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Die Ethik auf dem Teller. Eine Bücherschau

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Donnerstag, 1. Dezember 2011

Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Safran Foer und die deutsche Autorin Karen Duve publizierten im vergangenen Jahr fast zeitgleich Bücher, die sich mit der fleischlichen Kost, ihrer Herkunft und ihrem Verzehr auseinandersetzen. Beide Titel haben Spuren bei ihren Lesern hinterlassen. Fast jeder kennt jemanden, der sich nach ihrer Lektüre im Vegetariersein versucht hat. Dabei war das nie die Absicht ihrer Autoren. Foer und Duve wollten vielmehr Antworten auf persönliche Fragen finden – ihre Bücher sind Nebenprodukte einer Selbstsuche.

Jonathan Safran Foer: Tiere essen.

Jonathan Safran Foer, Tiere essen

Foer etwa wollte wissen, ob er seinem Sohn guten Gewissens Wurst und Fleisch anbieten kann. Nach drei Jahren Recherche, bei denen er in Hühnerfarmen einstieg, Großschlachtereien besichtigte, Biobauern interviewte und zahlreiche Statistiken zusammentrug, und deren Ergebnisse er in seinem Buch präsentiert, kam er zu dem Schluss, dass er es nicht kann. „Nichts, was wir tun, kann unmittelbar so viel Leid bei Tieren verursachen wie das Fleischessen, und keine unserer täglichen Entscheidungen hat größere Folgen für die Umwelt."

Seinen Lesern nötigt er diese Konsequenz nicht auf, wenngleich seine stichhaltige Argumentation eine solche nahelegt.

Kiepenheuer & Witsch 2010. 19,95 Euro.


Karen Duve: Anständig essen.

Karen Duve, Anständig essen

Duves Buch ist das Resultat einer Selbsterfahrung. Sie begann im Januar 2010 damit, nur Bioprodukte zu essen. Dem Entzug von der Industrieware folgten eine vegetarische und eine vegane Phase. Den Schlusspunkt setzten einige Wochen Frutarier-Dasein, in denen sie sich nur von reifen Früchten ernährte, die die Natur selbst hergibt. Nach einem knappen Jahr hat sie sich schließlich für ein Mittelding aus Vegetarismus und Veganertum entschieden. Dem Leser empfiehlt sie in ihrem „Entwicklungsroman" den Verzicht auf das konventionelle Massentierhaltungsfleisch unserer Supermärkte.

Galiani 2010. 19,99 Euro.


Iris Radisch & Eberhard Rathgeb: Wir haben es satt.

Iris Radisch und Eberhard Rathgeb, Wir haben es satt

„Doch dieser moderne, sanfte und biologisch korrekte Carnivorismus drückt sich um die Frage, wer uns jemals das Recht dazu gab, andere schmerz- und angstempfindliche Lebewesen zu töten, nur um sie zu essen", stellen Iris Radisch und Eberhard Rathgeb in ihrem lesenswerten Sammelband "Wir haben es satt" fest. Diese Frage aber rücken sie in den Mittelpunkt ihrer Textsammlung aus Literatur und Philosophie mit Beiträgen von Ovid, Rousseau, de Montaigne, Pirandello, Schopenhauer, Dostojewski, Melville, Camus, Canetti, Baltzer, Singer, Sinclair, Sloterdijk u.v.m. Radisch und Rathgeb beziehen in ihren Zwischentexten deutlich Position zum allgegenwärtigen Carnivorismus, der nichts anderes sei als „Leichenteile zu braten, zu würzen und zu essen." Aus den verschiedenen Perspektiven der zusammengetragenen Texte aber steigt ideologiefrei das Humanistische der vegetarischen Lebensweise auf. Denn sie zeigen, wie Fleischessen aus einer religiösen Erhöhung des Menschen heraus erst Mode und dann Sitte wurde und wie der menschliche Fleischkonsum der Natürlichkeit des Zusammenlebens auf der Erde ein Ende setzt.

Residenz-Verlag 2011. 19,90 Euro.


Stefan Kreutzberger & Valentin Thurn: Wir Essensvernichter.

Stefan Kreutzberger und Valentin Thurn, Wir Essensvernichter

Mit Fragen unserer Ernährung und ihrer Konsequenzen setzen sich zwei aktuelle Bücher sehr viel grundsätzlicher auseinander. Die Essensvernichter der beiden Journalisten Stefan Kreutzberger und Valentin Thurn ist die schriftliche Begleitlektüre zu ihrem Kinofilm Taste the Waste, in dem sie der Nahrungsmittelverschwendung auf den Grund gegangen sind.

Taste The Waste. Ein Film von Valentin Thurn. 2011

Das Buch zeigt die verschiedenen Systeme auf, die zum massenhaften Wegwerfen von Lebensmitteln führen. Es entblößt unser Einkaufsverhalten als wohlstandsverwöhnt, führt einem die perfide Politik der Supermärkte vor Augen und richtet den Blick des Lesers auf die globalen Konsequenzen dieses westlichen Konsumverhaltens.

Kiepenheuer & Witsch 2011. 16,99 Euro.


Felix zu Löwenstein: Food Crash.

Felix zu Löwenstein, Food Crash

Wer mehr zu den globalen Folgen erfahren will, der sollte sich an Felix zu Löwensteins Food Crash halten, in dem der Autor für einen weltweiten Systemwandel von der intensiven industriellen Landwirtschaft zum Ökolandbau plädiert. Auch wenn das Buch aus der Feder eines Ökolobbyisten stammt, ist es aber vor allem ein Aufruf, sich der Ressourcen unseres Globus, bewusst zu werden – insbesondere vor dem Hintergrund der wachsenden Weltbevölkerung und schrumpfender Agrarflächen.

Alle Bücher verbindet die längst überfällige Frage, wie wir mit Lebensmitteln – seien sie fleischlich oder nicht – umgehen. Sie verändern unseren Blick auf den Teller. Oder wie es Karen Duve schreibt: „Sich mit den Tatsachen der Mastanlagen und Schlachthöfe auseinanderzusetzen, ist kein Ausflug, von dem man zurückkommen kann, um am Kamin von seinen Abenteuern zu erzählen und anschließend sein vorheriges Leben wieder aufzunehmen."

Pattloch 2011. 19,99 Euro.