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Die alte Kacke „Sexismus“ ist ganz frisch und dampft im Hier und Jetzt

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Eine vom Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch gemeinsam mit der EMMA herausgegebene Textsammlung zeigt verschiedene Facetten des beruflichen und alltäglichen Sexismus in unserer Gesellschaft auf. Gefordert wird ein Ende der überheblichen Selbstgenügsamkeit der Männer, in der Frauen, die nicht Objekte der männlichen Begierde sind, auch nicht vorkommen.
Mittwoch, 29. Mai 2013
Sexismus bei der DTM

Sexismus bei der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft 2012 | Foto: Taxi-Blog Torsten Bentrup. Creative Common Lizenz

„ES REICHT!“ brüllt es vom Titel des aktuellen Buches von Alice Schwarzer, das vor wenigen Wochen erschienen ist. Das Buch surft unzweifelhaft auf der Welle von #aufschrei sowie Brüderle-Skandal und argumentiert mit Erlebnis- und Hintergrundberichten gegen Sexismus im Beruf. In dem als EMMA-Buch auf den Markt geworfenen Konvolut sind zwanzig Texte versammelt, die bereits in Deutschlands dienstältestem Magazin für Frauen erschienen sind. Wer also die EMMA im Abo hat oder regelmäßig an den Kiosk um die Ecke pilgert, kann schon hier aufhören, weiterzulesen.

Allen anderen Lesenden bietet dieses Buch einen Einblick in die vielfältigen Dimensionen des Sexismus im Alltag von Frauen vorwiegend in Deutschland. Natürlich kommt #aufschrei-Initiatorin Anne Wizorek zu Wort, die noch einmal – zum wievielten Mal eigentlich? – über die Auslöser einer Skandalwelle spricht. Eine junge Journalistin schreibt darüber, dass Frauen in der Sexismus-Falle sitzen, weil die geschlechterspezifischen Rollenspiele selbstverständlich sind. Eine andere, dass Frauen selbst ständig in die „Sexy-Falle“ tappen und sich dabei selbst zu dem Objekt machen, zu dem sie so oft degradiert werden, um anschließend mit dem erhobenen Zeigefinger zu erinnern, dass Sexyness „am Ende vor allem eine Frage der Persönlichkeit“ sei. Es braucht kein Expertentum, um hier müde zu werden. Daher muss sich über diese einleitenden, an das Thema flach heranführenden Beiträge hinweglesen, wer zu den lesenswerten Beiträgen in diesem Sammelband vorstoßen möchte.

Sexismus im Beruf ist ein branchenübergreifendes Problem, bestätigt im Interview die stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten Michaela Rosenberger. Es gebe aber eine Berufsgruppe, die besonders von sexistischen Übergriffen betroffen ist: Housekeeping. Putzfrauen in Firmen und Hotels seien besonders angreifbar, weil ihre Dienste oft ausgelagert und die betroffenen Frauen meist allein tätig sind, erklärt Rosenberger. Sie können sich direkt an niemanden hilfesuchend wenden. Und auch mit der Bezeugung von verbalen und körperlichen Übergriffen ist es unter diesen Bedingungen schwierig. Beispielhaft wird dies vom Fall der Putzfrau Inge Schafhäuser unterlegt, die der bei einer Logistikfirma angestellten Michael Meier an einem Sonntagnachmittag in dem verwaisten Firmensitz zu einer „Runde Sex“ bewegen wollte.

Alice Schwarzer: Es reicht!

In einem beeindruckenden Beitrag (hier auch online) macht die als Zimmermädchen arbeitende Autorin Anna K. deutlich, wie dreist und unverhohlen Gäste weibliche Servicekräfte bedrängen. Von der direkten Anfrage, ob man nicht später noch mit auf das Zimmer kommen wolle, über die bitte an die Zimmermädchen, den Sexkanal einzustellen, bis hin zum nackten Empfang beim Servieren des Frühstücks ist alles dabei. „Wir sind die ideale Projektionsfläche für Fantasien aller Art … Doch ich muss all jenen Männern mit Zimmermädchenfantasien eine Illusion rauben: Niemand träumt von euch. Niemand!“ Noch in diesem Jahr wird das Hotelgewerbe und die Finanzelite wahrscheinlich ein mittleres Erdbeben erleben, wenn mit Stefanie Hirsbrunners Hotel Fünf Sterne ***** Reichtum, Macht und die Leiden einer jungen Hotelangestellten ein Buch erscheint, dass hinter die Kulissen des Luxus blickt, der offenbar alle ethischen und moralischen Grenzen niederreißt.

Was aber hilft gegen Sexismus im Beruf beziehungsweise ganz allgemein in der Gesellschaft? Hohe Geldstrafen offenbar nicht, denn wenngleich in den USA inzwischen sogar Entschädigungssummen von 95 Mio. Dollar bei sexueller Belästigung fällig werden, ist das Land „vom Paradies der sexismusfreien Verhältnisse … nicht minder weit entfernt als Europa“, wie die Journalistin Christiane Heil schreibt. Auch Schwedens „Staatsfeminismus“, von dem mit Mikael Krogerus der einzige männliche Autor in diesem Buch anerkennend schreibt, hat seine Tücken, weil er eine Gegenbewegung provoziert. Aber welche Bewegung ruft nicht eine Gegenbewegung hervor. Es lohnt sich, über diesen Staatsfeminismus näher nachzudenken, denn er hat zumindest dazu geführt, dass die Meinungsbildungskultur in Schweden nicht mehr wie in Deutschland „von einer Weltmännischkeit dominiert wird, die niemals zögert, niemals Fehler eingesteht, nie zweifelt, sich nie Unsicherheit und Ratlosigkeit eingesteht, niemals anderen Recht gibt.“

Die Welt, die Krogerus hier beschreibt, wird von der Wissenschaft „Homosozialität“ genannt und bildet die Atmosphäre, in der sich die Brüderles dieser Welt danebenbenehmen und sich anschließend noch über die Empörungskultur empören können. Da heißt es dann, Frauen fehle der Humor, sie verstünden keinen Spaß und seien zu empfindlich. Würde dieser „Tugendfuror“ zum Maßstab, drohe die Diktatur der Political Correctness, heißt es dann oft. Diesem Vorwurf setzt die Philosophin Petra Gehring einen klugen Beitrag entgegen, der Laura Himmelreichs Sternporträt des FDP-Politikers Rainer Brüderle mit der Beschreibung der Barszene ethnografisch, kommunikationstheoretisch und moralpolitisch seziert und die Kultur des Herrenwitzes als machtpolitische Leitkultur in unserer Gesellschaft herausarbeitet.

Denn schließlich geht es bei Sexismus nicht vorrangig um Sex. Sex ist nur das Thema an der Oberfläche. Es geht vielmehr um Macht. Sie ist das sehr viel wichtigere Thema, das unter der Oberfläche brodelt. In sechs Beiträgen erinnert der Band, dass dies auch schon in den 1990er Jahren erkannt und debattiert wurde. Dass wir es jetzt erneut tun müssen, zeigt, dass unsere Gesellschaft in der Anerkennung von Frauen nur ungenügend vorangekommen ist. Die alte Kacke „Sexismus“ ist ganz frisch und dampft im Hier und Jetzt. Es gibt daher noch viel zu tun. Wer das nicht glaubt, dem bietet dieses Buch Material, seine Ansicht zu überdenken.

Alice Schwarzer (Hrsg): Es reicht! Gegen Sexismus im Beruf. KiWi 2013. 176 Seiten. 8,99 Euro.

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