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Eine königliche Affäre

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Auf der diesjährigen Berlinale reüssierten vor allem Beiträge, die humanistische Themen wie Menschenrechte und die Aufklärung in den Mittelpunkt stellten. Mit dem historischen Drama „Die Königin und der Leibarzt“ kommt nun einer der preisgekrönten Filme in unsere Kinos.
Mittwoch, 18. April 2012
Die Königin und der Leibarzt

Der Germanist und Kant-Experte Manfred Geiger hat jüngst in seinem für den Leipziger Buchmessepreis nominierten Sachbuch über die Aufklärung selbige als Europäisches Projekt beschrieben (Hier geht's zur Rezension). Und denkt man an die großen Aufklärer, von Locke, Voltaire und Rousseau angefangen über Diderot, d'Alembert, Descartes und Hume bis hin zu Mendelssohn, Grimm, Wolf, den Humboldt-Brüdern und Kant, dann vereint all diese ihr Europäer-Sein. Wer auf dieser Liste fehlt ist der der deutsche Arzt Johann Friedrich Struensee, der als Minister am dänischen Königshof gegen den Willen des Klerus zumindest kurzzeitig für Aufklärung sorgte. Der schwedische Schriftsteller Per Olov Enquist erinnerte vor etwas mehr als zehn Jahren an den deutschen Aufklärer in seinem Roman Der Besuch des Leibarztes. Mit Nikolaj Arcels Die Königin und der Leibarzt kommt nun eine filmische Hommage an Struensee in die deutschen Kinos.

In dem zweistündigen Film, entstanden in Zusammenarbeit mit Rasmus Heisterberg und Lars von Trier, erzählt der dänische Regisseur Arcel die Geschichte des Armenarztes Johann Struensee (Mads Mikkelsen) am dänischen Königshof unter Christian II. (Mikkel Boe Følsgaard). Richtiger gesagt muss es heißen, dass Arcel erzählen lässt: Königin Caroline Mathilde (Alicia Vikander), mit der Struensee eine leidenschaftliche Affäre gehabt und ein Kind gezeugt hatte und deshalb später von ihren Kindern getrennt und aus Dänemark verbannt wurde, erzählt kurz vor dem eigenen Ableben ihren Kindern die Geschichte der tatsächlichen Umstände ihrer Verbannung.

Struensee und der psychisch labile dänische König trafen erstmals 1768 aufeinander. Struensee begleitete den König auf seiner Reise durch Europa. Schnell fasst der König Vertrauen zu dem sensiblen Denker und ruft ihn als Leibarzt an seinen Hof. Dort beobachtet Struensee, wie der klerikale Hofstaat dem König die politische Macht aus der Hand nimmt, ihn zur Marionettenfigur degradiert und an der Nase herumgeführt. Der Arzt hilft dem König, sich aus dem eisernen Griff von Adel und Klerus zu befreien. Struensee gewinnt an Einfluss am Hof, baut sich einen kleinen Beraterkreis mit radikalen Freidenkern und Reformern auf und übernimmt nach und nach die Staatsgeschäfte des psychisch labilen Königs. Er versuchte fortan, die Ideen der Aufklärung in Dänemark – einem Staat, in dem es auf den Tod verboten war, aufklärerische Schriften einzuführen – umzusetzen.

Die Königin und der Leibarzt Szene 1

Caroline Mathilde (Alicia Vikander) und Johann Friedrich Struensee (Mads Mikkelsen) | © Copyright Jiri Hanzl/ MFA+ FilmDistribution e.K.

Mit hunderten Dekreten und Erlassen führte Struensee die Entmachtung des Adels und der Gutsherren, Meinungs- und Pressefreiheit und die Abschaffung der Folter, reformierte das Schulwesen und zielte auf eine Kontrolle des Getreidehandels. Der deutsche Arzt ließ Findelhäuser und Hospitäler gründen und öffnete den königlichen Schlossgartens für die Promenaden der Bevölkerung. Zum Missfallen der bislang alles bestimmenden Staatskirche reduzierte Struensee auch die Zahl der Feiertage und schaffte die sog. Kirchenzucht ab.

Unterstützt wurde der Arzt dabei von einem engen Aufklärerkreis, zu dem auch sein Altonaer Freund Enevold von Brandt gehört, den er an den Hof rufen ließ. Vor allem aber stärkte ihm Königin Caroline Mathilde den Rücken in all seinen Reformen. Seine aufklärerische und wenig dogmatische Geisteshaltung entsprach ihrem Gemüt.

Bekanntermaßen war Caroline Mathilde unglücklich in ihrer Ehe mit Christian, dessen Geisteskrankheit sich immer deutlicher ausprägte. Sie verliebte sich in den belesenen Struensee. Die Affäre beider scheint dem König wohl gleichgültig gewesen zu sein, dem entmachteten Hofstaat kam sie zupass. Der Klerus nutzte das so unverschämt unchristliche Verhalten des aufgeklärten, freidenkerischen Struensee und der gegen den christlich-konservativen Hofstaat rebellierenden Königin, um ein Komplott zu schmieden. Struensee endete auf dem Schafott, sein Dreund von Brandt ebenso, Caroline wurde vom Hof verbannt und Christian II. kam wieder an die Leine des Hofstaats. Dies bedeutete vorerst das Ende der Aufklärung in Dänemark, der Staat fiel zurück in mittalalterliche Verhältnisse.

Die Königin und der Leibarzt Szene 2

Johann Friedrich Struensee (Mads Mikkelsen) | © Copyright Jiri Hanzl/ MFA+ FilmDistribution e.K.

Die Königin und der Leibarzt ist ein bewegender Film über die Anfänge der Aufklärung in Europa und die Hindernisse, die es zu überwältigen galt, um zu einem menschlicheren Miteinander zu gelangen. Überraschend hat er bei der diesjährigen Berlinale zwei Silberne Bären gewonnen. Nikolaj Arcel und Rasmus Heiterberg wurden für ihr Drehbuch ausgezeichnet und Mikkel Boe Følsgaard für seine grandiose Verkörperung des geisteskranken dänischen Königs, mit der er sich durchaus mit Leonardo di Caprio als geistig behinderter Arnie Grape in Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa messen kann, wenngleich die Herausforderung nicht ganz so groß ist.

Der Film hingegen hält nicht das Niveau, welches die Bären erwarten lassen. Er verkommt im Laufe der Handlung zu einer dramatischen Romanze, weil er sich mehr mit der Affäre von Struensee und Königin Caroline befasst, als mit dem Ringen am Hof zwischen Aufklärern und Klerus. Statt einem historischen Politthriller, den die Mischung aus Intrigen, Verschwörungen, Hinterzimmerabsprachen, Gewalt und dem Ringen um die Deutungshoheit zwischen religiösen Fanatikern und leidenschaftlichen Aufklärern der historischen Vorlage geboten hätte, bekommt der Zuschauer am Ende eine Schmonzette erster Güte. Schade, denn gerade in dieser Geschichte liegt das Spannende dieses Stücks europäischer Geschichte, von der dieser Film erzählt.

Die Königin und der Leibarzt: 131 Min.; FSK 12

Eine königliche Affäre DVD

Zur Vertiefung des historischen Stoffes ist der dokumentarische Spielfilm Eine königliche Affäre - Das riskante Leben des Leibarztes Johann Friedrich Struensee von Dr. Wilfried Hauke empfohlen, der bereits als DVD vorliegt. Der Film ist an Originalschauplätzen in Dänemark, England und Deutschland gedreht und enthält Interviews mit internationalen Experten sowie lange geheim gehaltene historische Originaldokumente.

Die Königin und der Leibarzt