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Breit, differenziert, reflektiert, interdisziplinär, informativ & sachlich

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Der Sammelband „Nachhaltige Lebensstile“ spannt einen weiten Bogen zum Thema „Fleischkonsum“, der durch inhaltliche und disziplinäre Breite ebenso besticht wie durch seine unaufgeregte Sachlichkeit.
Mittwoch, 7. Januar 2015
Cover

Der Sammelband der an den Universitäten Kiel und Greifswald tätigen Umweltethikerinnen bzw. –ethiker Lieske Voget-Kleschin, Leonie Bossert und Konrad Ott ist die Dokumentation einer mehrjährigen Tagungsreihe zur Thematik des Bandes, die in Kooperation mit dem Bundesamt für Naturschutz durchgeführt wurde.

Der enormen Komplexität des Themas „Fleischkonsum“ entsprechend spannt der Band – wie auf der Rückseite des Covers annonciert – in der Tat einen weiten thematischen Bogen, der von grundlegenden tierethischen Überlegungen über die Darstellung diverser Konzepte nachhaltiger Lebensstile, mehrere Kapitel zu den vielschichtigen Zusammenhängen von Fleischerzeugung/Fleischkonsum mit Naturschutz und Gesundheit, einer ausführlichen Diskussion von Fragen, Problemen und Grenzen der Vermittlung eines bewussteren Fleischkonsums bis hin zur Thematik der Rahmenbedingungen und damit vornehmlich der Verantwortung der Politik reicht.

Abgesehen von dieser wirklich beeindruckend breiten und differenzierten strukturellen Herangehensweise an das Nachhaltigkeits-Schlüsselthema „Fleisch“ liegt eine der großen Stärken dieses Bandes m. E. vor allem in der dem Thema angemessenen Interdisziplinarität. Hier wird nach meiner Wahrnehmung in bisher einzigartiger Weise die thematisch relevante Fachexpertise aus den Bereichen Agrar- und Ernährungswissenschaft, Biologie, Veterinär- und Allgemeinmedizin, Ökotrophologie, Ökonomie (v. a. Volkswirtschaft), Sozial- und Kulturwissenschaften, Philosophie und Theologie in einer großen Synopse versammelt. Und zwar einer Synopse, die durchaus ein breites und heterogenes Meinungsspektrum dokumentiert, was natürlich zur Folge hat, dass man als Leser nicht mit allen Beiträgen in gleicher Weise einverstanden ist/sein wird, je nach eigenem Überzeugungshintergrund und eigener Perspektive. Aber genau diese „Reibung“ ist bei einem derart kontrovers diskutierten Thema im Sinne eines lebendigen interdisziplinären und philosophischen Diskurses als positiv zu bewerten. Zumal in diesem Zusammenhang zudem die nach meiner Einschätzung größte Stärke des Bandes hervorzuheben ist: seine Sachlichkeit. Meinungen werden klar, pointiert und (mal mehr, mal weniger) engagiert präsentiert, aber durchgehend auf der Basis sachlich fundierter Argumente, differenzierter und kritisch-reflexiver Abwägungen (was auch zentrale Begriffe wie den der „Nachhaltigkeit“ betrifft!) sowie reichhaltiger empirischer Daten und Fakten. Eine pauschale „Fleisch bringt’s!“-Propaganda der Fleischlobby fehlt daher ebenso wie jegliche „Fleisch ist Mord!“-PETA-Polemik. Das mag der/dem einen „Ideologin/Ideologen“ so unausgewogen erscheinen wie der/dem anderen; mir erscheint es im Sinne einer möglichst nicht (primär) emotional geführten wissenschaftlichen Debatte als angemessen – was natürlich nicht die These impliziert, das Thema „Fleischkonsum“ ließe sich in all seiner Komplexität rein wissenschaftlich, sachlich und frei von Emotionalität „klären“! Und es impliziert auch nicht die These, dass radikaler (je nach Perspektive: konsequenter) Tierschutz generell als „ideologisch“ zu bewerten sei!

Aber der Verzicht auf ideologische Engführungen und das Bemühen um wissenschaftliche Sachlichkeit hat nach meiner Einschätzung einen zusätzlichen großen Nutzen. Denn bei aller Heterogenität der im Band versammelten Meinungen gibt es doch einen Konsens quer durch alle Disziplinen dahingehend, dass definitiv ein negativer Zusammenhang zwischen industrieller Fleischproduktion und „Nachhaltigkeit“ besteht, in gesundheitlicher, ökologischer und sozialer Hinsicht, aber sehr wohl auch in ökonomischer. Daraus folgt umgekehrt, dass der bewusste Fleischkonsum (bzw. die deutliche Reduktion des Fleischkonsums oder der konsequente Fleischverzicht – und sei es auch „nur“ der Verzicht auf Fleisch aus industrieller Produktion) sehr wohl einen Beitrag zu mehr Naturschutz, Klimaschutz und Gesundheit leisten würde und sich daher auch eigentlich niemand – weder Produzenten noch Politik noch Konsumenten – mehr aus der Verantwortung stehlen kann. Und dass dieser gemeinsame Konsens einer Vielzahl von Experten aus unterschiedlichsten wissenschaftlichen Fachgebieten auf Sachargumenten beruht, lässt ihn m. E. als derart solide und tragfähig erscheinen, dass von allen in der Verantwortung Stehenden praktische Konsequenzen zu erwarten sein sollten – „bottom up“ ebenso wie „top down“.

Dazu müsste dieses Buch – das freilich sowohl vom Umfang als auch vom inhaltlichen Anspruch her keine „leichte Kost“ ist – aber entsprechend wahrgenommen, gelesen und in seinen Ergebnissen möglichst breit diskutiert werden, was m. E. sehr zu wünschen und zu hoffen ist.