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„Lebenskunde“ in wechselnder Zeit

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Die Geschichte der weltlichen Wertefächer an den deutschen Schulen ist noch weitgehend ungeschrieben. Einen Betrag dazu, diesem Missstand zumindest etwas abzuhelfen, hat der Erziehungswissenschaftler und Sekundarschulrektor Bruno Osuch mit seiner Studie zum Lebenskundeunterricht geleistet. Der Fokus liegt dabei auf Berlin.
Montag, 7. April 2014

Ausgehend von dem Streit über die Deutungshoheit der Werte, der in der jüngeren Zeit an Fahrt aufgenommen hat, betont Osuch, dass der weltlich orientierte Humanismus den anderen, insbesondere den religiös grundierten Weltanschauungen sachlich ebenbürtig und rechtlich gleichzustellen ist. Auf dieser Bühne stellt Osuch seine Leitfrage: Welchen Beitrag kann der Humanistische Lebenskundeunterricht (HLK) leisten, um in der pluralen Gesellschaft für Kohäsion und Wertebildung zu sorgen?

Historisch betrachtet zeigt sich insbesondere am Lebenskundeunterricht in Berlin, wie ein echtes Erfolgsmodell humanistischer Weltanschauungspflege wachsen und gedeihen kann. Bereits vor 1933 war das Fach flächendeckend vertreten. Die Unterbrechung dieser Traditionslinie durch die Nazi-Diktatur hat jedoch, wie auch andernorts, für eine Beschädigung über das Ende der Barbarei hinaus gesorgt. Erst viel später konnte diese Tradition wiederbelebt werden, aber immerhin hat sie seither einen rasanten Aufschwung genommen. Selbst die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen bescheinigt dieser Art von humanistischer Weltanschauungspflege große Attraktivität.

Osuch zeichnet im historischen Teil seiner Studie die wechselvolle Entwicklung des Faches seit seinen Anfängen nach. Im Kontext der repressiven politischen Gesamtsituation des späten Kaiserreichs und seiner Wertschätzung für das Religiöse konnten sich freireligiöse und freidenkerische Bestrebungen nach einer eigenen Wertebildung für die Kinder kaum behaupten. Doch war die Trennschärfe zwischen eigenem Wollen und staatlichem Handeln sicher auch einer der Motivatoren für Engagement. Im Umfeld von SPD und Gewerkschaften gedieh gleichsam als Gegenbewegung zum Offiziellen ein eigenes Bildungsstreben des Arbeitermilieus. Ein Beispiel dafür ist die Sozialistin und Frauenrechtlerin Ida Altmann, die bereits Ende des 19. Jahrhunderts „Leitsätze für die Kinder von Freidenkern und Freireligiösen“ herausgab, in denen sie die Grundlagen eines Lebenskundeunterrichts umriss.

Foto: privat

Klasse in Berlin-Lichtenberg: Die weltliche Schulbewegung befand sich von Anfang an im Fadenkreuz der Nationalsozialisten, die humanistische Ideen und fortschrittliche Pädagogik ablehnen. Mehr zur Verfolgung von Humanisten: www.zerstoerte-vielfalt-humanismus.de

Mit der Demokratisierung Deutschlands in der Weimarer Republik änderten sich die Voraussetzungen für weltliche Wertebildung. Die nunmehr fortschrittlich orientierte Bildungspolitik Preußens brachte dem Fach Lebenskunde nicht nur überhaupt eine schulische Verankerung, sondern auch einen beachtlichen Aufschwung. Die Kinder sollten in ihm lernen, „sich durch eigenes Nachdenken (ihre) Weltanschauung zu erarbeiten“ – zweifellos heute noch gültig, aber 1933 für den Nazismus nicht hinnehmbar. Unter gewohnt eifriger Beteiligung der Kirchen wurde das Fach zerschlagen und seine weltanschaulichen Trägerverbände zwangsweise aufgelöst. Übrigens auch ein verdienstvoller Nebeneffekt von Osuchs Studie: Dass die von Intoleranz geprägte Haltung der Kirchen und ihrer politischen Satrapen anderen weltanschaulichen Orientierungen gegenüber den Platz in der Geschichtsschreibung erhält, der ihr zukommt.

