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Ein Hexenprozess im 18. Jahrhundert

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Der Historiker Rainer Beck untersucht in "Mäuselmacher oder die Imagination des Bösen" einen der letzten deutschen Hexenprozesse, der von 1715 bis 1723 in der katholischen Bischofsstadt Freising stattfand.
Dienstag, 28. Februar 2012

Ins Visier der Justiz gerieten anfangs einige bettelnde Jugendliche, denen man vorwarf, Mäuse zu zaubern – ein damals gängiger Magievorwurf. Mit der Exekution von drei Auswärtigen kehrte zunächst wieder Ruhe in der Kleinstadt ein. Die beteiligten einheimischen Jugendlichen wurden ihren Eltern entzogen und zu Pflegeeltern gegeben. Doch besonders einer geriet bald wieder in Schwierigkeiten. Beschimpft als "Hexenbub" stahl er und widersetzte sich den rigorosen Vorschriften des ihm zugeteilten Paters. So wurde er 1721 wieder verhaftet. In Ketten gelegt gestand er "Unzucht" und Kontakte mit dem Teufel. Seine Beschuldigungen führten zu einer Verhaftungswelle und letztlich zu einer Vielzahl von Hinrichtungen, der auch einige als Hexen beschuldigte Frauen zum Opfer fielen. Am Ende des mehrjährigen Prozesses protestierte der Richter gegen die anstehende Exekution eines 11-Jährigen und das Verfahren endete mit der Ausweisung etlicher Beschuldigter.

Rainer Beck: Mäuselmacher oder die Imagination des Bösen

Rainer Beck: Mäuselmacher oder die Imagination des Bösen. C.H. Beck, München 2011

Insgesamt entspricht dieser Prozess in einer katholischen bayerischen Kleinstadt nicht den gängigen Klischees von Hexenprozessen. Opfer waren in erster Linie männliche Kinder und Jugendliche. Die untersuchenden Behörden bemühten sich – in den Grenzen des damaligen Rechtsverständnisses – um ein faires Verfahren. So wurde fast immer im Rahmen der Strafprozessordnung und nicht willkürlich gefoltert. Widerrufe von Geständnissen führten zu neuen Befragungen (und meist abermaliger Folter). Die vorsichtige Kritik des Richters an den unter Folter erzwungenen Geständnissen führte schließlich zum Ende des Verfahrens.

Angesichts des heutigen Folterverbots und v. a. angesichts der Tatsache, dass es sich bei Hexerei um ein imaginäres Vergehen handelt, kann das damalige "ordentliche" Verfahren heutige Leser natürlich nicht überzeugen. Doch es geht Beck v. a. darum, das historische Umfeld eines Hexenprozesses im frühen 18. Jahrhundert im Detail zu rekonstruieren. Zum Einen stellt er damalige "Verbrechen" wie "Teufelsbuhlschaft", "Hostienschändung" und "Blutunterschrift unter einem Teufelspakt" in den Kontext des damaligen Katholizismus. Zum Anderen porträtiert er das damalige juristische Verfahren, in dem die bis ins Detail geregelte Anwendung von Folter als ein anerkanntes und breit genütztes Instrument der Wahrheitsfindung galt. Kinder galten als strafmündig und konnten gefoltert werden. Die minderjährigen Angeklagten hatten keine Verteidiger in einem Verfahren, das letztlich vom Stadtrat und dem bischöflichen Hofrat entschieden wurde.

Darüber hinaus stellt Beck Überlegungen an, inwieweit die sehr geständnisfreudigen Angeklagten (oft auch ohne Folter!), tatsächlich einige der ihnen vorgeworfenen Handlungen begangen hatten. So mögen sie gegenseitige Masturbation und homosexuelle Spiele tatsächlich als "teuflisch" empfunden haben. Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Tatsache, dass die meisten der Angeklagten einer von ihren Anklägern als suspekt empfundenen Unterschicht entstammten.

Kurz: Der Autor stellt den Hexenprozess in einen umfassenden soziokulturellen Kontext, wobei er besonders die Rolle des Katholizismus der Zeit herausarbeitet, ohne in Polemik zu verfallen. Leider ist der lange Text zwar hervorragend recherchiert, aber nicht sonderlich flüssig geschrieben. So müht sich der Leser streckenweise durch ein ansonsten hochinteressantes Buch.

Rainer Beck: Mäuselmacher oder die Imagination des Bösen. C.H. Beck 2011. 1.008 Seiten, 49,95 Euro.

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