Direkt zum Inhalt

Das brandneue Testament

DruckversionEinem Freund senden
Freitag, 11. Dezember 2015
Filmplakat

Atheisten langweilen mich, die sprechen nur von Gott. Wer sich diesem Satz, frei nach Böll, vorbehaltlos anschließen mag, für den ist der neue Film Le tout nouveau testament des belgischen Regisseurs Jaco van Dormael wohl nichts.

Wer aber Spaß an anarchisch witziger Auseinandersetzung mit Gedankenexperimenten wie Göttern, Aposteln oder anderen Fantasy-Figuren hat, oder sich gern vergnüglich mit Fragen wie Determinismus und freiem Willen auseinander setzt, wird sich hier köstlich amüsieren.

Das mitunter auch Rezensionen von religiöser Seite durchaus positiv ausfallen, tut dem keinen Abbruch. Die meisten beginnen in etwa mit „Gott existiert und wohnt mit Frau und Tochter in einer schäbigen 3-Zimmer-Wohnung in Brüssel ...“.

Aber die eigentliche Hauptfigur ist die 10-jährige Ea (Pili Greyne), die von Ihrem Vater, einem griesgrämigen, prolligen Misanthropen und Chauvinisten schwer genervt ist. Dass dieser (ein) Gott ist, macht die Sache nur noch schlimmer. So rächt sie sich am Vater für seine Quälereien, schickt über den göttlichen Uralt-PC den Menschen per SMS ihre Todesdaten und entkommt der väterlichen Gewalt über die heimische Waschmaschine, die (durch eine Art langen Geburtskanal) mit einem Waschsalon irgendwo in Brüssel verbunden ist.

Dort macht sie sich mit dem ersten Menschen, der ihr begegnet – einem Obdachlosen den sie kurzerhand zum Schreiber ihres ganz neuen Testaments macht – auf den Weg sechs zusätzliche Apostel zu finden. Mit dem naiven Blick eines Kindes, das zeitlebens die enge, göttliche Wohnung nicht hat verlassen dürfen, erfreut sie sich an ihrem ersten Regen oder dem Anblick einer Müllverbrennungsanlage: So habe sie sich das Paradies nicht vorgestellt, sagt sie. Auf die Antwort ihres Begleiters, dass das Paradies nach dem Tod komme erwidert sie: Nach dem Tod kommt nichts, das Paradies ist hier.

Filmstill aus „Le tout nouveau testament“. Bild: © NFP (Filmwelt)

Filmstill aus „Le tout nouveau testament“. Bild: © NFP (Filmwelt)

Die folgenden, sehr poetisch erzählten sechs Episoden zu den neuen Aposteln, auf die einzugehen, hier den Rahmen sprengen würde, werden immer wieder unterbrochen von kleinen Nebengeschichten, wie der des jungen Kevin, der laut Handy-Uhr noch über 60 Jahre zu leben hat und dies in immer absurderen Szenen unter Beweis stellt, in dem er sich z. B. vom Balkon eines Hochhauses stürzt, nur um unten auf einem Passanten zu landen, der damit sein Leben bestimmungsgemäß aushaucht.

Immer verfolgt von ihrem Vater (herrlich cholerisch gespielt von Benoît Poelvoorde) der ohne jegliche Empathie und erstaunlich machtlos draußen in der Welt unter seinen eigenen fiesen Geboten zu leiden hat und hin und her geschubst wird, dass man fast Mitleid bekommt, endet die Reise der kleinen Ea und ihrer Begleiter am Nordseestrand in einem absurden Volksauflauf von Menschen, deren Lebensuhr abläuft, sowie deren Begleiter; alle mehr oder weniger erfolgreich bemüht, dem Sterben eine angemessene Form zu geben. Aber so kann es in der Welt nicht weitergehen. Und da die Frau von Gott (in einem emanzipatorischen Akt) seine Abwesenheit endlich nutzen kann, im Arbeitszimmer staubzusaugen, zieht sie kurz den Stecker um den PC danach als neue Göttin wieder hochzufahren.

Die Bosheit Gottes wird sodann durch die Einfalt der Göttin (Yolande Moreau) ersetzt – nur auf den ersten Blick ein happy ending; denn wer lebt schon gern in einem Poesiealbum mit geblümtem Himmel? Die Rückkehr ins Paradies, welches die Menschen bekanntlich nicht gerade intellektuell überfordert, wird zu einem Leben im Kitschroman, in dem das neuste Testament zum erfolgreichen Bilder(!)-Buch wird. Aber keine Sorge, der nächste Sündenfall naht schon ... Frauen sind halt doch nicht per se die besseren Menschen oder Göttinnen.

Und da Geschichten über Götter ja zumindest eine kleine erzieherische Wirkung haben sollten, sei angemerkt, dass diejenigen, die zum Ärger der Cineasten schon beim Beginn des Abspanns lärmend und maximal störend das Kino verlassen, nicht sehen ... was am Ende des Abspanns aus Kevin wird. Recht so!