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Das Christentum und der Untergang der antiken Kultur

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Die Frage nach den Wurzeln der europäischen Kultur ist höchst aktuell und gerade auch zwischen Humanisten und Christen sehr umstritten. Das Buch des Althistorikers Rolf Bergmeier, der Mitglied der Giordano-Bruno-Stiftung ist, über den Untergang der antiken Kultur könnte aus humanistischer Sicht einen wichtigen Beitrag zu dieser Debatte liefern. Leider vergibt er diese Chance durch eine oftmals zu einseitige und polemische Darstellung.
Donnerstag, 5. April 2012

Gerne wird vor allem von christlich orientierten Politikern das Bild von einer seit der Antike gewachsenen christlich-abendländischen Kultur gebraucht. Mittlerweile wird scheinbar politisch korrekt, historisch aber angesichts seiner über 2000 Jahre anhaltenden Ausgrenzung äußerst fragwürdig, auch das Judentum in diese Kontinuitätslinie einbezogen. Dass es mehr Brüche als Kontinuitäten im Übergang von der antiken zur christlichen Kultur gab und viele kulturelle Errungenschaften der Antike, die als unsere gemeinsamen europäische Wurzeln gelten, zunächst im Zuge des Aufstiegs des Christentums beseitigt wurden, ist das Thema des Buchs von Rolf Bergmeier.

Rolf Bergmeier: Schatten über Europa

Rolf Bergmeier: Schatten über Europa. Der Untergang der antiken Kultur. 290 Seiten, Alibri Verlag, Aschaffenburg 2012.

Der Gedanke ist nicht neu. Schon im 18. Jahrhundert stellte der bedeutende britische Historiker und Humanist, Edward Gibbon, einen Zusammenhang zwischen der Wissenschaftsfeindlichkeit des frühen Christentums und dem Niedergang der europäischen Kultur im frühen Mittelalter her. Auch Jacob Burckhardt der schweizer Humanist und große Kulturhistoriker des 19. Jahrhunderts teilte diese Auffassung. Jedoch versuchen christlich geprägte Historiker bis heute immer wieder das Gegenteil zu beweisen. Mit diesen setzt sich Bergmeier in seinem Buch auseinander und trägt viele Fakten zusammen, die seine These belegen.

Die Wurzeln europäischer Kultur stammen zweifelsohne aus der griechischen Antike. Philosophie, Naturwissenschaft, Kunst und ein Bildungswesen, das dazu führte, dass zu römischer Zeit große Teile der Bevölkerung lesen und schreiben konnten, das alles entwickelte sich bereits im antiken Griechenland und wurde im römischen Reich übernommen und perfektioniert.

Wenige Jahrhunderte später sind die meisten Menschen Analphabeten, das betrifft selbst Herrscher wie etwa Karl den Großen. Auch Wissenschaft und Kultur verfallen, im christlichen Abendland gibt es einen Jahrhunderte währenden Stillstand.

Dieser Niedergang vollzieht sich parallel zum Aufstieg des Christentums zur Staatreligion. 380 macht Kaiser Theodosius das katholische Christentum zur alleinigen Staatsreligion. Damit setzt er einen Prozess in Gang in dessen Verlauf die bis dahin im römischen Reich bestehende religiöse Vielfalt und die damit verbundene Toleranz nach und nach und zerstört werden. Es setzt „ein Kampf gegen das Heidentum" ein, der letztlich die Unterdrückung der griechisch-römischen Kultur zur Folge hatte.

Die frühen Kirchenväter halten die griechische Philosophie, wissenschaftliche Erkenntnisse und die Anregung zum selbständigen Denken für gefährlich und überflüssig mit der Begründung, dass diese vom Wege zu Gott ablenkten. Die bildungsfeindliche Jenseitsideologie des frühen Christentums führte notwendigerweise zu einem Verfall von Bildung, Wissenschaft und Kunst, der durch gewalttätige Aktionen, wie der Vernichtung von Büchern und Kunstwerken, der Schließung von Akademien und der Verfolgung „heidnischer" Wissenschaftler noch beschleunigt wurde. Da der Bildung nunmehr keinen Wert beigemessen wurde, verfällt das privat organisierte Schulwesen der Antike, bereits im 6. Jahrhundert gibt es öffentliche Schulen nur noch in wenigen großen Metropolen. Die Klosterschulen bieten nicht nur zahlenmäßig keinen Ersatz, ihr Lehrplan richtet sich nicht nach wissenschaftlichen sondern nach religiösen Kriterien. Wissenschaft und Kunst haben ihre Daseinsberechtigung nur noch sofern sie kirchlichen Zwecken dienen. Schon bald sind fast nur noch Kleriker des Schreibens und Lesens kundig. Viele der kulturellen und technischen Errungenschaften der Antike gehen verloren und müssen im Verlauf von Spätmittelalter und Renaissance erst wieder neu angeeignet werden.

Bergmeier treibt um, dass angesichts dieser Faktenlage, dennoch viele aus der Historikerzunft nicht das Christentum für den Zusammenbruch der antiken Kultur verantwortlich machen, sondern im Gegenteil, dieses als deren Bewahrer darstellen. In seinem Bestreben, solche Ansichten zu widerlegen, mangelt es ihm leider an Souveränität. Zu oft verlässt er den Boden einer sachlichen Argumentation, verfällt in Schwarz-Weiß-Denken und lässt ihm nicht genehme Tatsachen weg. Sein Buch nimmt so den Charakter einer polemischen Kampfschrift an und wird damit angreifbar.

So versäumt er zu erwähnen, dass Giovanni Pico della Mirandola, der wegen seiner philosophischen und theologischen Schriften vor der Inquisition fliehen musste, immer auf der Basis des Christentums argumentierte und sich an seinem Lebensende wieder dem strenggläubigen Katholizismus zuwandte.

Zu Recht kritisiert Bergmeier die These, dass die "Völkerwanderung" die Ursache für den Niedergang der antiken Kultur bildete. Er weist nach, dass die germanischen Stämme, die sich auf dem Gebiet des weströmischen Reiches ansiedelten, sich weitgehend an die römische Kultur anpassten. Allerdings verharmlost er die Auswirkungen und Begleitumstände des Germanenzugs. Die "wandernden" – der Begriff ist eigentlich verharmlosend – germanischen Stämme, blickten bereits auf eine lange Tradition von Raubzügen zurück und dürften bei ihrer "Wanderung" relativ wenig Rücksicht auf die Belange der ortsansässigen Bevölkerung genommen haben, auch wenn Völkermord und verbrannte Erde nicht zu ihrem Programm gehörten.

Auch kann Bergmeiers Darstellung des Christentums als durch und durch irrational und rückwärtsgewandt nicht erklären, warum es sich durchgesetzt und über die Jahrhunderte erfolgreich behauptet hat. Nur mit Gewalt, wie von ihm unterstellt, kann sich keine Ideologie auf Dauer etablieren. Die Frage, woraus sich trotzt aller für einen religionskritischen Menschen offensichtlichen Ungereimtheiten der christlichen Religion ihre ideologische Bindungskraft speiste und bis heute speist, kann so nicht seriös beantwortet werden.

Durch solche Vereinfachungen und Polemiken mindert Bergmeier den Wert seines Buches für eine sachliche, humanistischen Kriterien genügende Auseinandersetzung mit den Apologeten des christlichen Abendlands.

Rolf Bergmeier: Schatten über Europa. Der Untergang der antiken Kultur. 290 Seiten, Alibri Verlag, Aschaffenburg 2012.

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