben lernen, sagte Montaigne und Jürgen Domian (genannt Domian) hat ihn beim Wort genommen. Er schreibt in seinem Buch Interview mit dem Tod: 

Im Grunde ist der Tod das Thema meines Lebens. ... Über nichts habe ich so viel, so oft, so kontrovers, so verzweifelt nachgedacht wie über die Endlichkeit.

Darum beschäftigte er sich mit Philosophie und las, was Nietzsche, Feuerbach, Marx, Epikur, Schopenhauer, Platon, Kant, Wittgenstein, Montaigne, Descartes, Leibnitz, Bruno, Kierkegaard, Heidegger und Sartre dazu geschrieben hatten.

Aber all seine Beschäftigung mit Philosophie brachte ihm "keine neuen Denkanstöße und keine überzeugenden Erklärungen". Immerhin hatten Nietzsche und Feuerbach ihn von seiner fundamentalistisch christlichen Haltung befreit und zu der Überzeugung geführt, dass das gesamte Christentum „eine gewaltige Unterdrückung des Natürlichen, Gesunden, Stolzen und Übermütigen“ ist. Er sah sich eine Zeit lang als Atheist, legte diese Überzeugung dann aber wieder ab, weil ihm diese Weltsicht auch als eine „Spielart des Glaubens“ erschien.

Die Fixierung der Atheisten auf die Naturwissenschaften, die Ratio und die Logik erschien mir nicht plausibel ... die landläufige atheistische Überzeugung, dass mit dem Tod definitiv alles zu Ende sei, entsprach nicht meiner Intuition.

Also suchte er nach Erklärungen und machte es sich dabei nicht leicht. Die wesentlichen Erkenntnisse und Erfahrungen aus einer jahrzehntelangen Suche sind hier auf ca. 170 Seiten zusammengefasst.

Jürgen Domian ist eine Art Kummerkastentante, die statt in einer Illustrierten, in Radio und Fernsehen ihre Beratung anbietet. Die Gespräche finden (seit 1995) um ein Uhr morgens statt und werden überwiegend live gesendet. In den Jahren seiner Talk-Tätigkeit (für die er 2003 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde), hatte er über 2.000 Interviewpartner, darunter auch viele Todkranke, Sterbende und Trauernde. Mit einem hätte er sich gerne unterhalten und da das nicht möglich ist, hat er sich einen Dialog mit ihm ausgedacht – mit dem Tod. Ihm stellt er in seinem Buch letzte und vorletzte Fragen. Die Antworten könnten teilweise von einem Philosophen oder einem aufgeklärten Zen-Meister sein. 

Das Buch besteht aus zwei Teilen, die in neun Kapiteln ineinander verwoben sind. Zum einen handelt es sich um biografische Erzählungen über seine Beschäftigung mit dem Tod, zunächst als Christ, später als Atheist, über das Sterben seines Vaters, seine Beschäftigung mit dem Tibetischen Totenbuch, über Palliativmedizin und das Mildred-Scheel-Haus sowie über Sterbehilfe, und zum anderen um fiktive Dialoge mit dem Tod. Dieser erscheint teilweise sehr Weise, z. B. wenn er ihn sagen läßt: „Der Moment ist die einzige Wirklichkeit, die ihr Menschen habt“, manchmal aber auch etwas esotherisch, wenn er sagt: „Ich gehe immer zu denen, deren Aufgabe auf Erden erfüllt ist.“ 

Fasziniert studierte Domian Berichte über Nahtod-Erlebnisse und hatte auch Anrufer, die ihm davon berichteten. Er hält diese Erlebnisse und Erfahrungen jedoch für "komplexe Halluzinationen, die auf eine Fehlfunktion des Gehirns zurückzuführen sind. Ausgelöst eventuell durch Sauerstoffmangel."

Zum Thema Suizid lässt er den Tod sagen, es sei nicht verwerflich, sich das Leben zu nehmen. Der Suizident sei ohne Schuld. Leider behauptet Domian dann fälschlicherweise, dass in Deutschland die Beihilfe zur Selbsttötung verboten sei und verbreitet zudem die häufig zu hörende Fehleinschätzung, dass ein Begleiter sofort den Raum verlassen müsse, nachdem der Suizident eine tödlich wirkende Arznei eingenommen habe. Er nennt dies eine absurde Rechtslage. Tatsache ist jedoch, dass ein Suizid und auch die Beihilfe dazu in Deutschland nicht strafbar sind. Absurd ist daher die Schlussfolgerung den Suizidenten im entscheidenden Moment verlassen zu müssen. Ein voraus verfügter Wille ist zu respektieren, wenn anzunehmen ist, dass er noch aktuell ist, selbst wenn seine Befolgung dem Verfügenden schadet. Daraus folgt, wenn jemand sich freiverantwortlich und einsichtsfähig zum Suizid entschließt, und dies nachhaltig zum Ausdruck bringt, dann wird ein Begleiter zum Garanten des Willens des Suizidenten, der dafür Sorge zu tragen hat, dass keine lebensrettende Intervention Dritter erfolgt. Dass dies sorgfältig vorbereitet und zuvor alle Optionen zur Lebenserhaltung geprüft werden sollten, versteht sich hoffentlich von selbst.

Domian kommt im Folgenden zu dem Schluss, dass er „Befürworter sowohl der aktiven Sterbehilfe, als auch der Beihilfe zur Selbsttötung bzw. des begleiteten Freitodes“ ist, weil er sich nicht die Pulsader aufschneiden oder aus dem Fenster springen will. Dass es auch eine humanere Möglichkeit gibt, hat gerade der Brite Tony Nicklinson gezeigt. Weil ihm eine aktive Sterbehilfe nicht gewährt wurde, verzichtete er auf Essen und Trinken, und verstarb, wie die Meiden schrieben „eines natürlichen Todes“. Dass der altehrwürdige freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit (auch Sterbefasten genannt) nicht qualvoll ist, wenn palliativmedizinisch und durch gute Mundpflege und Benetzung der Schleimhäute begleitet, sollte kommuniziert werden, statt Sterbewillige in ihrer Not alleine zu lassen.

Dennoch ist Interview mit dem Tod ein kleines, feines Buch, das wichtige Fragen stellt und darauf auch kluge Antworten liefert. Es hilft bei der Beschäftigung mit der eigenen Sterblichkeit, ohne falsche Hoffnungen zu machen.