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Genitalbeschneidung – Über die Macht einer grausamen Tradition

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Anlässlich des Internationalen Tages gegen die weibliche Genitalverstümmelung (FGM) 2013 zeigte das Familienplanungszentrum Balance in Berlin den verstörenden Film „The Cut“ unter Anwesenheit der kenianischen Filmemacherin Beryl Magoko.
Dienstag, 19. Februar 2013
The Cut

Am Anfang des Films weckt den Zuschauer ein Hahnenschrei. Er ist der Weckruf für eine 45-minütige Reise in die Welt eines Rituals. Man hört Männerstimmen. Die Sonne geht auf über einer malerischen Landschaft. Wir befinden uns in Kenia. Man sieht Männer eine Sandstraße hinunterlaufen. Rhythmisch singend, tänzelnd. Ihr Gesang wird lauter. Maggy, eine junge Kenianerin, steht etwas abseits auf einer Anhöhe. Sie schaut interessiert.

The Cut

Noch weiß der Zuschauer nicht, dass Maggy heute an einem alten Ritual teilnehmen wird. Der Beschneidung, die nichts anderes ist als eine Verstümmelung. „Kuria, im westkenianischen County Migori. Beschneidungen sind hier eine alte Tradition. In jedem geraden Jahr müssen sich die Jungen wie die Mädchen diesem Ritual unterziehen“, sagt eine Stimme aus dem Off. Maggy beobachtet die Beschneidung der Jungen aus der Entfernung. Wir erfahren, dass ihr Cousin heute an der Reihe ist. Morgen wird sie mit ungefähr 300 anderen Mädchen sich weiblichen Genitalverstümmelung, der Female Genital Mutilation (FGM), unterziehen.

Nach den Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind weltweit bis zu 150 Millionen Frauen von der Praxis der Genitalverstümmelung betroffen - vor allem in Afrika, aber auch Asien und all jenen Ländern, in die Menschen, die in dieser Tradition stehen, migrieren. Allein in Afrika sind jedes Jahr bis zu drei Millionen Mädchen und Frauen von der Verstümmelung bedroht. Jährlich kommen weitere zwei bis drei Millionen verstümmelte Mädchen hinzu. In Deutschland leben mindestens 30.000 Mädchen und Frauen, die „beschnitten“ wurden. 5.000 sind von der FGM bedroht.

Die Beschneidungs-Zeremonie findet in Kuria auf einem freien Feld statt. Man sieht Jungen, viele Jungen, aufgereiht und mit entblößtem Unterleib. Beryl Magokos Kamera blickt in ihre Gesichter. Man sieht ihre atemlose Anspannung vor dem Schnitt, sie schauen starr geradeaus, eine Mischung aus Selbstbeherrschung und Angst.

The Cut

Die Verstümmelung der Mädchen verläuft ungleich dramatischer. Beryl Magoko berichtet, dass es ihr zwar nicht verboten wurde zu drehen und der Ältestenrat ihr die Erlaubnis gegeben hatte, sie aber Repressalien ausgesetzt war. „Ich musste die Bilder stehlen“, ohne Wissen der Beteiligten drehen, berichtet sie. Die Mädchen sitzen ebenfalls in einer Reihe, mit angezogenen oder ausgestreckten Beinen, dicht an dicht, ungefähr 100 an der Zahl. Hinter ihnen stehen erwachsene Frauen. Dass es ihre Mütter sind, kann man vermuten. Sie halten die Mädchen fest, sprechen ihnen Mut zu oder beschimpfen sie. „Sitz gerade“, herrscht eine der Frauen ein Mädchen an. Angst zu zeigen, gilt als unverzeihliche Schwäche. Eine Beschneiderin packt eine Rasierklinge aus. Die Beine eines Mädchens werden gewaltsam auseinandergedrückt. Man sieht das Leid und den Schmerz in den Gesichtern der Mädchen, die teilweise in Großaufnahmen gezeigt werden.

Die kommentarlose Dokumentation des Schmerzes ist das größte Verdienst des Films. Nichts unterstreicht die Ohnmacht der Mädchen mehr, als die Bilder, die durch eine heimlich auf dem Boden des Feldes abgestellte Kamera eingefangen werden. Einen Moment ist es dem Zuschauer nicht mehr möglich, sich vom Geschehen auf dem Feld zu distanzieren. Einen Moment weicht alles Fremde der Zeremonie einem unmittelbaren Mitleiden.

Ich selbst wurde beschnitten. Ich wollte die Geschichte aus einer anderen Perspektive darstellen. Ich wollte mehr Menschen erreichen, damit wir zusammen diesen Mädchen helfen können, den Mädchen, die kurz vor der Beschneidung stehen. Es gibt einen enorm hohen Druck, von den Eltern, von der Gesellschaft,

beschreibt die 28-jährige Kenianerin die Motivation, ihren Diplomfilm über dieses brisante Thema zu drehen. Mit großem Erfolg: 2012 gewann der Film In New York einen Preis als bester Dokumentarfilm und im selben Jahr den Preis als bester afrikanischer Film auf dem 7. Internationalen Kenia Film Festival.

