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Das Ende ist nah, es lebe das Ende

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Der dänische Skandalregisseur Lars von Trier zelebriert in seinem neuen Werk das Unzelebrierbare: Den Untergang der Welt.
Freitag, 30. September 2011
Lars von Trier

Lars von Trier | Foto: Zentropa

Lars von Trier ist ein Tänzer am Abgrund, der zum Skandal neigt. Als er im Mai bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes Melancholia, den vermeintlich harmlosen Nachfolger seines viel kritisierten und zugleich hoch gelobten Psychothrillers Anti-Christ vorstellte, wurde er nach einem kruden Nazivergleich vom Festival zur persona non grata erklärt. Bei einer Diskussion nach einer Preview seines neuen Kinofilms in Berlin verweigerte von Trier kürzlich gänzlich die Kommunikation, um nach einer Stunde gelangweilt den Podiumsteilnehmern entgegenzuschleudern, dass er noch niemals an einer so schlechten Gesprächsrunde habe teilnehmen müssen. Zweifellos ist der dänische Regisseur das aktuelle enfant terrible seiner Zunft. Zugleich ist er aber auch einer derjenigen, der für seine Filme Tabus bricht und dafür neben der notwendigen Kritik auch den weltweiten Ruhm erhält.

Für seinen aktuellen Film durchbricht er nicht nur religiöse Dogmen, wie den Glauben an eine göttliche Schöpfung oder an ein ewiges Leben, sondern auch das weltliche Prinzip der Selbstbestimmung. Melancholia ist ein grandioser Film über das Ende der Welt, über die höhere Macht des Kosmos und die Ohnmacht des Menschen angesichts dessen, was „draußen" im Weltall vor sich geht. Es ist zugleich aber auch eine sensible Allegorie über die Schwächen des Menschen gegenüber dem, was in ihm geschieht.

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Der Planet Melancholia nimmt Kurs auf die Erde | Foto: Christian Geisnaes

Im Mittelpunkt des Films steht die melancholische Justine – von Kirsten Dunst in einer Art in Szene gesetzt, die unter die Haut geht. Ihre Melancholie ist im Sinne der Empfindsamkeit als Depression auszulegen. Von Trier hätte keine bessere Besetzung für diese Rolle finden können. Nicht, weil er mit Kirsten Dunst die Erfahrung der Depression teilt und somit ein geradezu blindes Verständnis am Set herrschte, sondern weil die amerikanische Schauspielerin sich eben nicht einfach nur selbst nachahmt. Die Art, wie sie diese Rolle ausfüllt und beseelt, lässt den Zuschauer erahnen, welche Ausmaße das schwarze Loch hat, in das Justine tagtäglich blickt. Die Jury in Cannes zeichnete Kirsten Dunst für diese Leistung völlig berechtigt mit der silbernen Palme als beste Schauspielerin aus.

Die Hochzeit – ein leeres Ritual

Justine leidet an der Einfachheit des Lebens und seinen profanen Herausforderungen. Zu diesen gehört auch ihre Hochzeit mit Michael (Alexander Skarsgård), prachtvoll ausgerichtet auf dem Anwesen ihres vermögenden Schwagers John (Kiefer Sutherland) und ihrer Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg). Die Hochzeit steht im Mittelpunkt des ersten Teils von Melancholia, der wie schon Anti-Christ mit einer dramatischen Ouvertüre beginnt, unterlegt mit Klängen aus Wagners Tristan und Isolde. In dieser Ouvertüre lässt Lars von Trier einen Tanz der Planeten aufführen, einen interstellaren Reigen, der die Vergänglichkeit des menschlichen Daseins vor Augen führt und von Anfang an klar macht, dass es kein Entkommen gibt.

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Justine (Kirsten Dunst) | Foto: Christian Geisnaes

Nach dieser universellen Inszenierung beginnt die eigentliche Erzählung. Der Zuschauer sieht das junge Brautpaar im Hochzeitsauto, sieht wie sie miteinander scherzen und versuchen, der zwanghaften Atmosphäre ihre Schwere zu nehmen. Doch es ist ein verzweifeltes Ringen ohne Erfolg. Justine, die zur Depression neigt, wird im Laufe des Hochzeitsabends von depressiven Schüben heimgesucht. Immer wieder versucht sie, ihrer eigenen Hochzeitsfeier zu entkommen. Sie bringt ihren Neffen Leo ins Bett und schläft neben ihm ein. Sie nimmt ein ausführliches Bad. Sie flieht in den weiten Garten des Anwesens. All das, nur um der eigenen Hochzeit aus dem Weg zu gehen. Sie will vor diesem Ritual davonlaufen und wird vom Ritual gehalten. Lars von Trier findet dafür wunderbare, märchenhafte Allegorien.

Ihr Bräutigam Michael bleibt stets ratlos im Kreise der Hochzeitsgesellschaft zurück. Die Kamera und Perspektive bleibt hier fast ausschließlich bei der unglücklichen Braut, um das Ringen mit ihrer Zerrissenheit zwischen dem Leid an dieser rituellen Profanie, eigenem Pflichtbewusstsein und dem Wunsch, auszubrechen, zu zeigen.

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Justine und Michael (Alexander Skarsgård) | Foto: Christian Geisnaes

Einzig Justines große Schwester Claire versucht die Braut immer wieder energisch aus ihrer seelischen Schwärze zu holen, mahnt sie, sich zusammenzureißen. Doch es nützt nichts. Das Hochzeitsfest endet im Desaster. Die Inhaltslosigkeit des Rituals ihrer Hochzeit wird der melancholischen Braut von Minute zu Minute bewusster – und dem Zuschauer mit ihr. Mit jedem Blick in die Hochzeitsgesellschaft sieht sie, dass der Kaiser, den sie erblickt, nackt ist und nackt bleibt. Es geht bei der Hochzeit nicht um sie, es geht um den Akt, das hohle Ritual. Dieses will sie zerstören, um sich selbst zu erhalten. Um neben diesem ritualisierten Götzen der Hochzeit nicht unterzugehen. In einem lieblosen, fast gewaltvollen Akt betrügt Justine ihren Bräutigam noch in der Hochzeitsnacht und zertrümmert so das, was ihr Leben künftig ausmachen soll. Michael reist noch in der Morgendämmerung ab.