Während in der Weimarer Republik die Lebenskunde zwar freidenkerisch geprägt, aber Teil des staatlichen Fächerkanons war, änderte sich dies in der neuen Verfassung des Landes Berlin der Bundesrepublik grundlegend. Nunmehr galt die „Bremer Klausel“ des Grundgesetzes, nach der Religions- und Weltanschauungsunterricht Sache der entsprechenden Gemeinschaften war, nicht mehr des Staates. Trotz einer sehr toleranten und weltoffenen Zielformulierung des Lehrplans blieben dem Fach heftige Angriff christlicher Kreise nicht erspart.  Sie schwappten bis ins Abgeordnetenhaus hinein und brachten auch den damaligen Regierenden Bürgermeister Willy Brandt dazu, den humanistischen Werteunterricht als gleichberechtigtes Fach zu unterstützen. Doch trotz vielfacher und prominenter Unterstützung konnte das Fach nicht mehr an die frühere Resonanz anknüpfen. Osuch bietet als Gründe des Niedergangs einerseits innerverbandliche Querelen an, verweist aber auch auf das weltanschaulich wenig interessierte und im Ost-West-Konflikt stark antisozialistische Gepräge des gesellschaftlichen Umfelds der Zeit hin.

Erst mit dem experimentierfreudigen Reformklima nach 1968 und einer personellen und inhaltlichen Neuaufstellung des Verbandes Mitte der 80er Jahre gelang es, das Schulfach wieder an den Schulen zu etablieren, wenn auch mit einer deutlich reduzierten Schülerzahl. Doch immerhin konnten rasch bis zu 2.000 Teilnehmer am Unterricht verzeichnet werden. Den Durchbruch brachte dann die Wende 1989/90. Der neu hinzugekommene, nichtreligiöse Teil der Berliner Bevölkerung verschob die Gewichte nachhaltig. Mit dem Aufschwung des Faches und der stärker auf einen praktischen Humanismus hin ausgerichteten Grundtendenz des Trägerverbandes, dem Humanistischen Verband Deutschlands, gingen auch eine Neuorientierung des Lehrplans und eine Modernisierung der Didaktik einher. Verbandlich wurde die bisherige atheistische Fixierung überwunden und eine neue Betonung der eigenen säkularen Weltanschauung erreicht. Ab dem Schuljahr 1999/2000 wurde zudem ein wissenschaftliches Ergänzungsstudium für das Fach an der TU Berlin eingerichtet. Im heftig geführten Streit um das Schulfach Ethik in Berlin konnte sich HLK als weltanschaulich gebundenes Wertefach weiter gegenüber dem Religionsunterricht einerseits, aber auch gegenüber allgemeinen religionskundlich und psychologisch ausgerichteten Fächern wie Ethik, mit seiner Eigenständigkeit profilieren. Seit 2007 wird das Fach auch an Schulen im Bundesland Brandenburg unterrichtet.

Osuchs spannend zu lesender Überblick über die Entwicklung des weltlichen Wertefaches in Berlin sei allen empfohlen, die sich für die schwierige und windungsreiche Geschichte des praktischen Humanismus in Deutschland interessieren. Angesichts dieser Studie ist das Desiderat umso dringender, auch für die Bildungsgeschichte anderer Bundesländer ähnliche Archäologie zu betreiben. Denn dass es heute kaum mehr weltanschauliche Wertebildungsangebote an den Schulen gibt, ist ein Produkt spezifischer historischer Prozesse und war nicht von vornherein klar. Oft gab es Möglichkeiten und Ansätze dazu durchaus, und der Untergang der humanistisch wertebildenden Fächer im Westen war oftmals hausgemacht. So hatte das Fach z.B. als „freireligiöser Unterricht“ in den freigeistigen Hochburgen Bayerns seit der Jahrhundertwende zwar eine stets umstrittene, aber doch durchgehende Präsenz an den Simultanschulen. Auch hier wurde mit dem Einschnitt des Verbots 1933 eine Traditionslinie gekappt, an die nach dem Krieg nicht mehr mit ausreichendem Erfolg angeschlossen werden konnte. Und auch hier haben die programmatischen und pragmatischen Verirrungen der 70er und 80er Jahre eine einstmals lebendige Bildungstradition vollständig verschüttet. Es ist an der Zeit, sie wissenschaftlich zu würdigen und so zumindest dem Vergessen zu entreißen. Zu wissen, woher man kommt und welche Fülle es einmal gab, kann zudem helfen, manche ideologische Engführung auch im aktuellen organisierten Atheismus zu überwinden.

Cover

Bruno Osuch: Humanistische Lebenskunde – Traditionen und Perspektiven einer besonderen Alternative zum Religionsunterricht in Berlin und Deutschland, in: Internationale Studien zur Geschichte von Wirtschaft und Gesellschaft, hrsg. v. Karl Hardach, Frankfurt/M: Lang 2012, S. 785-817., ISBN 978-3-631-61880-6