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Ermittlung mit Geschmack

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Die hier beschriebene Comic-Serie ist nichts für schwache Nerven. In der düsteren Halbwelt von „CHEW. Bulle mit Biss!“ fließt Blut, es kommt zu Gewalt und Kraftausdrücken kann man nicht ausweichen. CHEW ist ein Actioncomic mit politischem Anspruch – und erreicht bei Jugendlichen vielleicht gerade deshalb mehr als ein Sachbuch zur Ernährungsethik.
Mittwoch, 7. Dezember 2011

Tony Chu ist ein hartnäckiger Ermittler, den so schnell nichts von seinem Weg abbringen kann. Als „Bulle mit Biss!“ wird er daher auch im Untertitel der us-amerikanischen Comic-Reihe CHEW bezeichnet, in deren Mittelpunkt er steht. Diese Bezeichnung muss man durchaus direkt verstehen, denn Tony Chu ist ein Cibopath. Der lateinische Wortstamm cibo (dt. Tiere füttern) weist darauf hin, dass dieser Ermittler besondere alimentatorische Eigenschaften zu besitzen scheint – und dem ist auch so. Denn Tony Chu enthüllt in der Vergangenheit liegende Geheimnisse, indem er sich die Informationsträger auf der Zunge zergehen lässt. Einem Stück Pizza kann er entlocken, dass sein Belag aus den zusammengefegten Küchenresten besteht, dem Biss in einen Hamburger folgen Visionen zu den letzten Stunden der den Fleischbelag liefernden Kuh und ein zufälliger Blutstropfen auf seinen Lippen lässt Chu imaginieren, was seinem Besitzer in der nahen Vergangenheit widerfahren ist.

Chew_Abendmahl

Sieht so das Abendmahl der Zukunft aus? Zeichner Rob Guillory inszeniert die skurrilen Protagonisten der Comicserie CHEW in einem pseudoreligiösen Kontext.

CHEW. Bulle mit Biss feiert in den Vereinigten Staaten immense Erfolge. Die Serie gewann mit dem Will-Eisner-Award den renommiertesten Comicpreis überhaupt, erhielt außerdem zwei Harvey-Kurtzman-Awards, wurde von der New York Times auf Platz 1 der Comicbestseller gesetzt und von MTV zu einem der besten zehn Comics in 2009 gekürt. Dies ist insofern überraschend, als dass Jonathan Safran Foer zwar auch einige seiner Leser in den Staaten dazu gebracht hat, über ihre persönliche Haltung zum Fleischlichen nachzudenken, damit allerdings nicht einen solchen Trend ausgelöst hat, wie dies in Deutschland der Fall ist. Über die Erfolgsgeschichte der Serie gibt es nur Spekulationen, die auch das Autorenduo John Layman und Rob Guillory nicht erhellen kann. Autor John Layman ist es selbst ein Rätsel, warum ausgerechnet diese kriminalistische Hack- & Slash-Vegetarier-Satire derart einschlägt:

Frauen mögen CHEW. Typen, die Comics lesen, geben es ihren besseren Hälften, die normalerweise keine Comics lesen. Und umgekehrt das gleiche Spiel: Leuten, die keine eingefleischten Comic-Leser sind, wird CHEW als Beispiel eines zugänglichen Comics ans Herz gelegt.

Und auch Zeichner Rob Guillory kann sich den Erfolg nicht mit einer reproduzierbaren Formel erklären:

Wir hatten einfach den Schneid, ein großes Risiko einzugehen, indem wir eine originelle Geschichte erzählten, die mit nichts anderem auf dem Markt vergleichbar war. Es kam so, dass jener große Teil der Leserschaft, der CHEW dann begeistert aufnehmen sollte, vom Status Quo der Comiclandschaft gelangweilt und reif für was Neues war.

Dieses Neue besteht in schnell geschnittenen Szenen, skurrilem Personal und einem futuristischen Design – anders wäre diese Story auch nicht zu verkaufen. Denn wenngleich hier mit Massentierhaltung, Gammelfleisch, Vogelgrippe und Nahrungsmafia aktuelle Fragen um die Nahrungsmittel- (und insbesondere) die Fleischproduktion aufgegriffen werden, passen die Verhältnisse in CHEW nicht in diese Welt. Im ersten Teil, der den unzweideutigen Titel Leichenschmaus trägt, besteht ein weltweites Verbot von Hühnerfleisch. Schuld ist ein Nahrungsmittelskandal, der Millionen Todesopfer weltweit gefordert hat. Doch wo Verbote sind, sind diejenigen, die sie zu brechen suchen, nicht weit. Der illegale Handel mit Hühnerfleisch blüht, in Hinterzimmern von Restaurants, Clubs und Bars, in abseitigen Etablissements und an einschlägigen Treffpunkten werden für Hühnerkeulen und Hähnchenbrust gigantische Beträge gezahlt. 

Chew 1 - Seitenansicht

Seitenansicht aus dem ersten Band der Serie "CHEW. Bulle mit Biss!"

Der Fanatismus findet hier aber nicht nur auf Seiten des Verbrechens statt, sondern auch bei den Gesetzeshütern. Die Art und Weise der Überwachung erinnert nicht zufällig an George Orwell und seinen Big Brother, das doktrinäre Hühnerverbot im Namen des Gesundheitsschutzes greift die Kritik des Briten an Obrigkeitsstaat und Diktatur auf.