Doch nicht nur Justines Melancholie legt sich wie ein Vorhang über sie und das Fest, sondern auch die strahlende Atmosphäre eines gleichnamigen Planeten, der sich der Erde bedrohlich nähert. Die Hochzeitsgäste ahnen im Gegensatz zum Zuschauer nicht, dass die Ausläufer dieses Giganten bereits ihr Leben beeinflussen. Die Annäherung Melancholias an die Erde und die mögliche Bedrohung der Erde durch den gigantischen Stern bieten die Kulisse der Handlung im zweiten Teil des Films, der von der Auseinandersetzung der beiden Schwestern handelt, zwischen denen sich ein faszinierender Rollentausch vollzieht.

Melancholia schafft die Lebensgeister weckende, existenzielle Bedrohung

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Claire (Charlotte Gainsbourg) und ihr Mann John (Kiefer Sutherland) verfolgen den Lauf des Planeten Melancholia | Foto: Christian Geisnaes

Claire hat ihre in tiefen Depressionen versunkene Schwester zu sich geholt, um sich besser um sie zu kümmern. Lars von Trier inszeniert hier die Melancholie – die historisch eher den Frauen als den Männern angedichtet wird – in ihren intensivsten Zügen. Des Lebens unfähig ist Justine auf die Hilfe ihrer Schwester angewiesen. Claire nimmt diese Aufgabe mit Verständnis und Liebe an, zumal es sie von dem herannahenden Planeten Melancholia ablenkt, dessen Bedrohung zunehmend Macht über sie ergreift und sie in Panik versetzt. Claires Ehemann John, völlig fasziniert von dem einmaligen Naturschauspiel, hat dafür nur Unverständnis übrig. Mit populärwissenschaftlicher Neugier gräbt er sich in die Details des prognostizierten Passierens des Planeten. Ihr kleiner Sohn Leo wird in seiner Angst vor dem Ungewissen und der kindlichen Faszination dessen, was vor seinen Augen stattfindet, unfreiwillig zum Vermittler zwischen seinen Eltern.

Der Zuschauer weiß längst, dass es den erhofften „Flyby" Melancholias nicht geben wird. Der gigantische Planet wird frontal mit der Erde kollidieren, sie pulverisieren und mit ihr allem Leben ein Ende setzen. Er beobachtet also, wann und vor allem wie von Triers Personal diese Erkenntnis ereilt. Stück für Stück rückt sie ihnen auf die Haut. Als fernes Schimmern eines zweiten Mondes, als Unruhe unter den Pferden im Reitstall, als plötzliche Abwesenheit des Gärtners, als Verschwörungstheorie am Bildschirm, als tödliche Dosis von Schmerzmitteln. Während sich Claires Beunruhigung zur Panik auswächst, hat der herannahende Planet auf die am Leben leidende Justine eine heilende Wirkung. Je näher Melancholia an die Erde heranrückt und je gefährlicher er ihr wird, desto besser geht es ihr. Und desto eher wird sie zum Halt ihrer großen Schwester. Es ist die logische Konsequenz ihres Gemütszustands. Die existenzielle Bedrohung durch Melancholia verdrängt die Profanie des Alltags. Mit der Aussicht auf Zerstörung des Daseins erwachen Justines Lebensgeister. Eben weil sie sich im Gegensatz zu ihrer Umwelt keine Hoffnung auf Verschonung macht, verfällt sie hingebungsvoll dem Zerstörung bringenden Planeten. Denn er erlöst sie aus den Niederungen ihres bedauernswerten Daseins. Dies gipfelt in einer romantisch überspitzten Szene, in der sie sich nackt, an einer plätschernden Quelle liegend, dem blauen Schimmer des herannahenden Planeten hingibt.

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Justine und ihre Schwester Claire | Foto: Christian Geisnaes

Die deutsche Romantik zieht sich durch den gesamten Film. Atmosphärisch schweben die Naturmalereien des Früh-Romantikers Caspar David Friedrich über den Bildern. Die musikalische Untermalung mit Elementen aus Wagners Tristan trägt ihren Teil zu dieser Wirkung bei. Die Szenerie des Anwesens nimmt die Handlung aus dem Zusammenhang des Weltenlaufs und hebt sie auf eine düster-traurige, zwielichtige Ebene der Zeit- und Grenzenlosigkeit. Der Weltuntergang wird hier nicht mit panischen Menschenmassen und heroischen US-Präsidenten zelebriert, sondern abgeschieden, in aller Stille. Ein ebenso ergreifendes wie berührendes Filmerlebnis.

Am Ende ist es eine Stockhütte, eine „Zauberhöhle", die Justine für ihren Neffen Leo und ihre große Schwester baut, um diesen etwas Angst zu nehmen. Es ist eine Geste der Liebe – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Als Melancholia die Erde verschlingt, sitzen Justine, Claire und Leo Hand in Hand in dieser wackeligen Hütte – schutzlos dem Wüten des Universums ausgeliefert.

Melancholia. Ein Film von Lars von Trier. Concorde Filmverleih. 130 Minuten. Bundesweiter Start am 6. Oktober 2011.

Weitere Informationen auf der Homepage zum Film.

Melancholia. Ein Film von Lars von Trier