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Nicht wirklich neu, aber wichtig allemal

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Wenn zwei Bestseller-Autoren wie der Kinderarzt und Wissenschaftler Herbert Renz-Polster („Kinder verstehen“, „Menschenkinder“) und der Gehirnforscher Gerald Hüther („Jedes Kind ist hochbegabt“, „Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn“) gemeinsam ein Buch über den Zusammenhang von Natur und kindlicher Entwicklung veröffentlichen, darf man die Latte der Erwartungshaltung wohl etwas höher legen und gespannt sein, was es mit dem auf dem Cover angekündigten „neuen Blick“ auf das kindliche Lernen, Fühlen und Denken auf sich hat.
Sonntag, 1. Dezember 2013
Cover

Und um es vorweg zu nehmen: Die Latte wird nach meiner Einschätzung gerissen, und zwar einfach deshalb, weil Renz-Polster in den Vorgänger-Büchern eigentlich schon alles Wesentliche zu jenem „neuen Blick“ gesagt hat. So ist etwa eine der zentralen Thesen von „Wie Kinder heute wachsen“, wonach Natur für die Kinder nicht einfach nur eine nette Ergänzung zum Alltag, ein Additiv neben den wirklich wichtigen Dingen des Lebens wie frühkindliche Förderung und Schule ist, sondern vielmehr für die kindliche Entwicklung so essenziell, so unerlässlich wie gute Ernährung, nicht wirklich neu, sondern das Fundament von „Menschenkinder“. Dass die Natur für Menschenkinder nach wie vor einen – nein: DEN – maßgeschneiderten Entwicklungsraum darstellt, der ihnen die Möglichkeit bietet, zu ihren „Quellen“ – Unmittelbarkeit, Freiheit, Widerständigkeit und Verbundenheit – zu gelangen und ihre „Segel“ der Selbstwirksamkeit und Selbstorganisation zu setzen, einfach weil ihnen das Leben „da draußen“ noch immer „irgendwo im Blut“ steckt (R-P neigt zu einer durchaus „üppigen“ Metaphorik), auch das ist nicht wirklich neu.

Ähnliches gilt für die – im Buch fast schon gebetsmühlenartig wiederholten – Thesen, dass funktionierende, sensible, feinfühlige Beziehungen in der Familie (und zu anderen Bezugspersonen, nicht zuletzt in Bildungseinrichtungen) für die kindliche Entwicklung von ebenso fundamentaler Bedeutung sind wie die Gelegenheit zum freien, unstrukturierten Spiel mit anderen Kindern in altersgemischten Gruppen.

Dass dieses Buch dennoch nicht überflüssig ist, sondern ganz im Gegenteil wichtig, liegt zum einen daran, dass es nicht schaden kann, richtige Thesen in anderer Konstellation zu wiederholen, vor allem aber daran, dass Renz-Polster, unterstützt von Gerald Hüther, diese richtigen Thesen hier in anderen Kontexten bzw. mit anderen Schwerpunkten thematisiert und diskutiert. Dies gilt zum Beispiel im Hinblick auf das „Große Drinnen“, das umfangreichste Kapitel des Buches, in dem sich Renz-Polster ausführlich und differenziert mit der Problematik von „Computern und Kinderspielen“ auseinandersetzt. Fern jeder „Digitale Demenz“-Hysterie argumentiert er, dass die Welt der neuen Medien mit einem Dschungel zu vergleichen sei, der einerseits zweifelsohne voller Gefahren, andererseits aber auch voller Früchte und Farben sei, voller (neuer) Möglichkeiten. Die „Baby Einstein“-Versprechungen der Medienindustrie hält er zwar für eine „geplatzte Blase“ bzw. ein „trojanisches Pferd der Elektronik- und Unterhaltungsindustrie“, weil Kinder auch heute – wenn sie sich „artgerecht“ entwickeln sollen – die Welt analog erleben, sich erschließen und verstehen müssen, „mit Körper, Hand und Herz“, und zwar „nach ihrem eigenen Skript“, aber umgekehrt ist eine pauschale Verteufelung der neuen Medien nach seiner Einschätzung überzogen – nur zum „Programm“ sollten sie nicht gemacht werden.

