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Reden wir als Humanisten mal über Begriffsbestimmungen

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Glossar Humanistisches Freidenkertum
Freitag, 29. Mai 2015

In den Gesprächen des Kǒng Zǐ (Konfuzius) geht es auch um Begriffe und deren Inhalte: „Der Fürst von We wartet auf den Meister, um die Regierung auszuüben. Was würde der Meister zuerst in Angriff nehmen?“ Der Meister sprach: „Sicherlich die Richtigstellung der Begriffe. (...) Wenn die Begriffe nicht richtig sind, so stimmen die Worte nicht; stimmen die Worte nicht, so kommen die Werke nicht zustande; kommen die Werke nicht zustande, so gedeiht Moral und Kunst nicht; gedeiht Moral und Kunst nicht, so treffen die Strafen nicht; treffen die Strafen nicht, so weiß das Volk nicht, wohin Hand und Fuß setzen. Darum sorge der Edle, daß er seine Begriffe unter allen Umständen zu Worte bringen kann und seine Worte unter allen Umständen zu Taten machen kann. Der Edle duldet nicht, daß in seinen Worten irgend etwas in Unordnung ist. Das ist es, worauf alles ankommt.“

Diesem zweieinhalbtausendjährigen  Anliegen der chinesischen Philosophie sollten sich nicht zuletzt auch die Humanisten weltweit verantwortlich fühlen. Denn Begriffsunklarheiten, gewollte Begriffsverwirrungen dienen den ökonomisch, politisch und medial Herrschenden immer dazu, das Wesen ihrer Herrschaft zu verschleiern und so möglichst ungetrübt über Menschen und deren Köpfe  bestimmen zu können. Deshalb sollten, ja müssen, alternative Kräfte, egal ob sozialisch gesonnen und/oder religionsfrei, sich über die „gängigen“ Begriffe im Hier und Heute Gedanken machen und deutlich über deren Bestimmungen und Inhalte reden. Und nicht das nachplappern, was ihnen „von oben“ vorgesetzt wird.

Diesem Anliegen fühlt sich auch der überaus rührige ostwürttembergische Humanist Heiner Jestrabek verpflichtet. Deshalb hat er als kleine Handreichung für die deutschsprachigen säkularen Menschen und Organisationen ein erstes „Glossar Humanistisches Freidenkertum“ zusammengestellt.

In seinem Vorwort geht der Herausgeber auf die „Begrifflichkeiten der Freidenker“ ein, also auf jene Menschen, die seit mehr als 300 Jahren so bezeichnet werden. Heute sind ihre Selbstbezeichnungen vielfältig: Humanisten, Konfessionsfreie, Freigeister, (Neue) Atheisten, Agnostiker, Evolutionäre, Naturalisten, Skeptiker, Säkulare, Laizisten, Brights u.a.m. Er schreibt:

Wie die Bezeichnungen auch immer lauten mögen, allen gemeinsam ist der Wunsch, daß sie frei von Dogmen und in Selbstbestimmung leben und denken wollen: und sie sehen sich in der Tradition von Aufklärung und Humanismus. (S. 3)

Darin besteht Einigkeit, doch im Detail – in konkreten Einzelbegriffen – scheiden sich die Geister. Deshalb dieses Glossar, um unabhängig von den Selbstbezeichnungen, zu Klarheiten zu kommen.

Dem Glossar selbst sind einige kurze Artikel vorangestellt, die sich vorrangig an noch Außenstehende, an „Neulinge“ richten. Diese Artikel sind u.a. mit Fragen überschrieben, auf die kurz und knapp Antworten im Kern gegeben werden: „Christlich-abendländische Leitkultur Europas?“ – „Glauben an Wunder und Geister?“ – „Werktags Wissenschaft, sonntags wundergläubig?“ – „Kirchliche Glaubensbekenntnisse ernst nehmen?“ – „Freies Denken beschränkt sich auf Religionskritik?“ oder „Einmischung in Fragen der Politik?“

Gerade den letztgenannten Artikel sollten sich organisierte Humanisten/Freidenker besonders zu Herzen nehmen. Darin heißt es auf Seite 11 – leider – ganz nüchtern:

Das (...) 20. Jahrhundert hat aber gezeigt, daß [in der BR Deutschland und ihren Parlamentsparteien; SRK] keine politische Partei sich mehr zum Freidenkertum bekennt und im parteipolitischen Alltag unsere Anliegen vernachlässigt werden. Opportunismus, das Buhlen um Wählerstimmen – aber auch eine geschickte kirchliche Demagogie, die sich als sozial kompetent und ethisch hinzustellen versteht, haben sowohl Liberale als auch Sozialisten (in Ost und West) in ihrem Mainstream völlig indifferent und kirchenloyal getrimmt („Phänomen der Rechristianisierung der Linken“).

Und das, obwohl derzeit 32 Prozent der Menschen hierzulande konfessionsfrei sind und nur noch 29 bzw. 28 Prozent katholisch oder evangelisch...

Es folgt noch ein kurzer Artikel über das Humanistische Selbstverständnis, das Grundsatzprogramm des Humanistischen Verbandes Deutschlands.

Der Reigen der Begriffe wird mit „Aberglaube“, „Agnostik“, „antiklerikal“ und „Antisemitismus“ eröffnet. Nicht ausgeklammert werden Begriffe wie „Faschismus“, „Islamophobie“, „Klerikalfaschismus“ oder „Stalinismus“.

Im Glossar sind neben solchen Begriffen aber auch kurze Erläuterungen zu diversen freigeistigen Organisationen Deutschlands seit dem 19. Jahrhundert enthalten.

Eingegangen wird nicht zuletzt auf biblische, kirchliche Begriffe wie „Bergpredigt“, „Erbsünde“, „Evangelium“, „Hölle“, „Weihnacht“ oder „Zehn Gebote“.

Cover

Sehr löblich ist, daß Jestrabek sich nicht nur auf einen Begriff an sich beschränkt hat, sondern daß er ggf. mit Verweisen per Pfeil auf andere damit in Zusammenhang stehende Stichworte hinführt und daß er, wann immer möglich, Hinweise auf weiterführende Literatur gibt. Hilfreich sind nicht zuletzt Verweise auf Internetportale von Organisationen.

Natürlich kann dieses Glossar noch keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Der Herausgeber ist daher an Vorschlägen und Anregungen für weitere Begriffe interessiert. Schön wäre es, wenn solche auch aus Österreich oder der Schweiz kommen könnten.

Der Rezensent wünscht dieser kleinen, aber feinen Handreichung eine möglichst weite Verbreitung.