Beryl Magoko

Beryl Magoko

Über den Film Die 43-minütige Dokumentation „The Cut“ entstand als Diplomprojekt der kenianischen Filmstudentin Beryl Magoko an der Universität von Kampala (Uganda). Produzent ist der Kameramann und Autor Andreas Frowein, der als Dozent an der Kampala University lehrt. Webseite zum Film: http://thecutdocumentary.wordpress.com/

Der Druck der Gemeinschaft auf die Mädchen ist enorm. Im Film erzählt eine junge Frau, dass sie sich geweigert habe, sich verstümmeln zu lassen. Daraufhin habe ihr Schwester sie zum Wasserholen geschickt. Zuhause angekommen habe die Schwester das Wasser auf dem Boden ausgeschüttet. „Ich nehme kein Wasser von einer Unbeschnittenen.“

Doch es geht auch schlimmer: Wenn ein Mädchen oder ein Junge bei der Zeremonie stirbt, so werden deren Besitztümer und die toten Körper in den Busch geworfen. Sie seien vom Teufel besessen, so der weit verbreitete Glaube.

In Kuria entscheiden die Männer. Wenn dein Vater sagt, dass du beschnitten werden sollst, dann wirst du beschnitten. Und wo sollst du hingehen, wenn du nicht beschnitten werden möchtest? Man kann zu dem Camp (der protestantischen Kirche, d. Red.) laufen. Doch dort bleibt man nicht für immer. Vielleicht für zwei Wochen. Und danach gehst du wieder nach Hause. Nächstes Jahr werden sie dich zwingen, dich beschneiden zu lassen.

Offener Zwang oder nicht. Keine der interviewten Frauen hat sich freiwillig der Zeremonie unterzogen. Die Angst nicht verheiratet zu werden, ist so groß, dass sie dem Druck nicht standhalten können. Beryl Magoko erzählt davon, wie einmal ein Regierungsbeamter mit der Polizei versuchte, die Zeremonie zu verhindern. Schließlich ist die weibliche Genitalverstümmelung seit 2011 in Kenia verboten. Mit der Drohung konfrontiert, dass er nun alle Nichtverstümmelten heiraten müsse, weil die Familien nicht für die Unverheiratbaren sorgen könnten, verließ er unverrichteter Dinge das Dorf.

The Cut

FGM ist ein Initiationsritus. Danach gelten die Mädchen als heiratsfähig. Eine Schlüsselfunktion bei der Überwindung der Tradition kommt den Männern zu. Doch Männer, die eine unbeschnittene Frau heiraten, werden von der Gemeinschaft ausgeschlossen.

Ein solcher Mann kann sich nicht mehr unter seine Freunde wagen. Weil sie ihn wie ein Kind behandeln. (…) Wenn sie wichtige Dinge besprechen, werden die Männer nach draußen gehen und den Freund zurück lassen. Sie werden ihm sagen, dass, wenn er dazu gehören will, er seine Frau dazu bringen muss, sich beschneiden zu lassen. Also wird er darauf warten, bis seine Frau schwanger wird und sie, während sie in den Wehen liegt, nicht ins Krankenhaus fahren, sondern sie während der Hausgeburt beschneiden lassen, ohne dass sie es merkt,

so Beryl Magoko. Auch die Männer stehen im Bann einer Tradition. Sie sind Täter und Opfer zugleich. Wie die Mütter, die ihre Kinder nach der Verstümmelung nach Hause begleiten. Eine muss von den Frauen gestützt werden, weil sich nicht mehr laufen kann. Man sieht Blut am Bein herunterlaufen. Ihr Kopf pendelt hin und her und die Augen Rollen vor Schmerz. Sie ist geschmückt und hat sich für diesen Tag schön gemacht. Maggy schleppt sich mit ihrer Mutter in ihre Hütte. Vorsichtig und langsam legt sie sich auf eine Matte. Im Hintergrund hört man Musik, Gesänge der Freude. Die Diskrepanz zwischen der Volksfeststimmung und dem leeren Blick Maggys, den die Kamera kurz trifft könnte nicht größer sein.

The Cut

Beryl Magoko ist etwas Besonderes gelungen: Sie verbindet den ethnologischen Blick der Dokumentarfilmerin mit der Perspektive einer Betroffenen. Sie selbst musste sich dem grausamen Ritual einst unterziehen, sie selbst stammt aus dem Dorf Kuria und kennt viele der interviewten Frauen persönlich. Dadurch entgeht der Film dem sonst gerne geäußerten Vorwurf, man universalisiere westeuropäische Standards einerseits oder mache sich die Argumente der Befürworter der Tradition zu eigen, indem man die Grausamkeit kulturrelativistisch verkläre. Beryl Magoko ist durch ihre Biographie eine moralische Instanz, der man Gehör schenken muss.  Und wer mit den Augen Magokos einmal in die Gesichter der Mädchen geschaut hat, wird sie nie wieder vergessen. Der Film gibt somit einen sehr persönlichen und intimen Einblick aus der Perspektive einer Betroffenen in die Tradition der FGM. Er schildert mit ruhigen Bildern die Ohnmacht der Mädchen, den Druck der Gesellschaft und sammelt vor Ort Stimmen und Bilder zu der jahrhundertealten Praxis: Bilder des Schmerzes, der Hilflosigkeit und der Angst.

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