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Ein schöner Titel, der freilich nicht eingelöst wird

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Unter dem Titel „Mein Tod gehört mir. Über selbstbestimmtes Sterben“ handelt Svenja Flaßpöhler, stellvertretende Chefredakteurin des „Philosophie Magazins“, in journalistisch lockerer und zugleich in historisch-systematischer Form wichtige Fragen einer Philosophie des Sterbens ab. In den aktuellen Debatten über Sterbehilfe ergreift die 38-Jährige Partei zugunsten eines assistierten Suizids.
Mittwoch, 4. Dezember 2013
Cover

So instruktiv und gut lesbar das erfreulich kurze Buch auch ist, es leidet an dem Grundirrtum, der Freitod sei „zunächst einmal ein antisozialer Akt“. Nur wenn jemand unheilbar krank sei und ohnehin bald sterben müsse, sei er „gesellschaftlich verantwortbar“ und ein begleiteter Suizid moralisch vertretbar (153).

Entgegen der Verheißung des Untertitels, Menschen selbstbestimmt über den Zeitpunkt des eigenen Lebensendes befinden zu lassen, beteiligt sich die Autorin an paternalistischer Bevormundung, ein Verhalten, das sie sonst im verbalen Einklang mit dem Berliner Philosophen Volker Gerhardt verurteilt. Worin aber soll das Selbstbestimmte liegen, wenn wildfremde Menschen sich anmaßen dürfen, darüber zu befinden, ob ein Sterbewunsch akzeptabel sei oder nicht? Mit welcher Triftigkeit darf der gründlich reflektierte Wunsch moralisch diskreditiert und praktisch zurückgewiesen werden, der da lautet: „Ich will kein quälendes Siechtum an der PEG-Sonde erleben. Ich will kein dementer Pflegefall werden. Ich will rechtzeitig aus dem Leben scheiden, solange ich noch im Besitz relativer (!) Würde darüber selbst befinden kann.“

Die Autorin möge bitte bedenken, dass ihr Vorwurf, der Suizid sei „ein antisozialer Akt“, hoch ambivalent ist und sich auch genau umdrehen lässt. Mit welchem Recht dürfen Menschen, deren Lebenszeit nach ihrer eigenen Einschätzung oder nach objektiven medizinischen Kriterien abgelaufen ist, der Gemeinschaft als Pflegefall aufgebürdet werden? Ihre Angehörigen, soweit vorhanden und willens, sind rasch erschöpft und bald überfordert. Und auch die Gesellschaft in ihren pflegerischen Einrichtungen gerät an ihre Grenzen, sobald in absehbarer Zeit Millionen von Dementen unter uns zu betreuen sind.

Svenja Flasspöhler hat Recht, wenn sie schreibt, wer nicht am Leben hänge, könne leicht zur Gefahr für die Gesellschaft werden, wobei sie auf Amokläufer und Selbstmordterroristen verweist (151). Diese Spezialproblematik, der in der Tat nur schwer beizukommen ist und die eine eigene Erörterung benötigt, darf aber den Blick nicht verstellen für die gewöhnliche Zwangslage von Menschen, die ihr Leben beenden wollen. Sie werden vielleicht nicht zur „Gefahr“, aber doch zumindest zur vermeidbaren Zumutung für ihre Umgebung. Weshalb stürzte sich der Schriftsteller Erich Loest im September 2013 aus dem Fenster seines Leipziger Krankenzimmers? Weshalb springen Menschen immer wieder von Türmen und Brücken? Weshalb werfen sich regelmäßig in großer Zahl Lebensunwillige vor den Zug, traumatisieren die Lokführer für ihr Leben und bringen die Pläne Tausender Reisender durcheinander? Weil ihnen die sanfte und schnelle, sozial verträgliche Form des unauffälligen Sterbens im eigenen Bett in vertrauter Umgebung gesellschaftlich verweigert wird. Seit langem hält eine hoch entwickelte Pharmazie einen hilfreichen Cocktail auf der Basis von Natriumpentobarbital bereit. Innerhalb von einer Viertelstunde versetzt er in einen tiefen Schlaf, aus dem es kein Erwachen mehr gibt. In den Niederlanden hat sich 2008 unter der Leitung der Amsterdamer Ärztin Petra de Jong eine Bürgerbewegung gebildet, die für die Legalisierung einer medizinisch ausgereiften „Letzte Wille Pille“ eintritt. Von diesen Perspektiven, deren Verwirklichung freilich noch erkämpft werden muss, ist bei Flasspöhler nichts zu lesen, obwohl sie einräumt, dass es keine Pflicht gibt zu leben (151).

