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Intellektuelle und Religion

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Im Mittelpunkt der aktuellen Ausgabe von „Aufklärung und Kritik“ stehen mit Friedrich dem Großen, Ludwig Wittgenstein, Albert Einstein, Sigmund Freud, Jürgen Habermas und Richard David Precht einige Großdenker moderner und früherer Zeiten. Ihr Tun und ihre Schriften werden auf das Verhältnis zur Religion beleuchtet.
Donnerstag, 21. Juni 2012

 

Aufklärung & Kritik

Friedrich II. von Preußen hätte im Januar seinen 300. Geburtstag gefeiert. Für ihn tun dies zahlreiche Museen und Kultureinrichtungen, die sein Schaffen und sein Erbe beleuchten. Die größte Schau findet in Potsdams Neuem Palais statt (Friederisiko), eine weitere bemerkenswerte im Deutschen Historischen Museum Berlin (Friedrich der Große – verehrt, verklärt, verdammt) und zahlreiche andere in Potsdam und Umgebung. Als „Aufklärerkönig“ und „Philosophenkönig“ ist Friedrich II. in die Geschichte eingegangen. Ursächlich waren zweifellos seine Korrespondenzen mit den französischen Intellektuellen, allen voran Voltaire. Zu seiner Zeit galt er selbst als einer der klügsten Köpfe Europas. War Friedrich der Große also Humanist? Dem widerspricht sein „Antimachiavel“, ein machtpolitisches Pamphlet, das den Aufklärer und Wegbereiter der französischen Revolution Jean-Jacques Rousseau (der nächste Woche seinen 300. Geburtstag feiern würde) veranlasste, Friedrich II. vorzuwerfen, dass er „jedes Menschenrecht mit Füßen“ trete. Auch die Eroberungsfeldzüge des Preußenkönigs sprechen zunächst gegen einen tiefen Humanismus.

Das friederizianische Universum zwischen Geist und Macht in beeindruckender Tiefe ergründet hat der Mathematiker Prof. Dr. Thomas Rießinger in der Ausgabe 1-2012 von Aufklärung und Kritik (Inhaltsverzeichnis und einzelne Artikel hier). Er macht dabei deutlich, dass man bei Friedrich II. eben nicht nur einfach eins und eins zusammenzählen kann, um Erkenntnis zu gewinnen, sondern dass man nicht allzu vorschnell mit seinem Urteil sein sollte. Denn auch die folgenden Worte kommen von Friedrich II., der die Folter weitgehend abgeschafft sowie Justizreformen in Sachen Kindsmord und Abtreibungen herbeigeführt hat:

Wer aber glaubt, dass weder alle gut noch alle schlecht sind, … wer Nachsicht mit den menschlichen Schwächen hat und Menschlichkeit gegenüber allen übt, der handelt, wie ein vernünftiger Mensch handeln muss.

Ob Friedrich eher Philosoph oder großer Staatsmann gewesen sei, lässt Rießinger offen. „Dass Friedrich sich aber sein Leben lang mit großer Virtuosität sowohl der Politik und der Ausübung von Macht als auch der geistigen Auseinandersetzung mit grundlegenden Problemen gewidmet hat, dürfte unbestritten sein“.

Der Journalist Franz Josef Paulus beschäftigt sich in einem Aufsatz über Jürgen Habermas‘ Haltung zum Religiösen mit der Frage, ob dessen antirationale Haltung Ursache einer subjektiven Resignation seiner selbst ist oder eine berechtigte Kritik an der vernunftorientierten Wissenschaft. Hintergrund dieses Beitrags sind Äußerungen von Habermas u.a. hinsichtlich eines Nebeneinanders von Glauben und Wissen, wonach Glauben nicht grundsätzlich irrational ausgelegt werden müsse und der „spröden Vernunftmoral“ nur durch spirituelle Erneuerung aus der Patsche geholfen werden könne. Habermas Entwicklung im Diskurskontext von Wissen-Glauben und Vernunft-Moral nachzeichnend kommt Paulus zu einem vernichtenden Urteil: „Wenn uns einer heute die religiöse Wirklichkeit erklären kann, dann ist es keinesfalls Jürgen Habermas.

Auch Ludwig Wittgenstein hilft da nicht wesentlich weiter, wie der Philosoph Dr. Harald Seubert in seinem Beitrag vermittelt, denn Wittgenstein habe zum aufklärerischen Diskurs lediglich die Erkenntnis beigetragen, „dass es sinnvoll und vernünftig sein könnte, mit der Religion nicht allzu früh fertig zu werden.“ Fraglich ist dies auch bei Albert Einstein, wie in einem weiteren Aufsatz deutlich wird. Dessen Atheismus sei gar keiner, heißt es da, „sondern eine feste, ganz eigenständige Größe darstellt, die sich als solche durchaus autonom zwischen Atheismus und Theismus etablieren und behaupten kann“.

Der Sozialwissenschaftler und Bürgerrechtler Dr. Richard Albrecht geht Sigmund Freuds Religionskritik als Kulturkritik auf den Grund. Vertiefend wird dabei Freuds Text „Unbehagen in der Kultur“ analysiert, in der es u.a. heißt:

Meine Unparteilichkeit wird mir dadurch leicht, dass ich über all diese Dinge sehr wenig weiß, mit Sicherheit nur das eine, dass die Werturteile der Menschen unbedingt von ihren Glückswünschen geleitet werden,…

Die Glückswünsche erinnern an den humanistischen Selbstbestimmungsgedanken. Diesem Freud auf die Spuren zu gehen, ist spannend und in dieser kondensierten Form überaus lesenswert, auch wenn dessen kritische Haltung zum Religiösen (als Kindheitsneurose) längst kein Geheimnis ist.

Außerdem in der aktuellen Ausgabe

+++ Entschleunigungsexperte Dr. Fritz Reheis liefert einige kritische Anmerkungen zur bestehenden Wirtschaftsordnung und aufklärerischen Vernunft +++ Ludwig A. Minelli über die Suizidhilfe als menschenrechtlicher Anspruch in Deutschland und die fehlende Suizidversuchs-Prophylaxe +++ Dr. Edgar Dahl über die unterschiedlichen tierethischen Positionen zwischen Peter Singer und Karlheinz Deschner, ergänzt von einem Beitrag von Conrad Schmitt über Anspruch und Wirklichkeit einer Tierethik +++

Rezensionen

Rezensiert werden in der aktuellen Ausgabe u.a. Michael Schmidt-Salomons Anleitung zum Seligsein, Jürgen Beetz‘ Denken Nach-Denken Handeln, Götz Alys Warum die Deutschen? Warum die Juden? sowie Hans-Werner Kubitzas Verführte Jugend.

Im Mittelpunkt der Ausgabe 2-2012 steht der Freidenker Ludwig Feuerbach, mit dem sich bereits vor Jahren einige Autoren im 16. Heft von humanismus aktuell befasst haben (Anfragen hier).