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Von Kinder- und Erwachsenendingen

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Richard David Precht hat einen philosophischen Ratgeber für Kinder herausgebracht.
Dienstag, 28. Februar 2012

Richard David Precht gehört zu jenen Zeitgenossen, die sich jenseits der alltäglichen Dinge Gedanken über die Zukunft der Gesellschaft machen. Und er gehört zu den wenigen Stimmen, die auch erhört werden. Er entwickelt immer wieder neue Ideen, die sich zwar manchmal gesellschaftspolitisch verirren, so etwa bei seiner Idee für ein soziales Pflichtjahr für Rentner, doch regen seine philosophischen Überlegungen immer wieder zum Nachdenken an. 

Nun hat er nach seinem Bestseller Wer bin ich - und wenn ja wie viele? ein neues philosophisches Buch, diesmal für Kinder, herausgebracht. In Warum gibt es alles und nicht nichts? sucht er nach Antworten auf philosophische Fragen aus der Sicht des Kindes. Verschiedene Themen werden aufgegriffen, die Precht mit seinem Sohn Oskar diskutiert: Was ist fair? Wo kommt alles Leben her? Warum sind Menschen traurig? Woran erkennt man, was falsch oder richtig ist? Die Themen werden abwechslungsreich erzählt und neben den Fakten über die Entwicklungsgeschichte werden immer wieder Dialoge zwischen Sohn und Vater eingefügt. Precht möchte anhand des Buches die Frage klären, ob sich Kinderdinge von Erwachsenendingen unterscheiden. Er glaubt, dass Kinder spontaner, lustiger und ehrlicher mit offenen Fragen umgehen.

Wogegen Erwachsene immer glauben, sie müssten auf alles eine Antwort haben. Vermutlich deshalb, weil sie glauben, man hielte sie sonst für dumm. … Dabei sind vor allem die dumm, die glauben, dass sie alles wissen.

Die biblische Schöpfungsgeschichte wird anhand von praktischen Beispielen anschaulich widerlegt. Bis zur Darwinschen Erkenntnis glaubten die meisten Menschen ja noch, was in der Bibel steht. Aber wie sollten es etwa die Kröten und Schnecken vom Berg Ararat bis ans andere Ende der Welt nach Südamerika und Australien geschafft haben? Amüsant auch, wie die Tiere zu ihren Namen kamen. Wie etwa der Fjellfräs: Dieser lebt in Nordeuropa und heißt übersetzt Felsenkatze. Ins Deutsche übertragen wurde der Begriff so missdeutet, dass man daraus den Vielfraß machte.

Precht: Warum gibt es alles und nicht nichts?

Richard David Precht: Warum gibt es alles und nicht nichts? Ein Ausflug in die Philosophie. Goldmann Verlag, München 2011

Was problematisch erscheint, sind seine Darstellungen über moralische Entscheidungen. Der Junge soll z.B. hypothetisch entscheiden, ob er einen fehlgeleiteten Zug eher gegen fünf Bauarbeiter oder gegen seine Mutter lenken würde. Man kann ja verstehen, dass eine Geschichte authentisch sein soll, man moralische Dilemmata darstellen will, aber sind das geeignete Beispiele für neun bis dreizehnjährige Leser? Auch das Besuchsprogramm in Berlin, dass Vater und Sohn absolvieren, wirkt sehr ambitioniert, gestern das Technikmuseum, heute die Gärten der Welt und morgen ein noch größerer Ausflug.

Da wirken die fast lehrmeisterlichen Belehrungen Prechts gegenüber seinem Sohn fast amüsant, als es darum geht, ob er sich während der U-Bahnfahrt die Namen der Stationen gemerkt habe. Denn Papa Precht macht hier auch Fehler. So gibt es die Station „Rathaus Lichtenberg“ gar nicht.

Gelungen sind die alltäglichen Beispiele, etwa wie die Currywurst hergestellt wird oder der Abschnitt über Belohnungen, der noch einmal klärt, dass diese nur kurzfristig wirken. Die Kapitel enden jeweils mit philosophischen Einsichten, wie etwa über moralische Entschlüsse:

Wenn wir moralische Entscheidungen treffen, dann handeln wir sehr oft gar nicht logisch. Vielmehr sind es unsere Gefühle, die unsere Entscheidungen treffen, was wir im Umgang mit anderen Menschen für richtig oder falsch halten.

Die Idee, philosophische Fragen aus der Sicht des Kindes zu betrachten, ist nicht neu. Richard David Precht gelingt dies auf eine erfrischende Art und Weise. Auch ist es, wenn auch nicht beabsichtigt, zugleich eine Art Kinderreiseführer zu spannenden Plätzen in Berlin geworden.

Richard David Precht: Warum gibt es alles und nicht nichts? Ein Ausflug in die Philosophie. Goldmann Verlag,  München 2011. 208 Seiten, 16,99 Euro

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