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Dem Tod entgegen

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Die amerikanische Künstlerin Taryn Simon will mit ihrer Ausstellung A LIVING MAN DECLARED DEAD AND OTHER CHAPTERS den Kreislauf des Lebens darstellen. Doch statt in die Ewigkeit zu schielen, hätte sie im Hier und Jetzt bleiben sollen, meint unser Autor.
Dienstag, 25. Oktober 2011
Neue Nationalgalerie

Neue Nationalgalerie Kulturforum Potsdamer Platz, Berlin-Tiergarten © Staatliche Museen zu Berlin. Foto: Maximilian Meisse

In der Neuen Nationalgalerie Berlin ist bis zum Ende des Jahres die Ausstellung von Taryn Simon, A LIVING MAN DECLARED DEAD AND OTHER CHAPTERS, zu sehen. Simon (36) gilt in den USA derzeit als der Shootingstar der Fotokunst. Ihre neue Ausstellung, die zunächst in der Tate Modern zu sehen war, wird jetzt, bevor sie ins MoMA zieht, in Berlin gezeigt. Bekannt geworden ist Taryn Simon mit The Innocents, einer Dokumentation über in den USA unschuldig zum Tode Verurteilte. Auch in A LIVING MAN DECLARED DEADgreift sie soziale Themen auf.

Ausgangspunkt ihrer Fotodokumentationen ist jeweils eine Geschichte – zumeist eine abenteuerliche Geschichte – und eine Familie, die durch eines ihrer Mitglieder mit der Geschichte verbunden ist. Simon will damit "Blutlinien" darstellen, um „archetypische Abläufe von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erkennbar zu machen" (Ausstellungstext von Simon). Formal ordnet Simon die Geschichte, die Familie und einen Begleittext auf einem Triptychon an.

Die Dokumentation der Geschichte bildet den rechten Teil des Triptychons. Links werden die Mitglieder der Familie einer der Hauptpersonen der Geschichte in immer gleichen, neutralen ungefähr postkartengroßen Fotografien dargestellt. Den Mittelteil bildet eine Texttafel, auf der oben die Namen der Fotografierten angegeben werden und unten in einem kurzen Text die Geschichte erzählt wird. Simon sagt dazu, dass sie damit den Kreislauf des Lebens darstellen will (siehe das unten verlinkte Youtube-Interview).

Die Reihung der drei Tafeln ist konträr zur ihrer Entstehungsgeschichte. In unserer Leserichtung von links nach rechts gesehen, ist zuerst die Familie da. Tatsächlich war für Simon aber zuerst die Geschichte da, der sie dann die Mitglieder der Familie der Hauptperson zugeordnet hat. Die Darstellung der Geschichten und der Familien zeigt weder in die eine noch in die andere Richtung gelesen einen inneren Zusammenhang, der die von Simon behaupteten „archetypischen Abläufe" belegen könnte.

So wird z.B. in einem der Triptychen rechts die Rolle Hans Franks als Leiter des sogenannten Generalgouvernements Polen und sein Kunstraub dokumentiert. Links sieht man Bilder von Teilen der Familie Franks. Zum Teil wollten Familienmitglieder nicht abgebildet werden. Sie werden, wie in anderen Fällen auch, dann durch leere Bilder und leere Angaben dokumentiert. Man kann dieser Darstellung entnehmen, dass Frank Verwandte hatte und dass die abgebildeten Personen Verwandte von Hans Frank sind. Ebenso ist es bei der Darstellung des Doubles eines Sohnes von Saddam Hussein und seiner Familie. Man kann erkennen, dass dieser Verwandte hat und diese Verwandten wiederum einen Verwandten, der das Double eines Sohns von Saddam Hussein war. Darin erschöpft sich die Aussage.

Taryn Simon_Contraband

Für "Contraband" wurde Taryn Simon in diesem Jahr mit dem Deutschen Fotobuchpreis ausgezeichnet.

Simon geht es aber nicht um die Darstellung des Absurden und Sinnlosen. Man könnte dies zwar ob ihrer existenzialistisch anmutenden Aussage, sie wolle „the steadily heading towards death" (dt. das stetige Streben dem Tod entgegen) zeigen, vermuten, jedoch zielt sie mit ihrer formal streng durchkomponierten, die klassische Form des Triptychons benutzenden Arbeit tatsächlich, wie sie selber sagt, auf anthropologische Muster im Kreislauf von Vergangenheit und Zukunft. Solche ahistorischen Muster gibt es jedoch nicht. Was man nur zeigen kann, ist daher entweder nur das ganz einfache, sich tatsächlich immer wiederholende Muster des Geborenwerdens, Lebens und Sterbens oder aber die konkreten sozialen Verhältnisse bestimmter historischer Gesellschaften. Simon will mehr und erreicht weniger.

Es macht aber auch wenig Sinn, von herausgehobenen sozialen Ereignissen auszugehen, wenn man den Kreislauf immer gleicher, anthropologischer Strukturen darstellen will. Dazu wäre es wohl besser gewesen, irgendwelche Familien auszuwählen, die nicht durch eines ihrer Mitglieder mit einer abenteuerlichen Geschichte verbunden sind. Archetypische anthropologische Strukturen müsste es in jeder Familie geben, ganz unabhängig davon, ob eines ihrer Mitglieder in eine Art Abenteuer verwickelt war oder nicht. Der Faktor Action schafft aber mehr Aufmerksamkeit. Darauf kam es Simon wohl an.

Es gibt drei Ausnahmen, bei denen die Darstellung funktioniert. In der einen Geschichte dokumentiert Simon ein ukrainisches Waisenhaus, schildet die dort herrschenden Zustände – das Gesamtbudget für die rund 120 Waisen beträgt 880 Dollar im Jahr – und die soziale Perspektive der mit sechszehn Jahren zwangsentlassenen Waisen, die in der Regel Prostituierte oder Kriminelle werden. In den der Geschichte zugeordneten Fotos der Waisen kann man tatsächlich ihre Vergangenheit, ihre Gegenwart und ihre Zukunft sehen. In der zweiten Geschichte wird die Verfolgung von Albinos in Tansania dokumentiert. Albinos werden dort Zauberkräfte zugeschrieben. Sie werden daher „gejagt", um an ihre Körperteile zu gelangen. Die Bilder zeigen Albinos in ihrer Familie. Man sieht die Albinos zwischen den „normalen" Schwarzen und sieht damit ihre Andersheit und Auffälligkeit, die sie zum Objekt von Zauberkraftvorstellungen und zur leichten Beute der „Jäger" werden lässt. Die dritte Geschichte berichtet über den Krieg zweier Mafiafamilien. Es werden die Überlebenden beider Familien abgebildet, und man kann an diesen Bildern die Geschlechterverhältnisse erkennen. Es sind fast nur Frauen abgebildet. Diese sind offensichtlich unwichtig und werden daher nicht ermordet. Hier zeigt die Zusammenstellung von Personenporträts und einer Geschichte etwas über die Gesellschaft, in der diese Geschichte handelt und in der diese Personen leben.

Es wäre wünschenswert gewesen, Simon wäre auch ansonsten im Hier und Jetzt geblieben, anstatt nach der „Ewigkeit" zu schielen.

Taryn Simon: Interview