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Endlich mal eine schöne Bescherung

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Ernst und Christoph Grissemann erlösen ihre Leser von der vermeintlichen Weihnachtsharmonie und sagen „Klappe Santa!“.
Donnerstag, 22. Dezember 2011
Grissemann_Klappe Santa

Wenn es wieder aus allen Rohren waggerlt im Land, so haben wir uns gedacht, als wir die Idee zur Herausgabe dieses Buches hatten, wenn die Werbung wieder die Zimmerlautstärke verlässt und die letzten drei Monate im Jahr klingelt, tutet und brüllt, wenn ausgeglichene, heitere du wohlerzogene Menschen zu kurz angebundenen, grauen Hektikern werden, und wenn man während dieses Weihnachts-Hypes aus den Medien, von den Kanzeln und aus salbungsvollen Politikerreden erfährt, dass nun die stillste Zeit im Jahr angebrochen sei, ist der Blick in die Satire die einzige Rettung.

Welch Wohltat in all dem Weihnachtstrubel ist allein schon diese Vorbemerkung für Klappe Santa!. Was diesem Vorwort aus der Feder des österreichischen Autorenduos Ernst und Christoph Grissemann (Vater & Sohn) folgt, ist ein Feuerwerk der etwas anderen Weihnachtsbetrachtung für all jene, denen das aufdringliche Ge-Dschingelbelle im öffentlichen Raum ebenso gegen den Zeiger geht, wie das erwartungsvolle Wunschzettelgeschreibe im Privaten.

Das Weihnachtsfest wird hier mit all den sich darum rankenden Mythen und Geschichten – ob religiös oder folkloristisch – unter die Lupe genommen. Dabei geht es durchaus abwechslungsreich zu. Von leichtfüßiger Ironie über lockeren Witz bis zur bissigen Satire ist alles zu haben. Neben bekannten Weihnachtsklassikern wie Robert Gernhards Die Falle („Aber, aber, die Eltern singen ja gar nicht mit!") stehen Geheimtipps zum Fest, wie die Texte des Hamburger Satirikers Heino Jaeger („Dezemberzeit – Weihnachtszeit – frohe Zeit, aber auch hohe Zeit – hohe Zeit nämlich, ja, höchste Zeit, der fröhlichen Aufforderung nachzukommen, den anderen beschenken zu dürfen.").

Vater und Sohn Grissemann haben sich vor allem in den deutschsprachigen Landen umgeschaut und recherchiert, wer dort etwas zum Weihnachtsfest zu sagen hat, zugleich aber auch einige weihnachtliche Kostbarkeiten aus aller Welt zu Tage befördert. So kann der geneigte Weihnachtssatireliebhaber bei John Updike lernen, dass Santas Gehilfen angesichts der „ausbeuterischen Arbeitsbedingungen" nicht ganz bei Trost sein müssen und ihr Boss mit einem Bein im Knast steht. Schließlich steigt er in den USA nachts durch den Schornstein in fremde Wohnungen ein, während „anständige, gesetzestreue Bürger mollig in ihren Betten liegen". Einen Kontrapunkt zu Updike stellt der Briefwechsel der achtjährigen Virginia O'Hanlon und dem Chefredakteur der amerikanischen Zeitung The Sun, Francis Church, dar. Auf die Frage, ob es denn ein Christkind gäbe, fühlte sich der Babtist bemüßigt, der achtjährigen ein Märchen aufzutischen, welches bis zur Pleite der Zeitung jedes Jahr wieder gedruckt wurde. „Das Christkind lebt, und ewig wird es leben", schrieb Church, dessen Gläubigkeit schon in seinem Namen anklingt. Nun könnte sich der säkulare Geist auf- und erregen. Dies ist aber völlig unnötig, denn wir lesen diesen Brief in einem Weihnachtssatireband!

Ernst und Christoph Grissemann sind für ihre, zugegeben zuweilen auf den süddeutsch-österreichischischen Sprachraum fokussierende Textsammlung tief in die Keller der Bibliophilie getaucht und haben von dort kleine und große Schätze des Weihnachtsulks mitgebracht. Mit Bertold Brecht dürfen wir das „Paket des lieben Gottes" aufschnüren, mit dem anonymen Helden aus Petra Mühlenstädts „Wintertagebuch" und dessen Frau anschließend drei Wochen lang eingeschneit („DIE ALTE GEHT MIR FURCHTBAR AUF DEN SACK!!!"), verleben mit einem Onkel Toni einen ziemlich verpatzten Weihnachtsabend und lesen bei dem großartigen Kurt Valentin, warum der Weihnachtsabend mit großer Wahrscheinlichkeit mit einem Feuerwehreinsatz endet. Zwerchfellerschütternd Hugo Wieners Erzählung über den ehelichen Zwist anlässlich einer dudelnden Weihnachtskarte, zum prusten verleitet Harald Schmidts Empfehlungen zum idealen Verhalten bei der betrieblichen Weihnachtsfeier und vor Lachen treiben die Gerhard Polts Miniaturen die Tränen in die Augen.

Besonders hervorheben muss man Heinrich Bölls Weihnachtssatire Nicht nur zur Weihnachtszeit, die er vor der Gruppe 47 las und für die er von dem Pfarrer Hans-Werner von Meyenn der „Verunglimpfung des deutschen Gemüts" bezichtigt wurde. In der Satire, die als Hörspiel und als Fernsehfilm adaptiert wurde, thematisiert Böll die ausgebliebene Verwicklung von Katholizismus und Nationalsozialismus, das Wörtchen "nur" im Titel deutet die über den Moment hinausgehende Perspektive an. Böll erzählt hier die Geschichte einer Familie, die zwei Jahre lang jeden Tag den Weihnachtstag feiern muss, um die wehmütige Tante, die sich nicht von ihrem Weihnachtsbaum trennen will, mit einer „Tannenbaumtherapie" zu kurieren. Grandios.

Also, wenn Sie den weihnachtlichen Erwartungen bezüglich zu erfüllender Wünsche, familiärer Harmonie und gesellschaftlicher Habituus überdrüssig sind und sich auf eine erheiternde Art mit dem anstehenden Fest und dem Jahreswechsel befassen wollen, dann sollten Sie sich (oder der lieben Verwandtschaft) - am besten noch vor Ladenschluss am 24.12. - den wunderbaren Titel Klappe Santa! Weihnachten ernst und christoph zulegen, der übrigens nicht am Stück gelesen werden muss und somit jährlich immer wieder aufs Neue für Erheiterung sorgen kann.

Christoph & Ernst Grissemann: Klappe Santa! Weihnachten ernst und christoph Residenz-Verlag 2011. 222 S. 19,90 Euro.

Hier können Sie eine Leseprobe herunterladen.