Aber exakt diese Gefahr sieht Renz-Polster sehr wohl, beispielsweise im Hinblick auf die mediale „Frühförderung“ in KiTas. Denn, so sein zentrales Argument, der Personalschlüssel einer durchschnittlichen Krippe lasse es kaum noch zu, dass die Pädagoginnen mit einer ganzen „Horde“ Kinder raus in den Wald gehen: „Mütze auf, Handschuhe an, Reißverschluss zu … Dreckige Schuhe abbürsten, nasse Kleider wechseln. Ein müdes Kind auch mal tragen. Ein angeschlagenes Knie ‚verarzten‘“ … Und dass sie ansonsten zunehmend damit beschäftig seien, den „Bildungserfolg“ der Kleinen in Entwicklungsbögen, Sprachfortschrittsberichten und Portfolios zu dokumentieren. Da seien die (zeitsparenden) Verlockungen der mediengestützen „Frühförderung“ schon attraktiv – was nichts daran ändere, dass diese „dumm und primitiv“ blieben. Je länger man liest, desto mehr drängt sich (mir) der Ein-druck auf, dass die „Natur als Entwicklungsraum“ gar nicht das eigentliche Thema des Buches ist, sondern so etwas wie die fundamental-anthropologische oder auch existenzielle Hintergrundfolie für das, worum es eigentlich geht: Die Kritik an den beobachteten Zuständen in den „durchschnittlichen“ KiTas bzw. genereller der Lebenssituation der Kinder in unserer „modernen“ Gesellschaft und dem in ihr vorherrschenden „geheimen Lehrplan“. Liest man das Buch durch diese Brille, hat es eine sehr spannende, eminent politische Dimension. Denn demnach geht es Renz-Polster (und Hüther) um nichts weniger als um eine umfassende Systemkritik, es geht um „das große Ganze“. Und dieses „große Ganze“ konfrontiert unsere Kinder heute zum Beispiel mit dem Problem, dass der Appell „Raus mit ihnen!“ vielerorts gar nicht so einfach umzusetzen ist, einfach weil es im weitgehend denaturierten „da draußen“ zu gefährlich ist und/oder weil die anderen Kinder fehlen, mit denen sie genau das tun könnten, was ihr natürlicher Entwicklungsplan vorsieht: spielen (und genau dabei unendlich viel lernen).

Und der „geheime Lehrplan“ wird in der Globalisierungsgesellschaft  vornehmlich von Inter-essensgruppen diktiert, „die mit Kindern eigentlich gar nichts zu tun haben“ bzw. nicht primär an der guten, natürlichen Entwicklung der Kinder, sondern an der Durchsetzung eigener, ökonomischer Interessen orientiert sind. Was nach Einschätzung der Autoren nicht nur dazu geführt hat, dass die Welt insgesamt in eine bedenkliche „Schieflage“ geraten ist, sondern nicht zuletzt auch die Eltern (und die Bildungseinrichtungen) mit einem Dilemma konfrontiert: Soll ein „Maximum an wirtschaftlich verwertbarer Leistung“ das Leitbild der Erziehungs- und Bildungsbemühungen sein, die Anpassung der jun-gen Menschen an die Bedürfnisse einer globalisierten Wirtschaft, deren Ziele aber klar im Konflikt stehen mit der Bildung im Sinne einer „gerechten Gesellschaft aus mündigen, verantwortlichen Bürgern“, die „der Persön-lichkeitsbildung genauso wie dem Gemeinwohl verpflichtet“ ist?

Für Renz-Polster und Hüther ist die Sache zumindest insofern klar, dass beim Versuch, „nun schon in den KiTas die Kampfbrigaden für den globalisierten Wettbewerb zu rekrutieren, … einfach vergessen [wurde], wie Kinder in Wirklichkeit lernen.“ Damit läuft das auf Funktionalität und Verwertbarkeit zentrierte Kinder- und Menschenbild einer business globalisation Gefahr, den „‘kindlichen‘ Kern der Kindheit, die unverhandelbare Voraussetzung einer gesunden Entwicklung“, aufs Spiel zu setzen. Für diesen Verlust der Kindheit – und damit in der Konsequenz eine ungesunde Entwicklung – ist aber ein Preis zu zahlen, der im Kapitel „Ist die Natur denn gefährlich“ sinnbildlich auf den Punkt gebracht wird: „Wenn heute jemand zu Schaden kommt, dann eher dadurch, dass er sich als Kind nicht die Knie aufgeschlagen hat!“

Das „Zurück zur Natur!“, für das Renz-Polster und Hüther schließlich folgerichtig plädieren, ist aber nicht plump und naiv im Sinne eines „Zurück in den Wald!“ zu verstehen (auch wenn die Waldpädagogik natürlich sehr positiv bewertet wird), sondern im Sinne eines wohlverstandenen, den heutigen Gegebenheiten Rechnung tragenden Zurück im Sinne einer „freieren, von den Kindern aktiv und selbsttätig mitgestalteten Sozialisation“.

Das alles könnte man als „nostalgisch“ oder „idealistisch“ kritisieren, aber ich meine, dass es ein sehr lesens- und bedenkenswertes, einfühlsames, sachlich fundiertes und zudem sehr gut lesbares Buch geworden ist, auch wenn der „neue“ Blick auf das kindliche Lernen, Fühlen und Denken – wenn man die Autoren beim Wort nimmt – eigentlich ein uralter ist.

Image of Wie Kinder heute wachsen: Natur als Entwicklungsraum. Ein neuer Blick auf das kindliche Lernen, Fühlen und Denken

Gerald Hüther, Herbert Renz-Polster: Wie Kinder heute wachsen: Natur als Entwicklungsraum. Ein neuer Blick auf das kindliche Lernen, Fühlen und Denken. Beltz 2016, Gebundene Ausgabe, 264 Seiten