Mit erstaunlicher Naivität formuliert sie dagegen die Aufgabe, lebensunwilligen Menschen die „guten Gründe“ aufzuzeigen, die dafür sprächen, „in der Welt zu bleiben“ (151). Sie erstrebt damit die „Handhabe“, nötigenfalls „einem Menschen die Suizidassistenz zu verwehren“ (149). Im Einzelfall mag es ja sinnvoll sein, jemanden den Sterbewunsch ausreden zu wollen (etwa bei Liebeskummer). Insgesamt aber zeigt ein nüchterner Blick in die Geschichte, dass es zu allen Zeiten Menschen gegeben hat, die zu der Einsicht gelangt waren, dass ihnen „auf Erden nicht zu helfen“ sei, um es mit den Worten Heinrich von Kleists zu sagen, die er im Brief an seine Schwester wählte, kurz bevor er sich und seiner Verlobten die Kugel gab. Die „gebrechliche Einrichtung der Welt“, um eine weitere Formulierung Kleists zu verwenden, wird es auch weiterhin mit sich bringen, dass eine kleine Zahl von Menschen ihr Leben vorzeitig beenden will. Wer darf sich anmaßen, darüber zu richten? Freilich haben inzwischen Medizin und Pharmazie längst ein Stadium erreicht, dass niemand mehr sich genötigt sehen muss, eine gewalttätige, gar mit Blutvergießen verbundene Sterbeform zu wählen, die in der Mitwelt berechtigte Abscheu hervorruft.

Statt sich wiederholt oberflächlich abzugrenzen gegen eine vermeintliche „universale Glorifizierung des Suizids“ in der Antike (22 und öfter), hätte Flasspöhler gut daran getan, in Mark Aurels „Selbstbetrachtungen“ den einschlägigen Passus über die Freiheit zum Tode zu beachten. Seine differenzierende Skepsis ist bis heute vorbildlich. Der Stoiker auf dem Kaiserthron schreibt: “In der Tat, wenn man kindisch zu werden anfängt, so behält man zwar das Vermögen zu atmen, zu verdauen, Vorstellungen und Begierden zu haben und dergleichen Wirkungen mehr; aber sich seiner selbst zu bedienen, seine jedesmalige Pflicht pünktlich zu beachten, die Eindrücke genau zu zergliedern, zu prüfen, wann es Zeit ist, aus diesem Leben zu scheiden, kurz, alles, was einen geübten Verstand erfordert, das ist in uns erloschen. Darum müssen wir eilen, nicht nur, weil wir uns immer mehr dem Tode nähern, sondern auch, weil die Fassungskraft und die Begriffe in uns oft schon vor dem Tode aufhören.“ (Zitiert nach der Reclam-Ausgabe 1241, Stuttgart, 1997, Drittes Buch, Erstes Kapitel, Seite 31)

Bei Nietzsche lautet diese Botschaft einige Jahrhunderte später: „Stirb zur rechten Zeit!“, eine lebenskluge und lebensbejahende Mahnung, die er freilich selbst nicht einzulösen verstand genauso wenig wie Walter Jens in unseren Tagen. Im Kapitel „Vom freien Tode“ im „Zarathustra“ heißt es: „Viele sterben zu spät, und einige sterben zu früh. Noch klingt fremd die Lehre: ‚stirb zur rechten Zeit!‘ Stirb zu rechten Zeit; also lehrt es Zarathustra.“ (zitiert nach Karl Schlechta, Hg., Friedrich Nietzsche, Werke in drei Bänden, Darmstadt, 1966, Zweiter Band, Seite 333)

Flasspöhlers Buch, eine überarbeitete und erweiterte Fassung ihres 2007 erschienenen Werkes „Mein Wille geschehe. Sterben in Zeiten der Freitodhilfe“, weckt Aufmerksamkeit durch seinen menschenfreundlich klingenden Titel. So dankenswert es ist, dass eine junge Denkerin sich eines Themas annimmt, das in der Regel erst in höheren Jahren Aufmerksamkeit findet, so bedauerlich bleibt der Umstand, dass die Ankündigung des Titels nicht eingehalten wird. Dabei vollzieht, wer sich das Leben nimmt, nur etwas früher das, was die Natur ohnehin ausnahmslos erzwingt: sterben zu müssen. Die Selbstbestimmung betrifft also ohnehin nur das Wann und Wie, nicht das Überhaupt des Sterbens.

Image of Mein Tod gehört mir: Über selbstbestimmtes Sterben

Svenja Flaßpöhler: Mein Tod gehört mir: Über selbstbestimmtes Sterben. Pantheon Verlag 2013, Broschiert, 160 Seiten