Direkt zum Inhalt

Darf ein Humanist egoistisch sein?

DruckversionEinem Freund senden
Mit seinem neuen Buch über den empathischen Egoismus ist dem Philosophieprofessor Michael Pauen ein provokanter Titel gelungen, der zum Nachdenken anregt. Allerdings fehlt „Ohne Ich kein Wir – Warum wir Egoisten brauchen“ eine Art Handlungsleitfaden, wie man die Erkenntnisse zum empathischen Egoismus in der Praxis umsetzen kann.
Montag, 27. August 2012
Michael Pauen

Ohne Ich kein Wir - Warum wir Egoisten brauchen. So lautet der interessante und programmgebende Titel von Michael Pauens aktuellem Buch. Nach seiner Auffassung sind heute empathische Egoisten gefragt, die ihre eigenen Interessen verfolgen und den Blick dabei für das Ganze im Auge behalten. Was zunächst als Widerspruch erscheint, klingt – zweimal hingeschaut – logisch, sind doch Egoismus und Empathie zwei Seiten einer Medaille. Pauen charakterisiert das folgendermaßen:

Empathische Egoisten vertreten ihre eigenen Interessen, ihre Meinungen und Ziele [...]. Gleichwohl sehen empathische Egoisten auch die Interessen, die Wünsche und Gefühle der anderen. Und sie erkennen, dass sie gut daran tun, deren Belange zu berücksichtigen.

Der Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität in Berlin vertritt die These, dass sich Freiheit und Determinismus nicht gegenseitig ausschließen. Passt das zum humanistischen Denken? Nach Kants „ungeselliger Geselligkeit" kann der Mensch nicht ohne den anderen auskommen, aber es sind damit zugleich Konflikte einprogrammiert. So ist nun mal der Mensch – altruistisch und egoistisch zugleich.

Michael Pauen, Jahrgang 1956, veröffentlichte mehrere Bücher zur Philosophie, der Natur des Geistes und den neuronalen Voraussetzungen. Besonders hervorzuheben ist sein mit Gerhard Roth verfasstes Werk Neurowissenschaften und Philosophie aus dem Jahre 2001.

Der Autor sieht die Welt in einem wandelnden Prozess. Entscheidungsprozesse sind nicht mehr von Herkunft, Geschlecht oder Status der Eltern abhängig. Das ist positiv, da jeder Einzelne größere Mitwirkungsmöglichkeiten hat. Aber der persönliche Entscheidungsdruck, etwa bei der Berufswahl, führt dazu, dass man aus der Fülle an Informationen die richtige Entscheidung herausfinden muss.

Egoismus gilt in der Gesellschaft als verwerflich und schlecht fürs Allgemeininteresse. Auf der anderen Seite weist der Autor zu Recht darauf hin, dass wir viele egoistische Verhaltensweisen gut heißen.

Der empathische Egoismus funktioniert nicht zuletzt deshalb, weil wir von Natur aus eine Vielfalt rationaler und emotionaler Fähigkeiten besitzen, die es uns ermöglichen, mit anderen zusammenzuleben.

Als Beispiel nennt er die Ermutigung unserer Kinder, sich für die eigenen Interessen, und Überzeugungen einzusetzen. Aus dieser Sicht können Humanismus und Egoismus durchaus einhergehen, wenn letzterer von Empathie durchdrungen ist.

Die anfängliche Begeisterung, etwa bei der Einleitung, die noch vielversprechend und zu neuen Gedankenkonstruktionen einlädt, lässt allerdings beim weiteren Lesen nach. Wichtige Aspekte, etwa das Thema Empathie, findet man versteckt in einem Unterkapitel. Die Argumentation im Buch liefert zu oft Altbekanntes. So sorgten bereits 1995 wichtige Erkenntnisse der Neurowissenschaften in Eric Kandels gleichnamigen Werk oder Golemans Emotionale Intelligenz von 1997 für Aufsehen. Heute aber – im Jahre 2012 – liefern derartige Informationen kein Aha-Erlebnis mehr.

Der Titel Ohne Ich kein Wir - Warum wir Egoisten brauchen ist vielversprechend, der Inhalt erfüllt die Erwartungen (Das Cover erinnert nicht zufällig an Richard David Prechts Wer bin ich – und wenn ja wie viele?) nicht ganz. Interessanter wäre es gewesen, zu erläutern, wie man die Erkenntnisse, etwa in der Schule, umsetzen könnte. Aus meiner Sicht wäre die provokante, aber überaus überlegenswerte These in einem längeren Artikel, etwa in der ZEIT, vielleicht besser aufgehoben gewesen.

Michael Pauen: Ohne Ich kein Wir – Warum wir Egoisten brauchen. Ullstein Verlag 2012, 322 Seiten, 16,99 Euro.