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Was geschieht mit uns nach dem Tod?

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ENDLICH ist eine ungeschönte Dokumentation über die Stunden und Tage nach dem Tod und zugleich ein filmisches Essay über die Anwesenheit des Todes im Leben.
Freitag, 28. Oktober 2011

Ein Waldstück, Polizei, eine Leiche. Als alles vorbei ist, hören wir zu milchigen Schwarz-Weiß-Bildern eine getragene Stimme aus dem Off: Das gelbe Absperrband habe sich in den Wildrosen verfangen. Und sie fragt schließlich harmlos und unaufgeregt: Ob spätere Waldspaziergänger wohl noch etwas spüren werden vom Ort des Geschehens, an dem rotglänzendes Blut von der Erde und teils von der Luft aufgenommen wurde? Der dann noch 80 Minuten dauernde Dokumentarfilm ENDLICH, produziert von Tom Tykwer, beginnt mit dieser poetisierenden Verarbeitungsform eines an sich großen Schreckens. Denn die innere Stimme, die wir hören, gehört dem Bewohner eines Bauernhauses, das einsam im Wald liegt und von einer romantischen Flussschleife umgeben ist. Erst vor kurzem ist er von der Polizei vor einem bewaffneten Sexualstraftäter gewarnt worden. Dieser sei schwimmend durch eben diesen Fluss entkommen. Beobachtet von seinem Bewohner kam der Mann – er war noch jung – mit der Pistole in der Hand auf das Haus zu und schoss sich dann damit in den Kopf.

ENDLICH Himmlischer Glanz

Himmlischer Glanz

Auf das Thema „Selbsttötung eines Verbrechers“ folgen weiter Todesarten: Unfall im Tunnel mit Bergungseinsatz, der „normale“ Alterstod, ein Kindersarg, verschiedene Bestattungsarten. Bevor der Film in die erstaunlich vielseitigen Facetten der Bestatterarbeit einführt (dazu gehört z. B. auch die Aufgabe der Überführung aus dem Ausland, wir sehen auf einer Europakarte, wo die meisten Deutschen im Urlaub zumeist an Herzinfarkt sterben), kommen vier Religionsvertreter zu Wort. Sie repräsentieren Christentum, Judentum, Islam und Buddhismus und erklären jeweils aus ihrer Sicht, wie der Tod als Ende und Anfang verstanden werden kann.

Die gute Nachricht: Das Thema Hölle und Teufel ist endgültig passé, auch die Vorstellung von einer Auferstehung des Körpers, wie sich die noch junge Pfarrerin Michaela Fröhlich in der Dorfkirche Kampehl recht verkrampf bemüht, zu erklären. Die verstörende Nachricht: Jeder soll sich selbst irgendwie ein Bild davon machen, wie er später zu Gott bzw. zu dessen Liebe zurückfindet (Die Priesterin und auch die beiden Priester scheinen quasi agnostische Standpunkte zu vertreten - sie wissen es nicht so genau). Fest steht für alle nur: Wir sollen keine Angst haben müssen, der Tod ist nicht schlimm. Der Glaube und Gott sind sehr versöhnlich. Der Rabbiner Andreas Nachama überzeugt dabei durch seine souveräne Gelassenheit, ruhige Stimme und Ausstrahlung. Mohammed Herzog, Vertreter der deutschsprachigen Muslime, kommt recht hemdsärmelig und laienhaft daher. Während die drei genannten im Ornat auftreten, ist Matthias Eckert aus dem Buddhistischen Haus Berlin in Zivil. Der Yogalehrer überrascht als einziger mit einer weniger verharmlosenden Sicht des Todes: Zu den bedeutendsten Übungen des Buddhismus würde es gehören, dem Verfall eines Leichnams – egal ob eines menschlichen oder tierischen – mit großer Achtsamkeit beizuwohnen. Zu den Vorgängen, die Beachtung finden, gehören auch Gerüche und schließlich Gestank. Diese Übung diene der tiefen Einsicht in die Vergänglichkeit allen Lebens.

Die Ware auf der Bahre

ENDLICH Der Gang der Dinge

Der Gang der Dinge

Was geschieht mit uns nach unserem Tod? ENDLICH stellt uns dazu ungesehene und verborgene Orte vor, in welchem Todesdienstleister wie Bestatter, Gehilfen und Entsorger regieren. Tiefe Einblicke in die Welt des Umgangs mit dem Leichnam vom Transport über Lagerung bis hin zur Vorbereitung der Sargfeier gewährt hat die bundesweit tätige Bestatterfirma Ahorn-Grieneisen und ihr Tochterunternehmen Burial & Care. Deren Vertreter Volkan Coskun spielt als leidenschaftlicher Bestatter aus Berufung  eine tragende Rolle. Solche Transparenz im „Schattenreich“ der Arbeits- und auch Gefühlswelt professioneller Totenfürsorger ist keineswegs selbstverständlich, denn unsere toten Körper gehen nicht vorwiegend etwa durch deren Hände. Vielmehr übernehmen hochtechnisierte Roboter und computergesteuerte Anlagen die Totenbehandlung ggf. bis zur Verbrennung, was ungeschminkt bis zur „Schmutzarbeit“ gezeigt werden kann. Die Ware auf der Bahre.