Tony Chu ist in dieser Welt zweifelsohne ein komischer Kauz. Von einer seltenen Pedanterie ergriffen will er den Lesern nicht wirklich sympathisch werden. Es bleibt immer eine Distanz zwischen diesem in sich gekehrten, hageren Ermittler – sicher auch, weil man als Leser nicht mit ihm und tauschen möchte. Wer will schon gern von seinen Kollegen dazu aufgefordert werden, fremdes Blut zu lecken, um bei den Ermittlungen mal voranzukommen? Das -path des Cibo-path-en mag bei vielen Lesern – nicht ganz unabsichtlich – die morphologische Analogie zum Psycho-path-en aufrufen, damit erschließt sich aber nur ein Teil des Tony Chu. Ein nicht zu vernachlässigender Anteil seines Charakters besteht in der Em-path-ie, dem Mitgefühl für seine Umwelt. Auch daraus erklärt sich seine vegetarische Haltung.

Im zweiten Band der Serie setzt sich eine Geschichte fort, die im ersten Band nur am Rande stattfand. Die Gourmetjournalistin Amelia Mintz, hier Saboskriptikerin (hier scheint sich die Wortbildung an das lateinische sapio, zu dt.: schmecken, riechen, Geschmack empfinden anzulehnen), in die sich Tony Chu aufgrund ihrer Kritiken verliebt hat, wird dort in einem Flugzeug von einer unscheinbaren Gestalt entführt. Diese unscheinbare Gestalt ist der Gouverneur des Inselstaats Yamapalü, der unter den Vorzeichen der Hühner-Prohibition eine Frucht entwickelt, die nach Huhn schmecken soll. Die Gallusbeere (gallus, dt.: der Hahn), eine transgenetische Kreation aus Tintenfisch und Ananas, ist noch im Entwicklungsstadium und Amelia Mintz soll als Restaurantkritikerin die Schwachstellen der Beere finden. Und ausgerechnet Tony Chus Bruder Chow, ein renommierter Spitzenkoch, soll ihr Gerichte aus dieser Beere kochen.

Natürlich muss Tony Chu hier die Spuren aufnehmen. Und nachdem sein ehemaliger Partner Mason Savoy die Seiten gewechselt hat, bekommt Chu nun Unterstützung von FDA-Agent John Colby, der im ersten Band schwer am Kopf verletzt wurde, nun als eine Art Cyborg und mit einer gehörigen Wut im Bauch ein unerhofftes Revival feiert. Ein Klonkrieger und ein Cibopath als Ermittlerteam - Layman und Guillory schrecken vor nichts zurück.

Chew 2 - Seitenansicht

Seitenansicht aus dem zweiten Band der Serie "CHEW. Bulle mit Biss!"

Auch in CHEW 2, der im Mai unter dem Titel Reif für die Insel erschienen ist, mangelt es nicht an blutigen Szenen, zumal hier noch ein seltsamer Vampir sein Unwesen treibt. Zuweilen ist man als Leser durchaus der Meinung, dass das nun etwas viel des Guten ist. Geschmacksermittler, Fleischgurus, Blutsauger – kaum ein pseudoreligiöses, sektiererisches Phänomen findet hier nicht statt. Layman und Guillory bedienen sich dieser gesellschaftlichen Idiotien, weil sie perfekt in diese düstere und gewalttätige Scheinwelt der Doppelmoral passen, die ebenso die Nahrungsmittelindustrie wie auch die orwellschen Strukturen so manches Obrigkeitsstaats unter den Vorzeichen der internationalen Paranoia prägen.

Es sei gewarnt! CHEW ist allein visuell nichts für schwache Gemüter. Die Serie fordert außerdem ein politisch-kritisches Bewusstsein wie auch die Fähigkeit, Ironie – auch in drastischen Strichen – zu verstehen. Daher ist diese Serie Nichts für Kinderhände, sondern eher Jugendlichen und jungen Erwachsenen ab 15 Jahren zu empfehlen. Sie enthält die typischen Elemente der Action- und Superheldencomics, hat aber durch ihr Thema aufklärerischen Charakter. Vielleicht erklärt sich gerade darin ihr Erfolg.

Nachtrag: Noch vor Weihnachten erscheint der 3. Band der Reihe unter dem Titel Eiskalt serviert in Deutschland. Darin wird das Thema Aussterbende Tierarten im wahrsten Sinne des Wortes "eiskalt serviert". Außerdem treffen die einstigen Partner Mason Savoy und Tony Chu wieder aufeinander. Ein cibopathisches Duell nimmt seinen Lauf. Und eines kann schon vorweg gesagt werden. Die gustatorischen Abenteuer des Tony Chu sind auch nach Teil 3 noch nicht an ihrem Ende angelangt.

Cover Chew 1-3

 

John Layman & Rob Guillory: CHEW. Bulle mit Biss! Band 1: Leichenschmau. Cross Cult 2010. 128 S. 16,80 Euro.

 

John Layman & Rob Guillory: CHEW. Bulle mit Biss! Band 2: Reif für die Insel. Cross Cult 2011. 128 S. 16,80 Euro.

 

John Layman & Rob Guillory: CHEW. Bulle mit Biss! Band 3: Eiskalt serviert. Cross Cult 2011. 128 S. 16,80 Euro. Ab 10.12. im Handel.