Bildsequenzen von industrieller Standardisierung und Mechanisierung sind immer wieder gegen geschnitten und lösen Szenen ab, in denen Menschen bei Tätigkeiten und Einübungen (auch die richtige Pietät will gelernt sein) gezeigt oder interviewt werden. Man hätte sich von den Maschinenbildabläufen doch etwas weniger gewünscht, am Ende wird bei diesen einem möglichen Ermüdungseffekt mit begleitender Hardrockmusik entgegengesteuert. Wohltuend tragend dagegen ein – ebenfalls wiederholt auftretender – Sprechchor. Männer und Frauen, Alte und Junge, lassen verstörend authentisch die dokumentierten Gesprächsausschnitte von Hospizbewohnern für uns hörbar werden. Klangvoll dramatisiert zur Sprache kommen hier nebeneinander profaner Materialismus (in Tschechien ist es am billigsten) und Atheismus, der „loslassen“ kann, ebenso wie das erschütternde Festklammern am Leben oder jenseitige Vorstellungen und Sehnsüchte.

ENDLICH Perspektiven

Perspektiven

ENDLICH wendet sich auch der Trauerarbeit zu. Hochemotional wird in den Sitzungen des Psychotherapeuten Harald Homberger vorgeführt, wie massiv die Toten die Lebenden beeinflussen – nach vielen Jahrzehnten. Wir werden Zeugen der Wirkung seiner berühmten System- und Familienaufstellungen. Diese Arbeit bietet er hier als Trost- und Versöhnungsszenarien für den Umgang mit dem Tod (als eine Person aus der Gruppe präsentiert) sowie mit Verstorbenen an. Die – auch heilende - Kraft der Poesie wird uns wiederum durch die Grabrednerin Gesine Palmer vor Augen geführt. Sie gestaltet individuelle Trauerreden ohne eine herkömmliche Auflistung biographischer Daten. Ihre höchst intuitive Methode trägt auch bei einer Totenfeier, welche die Rednerin ganz allein mit der Betreuerin einer Verstorbenen auf deren letzten Wunsch hin in einer Kirche zelebriert.

Alles löst sich nach und nach auf

Die vom Rundfunk Berlin-Brandenburg und ARTE ko-produzierte Dokumentation von den Regisseurinnen und Autorinnen Katja Dringenberg und Christiane Voss – Cutterin die eine, Philosophin die andere - ist ein Essayfilm über die normale Präsenz des Todes im Leben, vor allem aber über das unmittelbare Danach. Das aus vielschichtigen Begegnungen und Szenen zusammengesetzte Filmmaterial ist  durchsetzt mit Aufnahmen von beeindruckenden Drehorten wie etwa der Säulenhalle des Krematoriums Berlin Buch oder der Asservatenkammer des Ägyptischen Museums.

ENDLICH Titel

ENDLICH - Dokumentation von Katja Dringenberg und Christiane Voss

Das oft anders intonierte „Danach“ wird hier sachlich als Zeit zwischen Tod und Bestattung vorgestellt. Die Antworten der offiziellen Religionsvertreter, etwa bezogen auf ein Jenseits, bleiben hingegen seltsam vage. Unterm Strich wird vermittelt: Natürlich glaubt jeder Mensch wohl an irgendetwas und viele haben auch Angst. Klar und überzeugend bringt es nur der buddhistische Vertreter auf den Punkt: Angst ist immer da, wo Vertrauen fehlt, in Menschen, in Orte oder Situationen. Und: Wie alle materiellen Bestandteile des Körpers sich nach und nach auflösen, in die Erde, in Luft oder Wasser, in die Organismen anderer Lebewesen, so sei es analog auch mit den seelisch-geistigen Bestandteilen: Sowohl die dunklen wie die hellen wirken zunächst fort, verflüchtigen sich früher oder später. Dies könnte eine Quintessenz des Films sein, allerdings eine subjektiv humanistisch geprägte. Denn die Vielstimmigkeit der Erzähl- und Darstellungsebenen, welche seine stilistische Dramaturgie und Ästhetik ausmacht, erlaubt natürlich unzählig viele andere.

Seine Spannung über die knapp eineinhalb Stunden vermag der Beitrag u. a. dadurch aufrechtzuerhalten, dass die Zuschauer sequenzweise oft im Dunkeln tappen, wer da in welchem Umfeld eigentlich agiert oder spricht. Weitgehende Auflösung wird im Abspann mit Fotoportrait, Namen und Wirkungsort der Protagonisten geboten.

Filmstart: 3. November 2011, 80 Min. X Verleih

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