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Intellektuelle Faulheit

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Jeder sieht die Welt mit eigenen Augen. Dieses Prinzip hat Yanko Tsvetkov auf Landkarten angewandt. Entstanden ist dabei ein „Atlas der Vorurteile“ mit tiefgründigen Welt- und Denkbildern, die Klischees als unreflektierte Bequemlichkeiten entlarven.
Donnerstag, 18. April 2013
Atlas der Vorurteile 1

Man kann sich kaum bessere Zeiten vorstellen, um über Vorurteile zu diskutieren. Seit Monaten wird uns eingetrichtert, dass Griechen faul, Italiener notorische Sexisten und Briten unbelehrbare Insulaner seien. Arabischstämmige Personen müssen immer wieder als mutmaßliche Terroristen, Chinesen als skrupellose Markendiebe und Franzosen als weltfremde Intellektuelle herhalten. Und dass wir Deutschen auf Kosten des Auslands wachsen und die Welt totsparen, während sich unsere Rentner mit Hotelhandtüchern die besten Plätze am Pool reservieren, ist auch kein Geheimnis.

Ja, die lieben Vorurteile. Sie dienen dazu, die Welt leicht einzuteilen in Dualismen wie schwarz und weiß, gut und böse, hell und dunkel oder fortschrittlich und mittelalterlich. Man könnte diese Liste endlos fortsetzen oder aber unterstellte sowie tatsächliche Einzelphänomene, die zur Vorurteilsbildung gereichen, satirisch auf die Spitze treiben. Der Bulgare Yanko Tsvetkov hat dies für sein Projekt Mapping Stereotypes gemacht, das jetzt in Buchform unter dem vielsagenden Titel Atlas der Vorurteile erschienen ist.

Atlas der Vorurteile 2

Vorurteile sind ein kulturelles Gut, keineswegs wertfrei, aber doch auch prägend. Man kann sich ihnen kaum entziehen, weshalb Medien mit ihnen auch zielsichere Schlagzeilen produzieren können. Man kann mit Vorurteilen aber nicht erst heute Gesellschaftspolitik betreiben, sondern hat dies auch schon in der Vergangenheit gemacht. So sprachen vor der Renaissance Italiener, Deutsche und Polen von der „Französischen Krankheit“, Franzosen von einer italienischen Malaise, Holländer redeten von der spanischen Seuche, Russen führten eine polnische Krankheit ins Feld und osmanische Türken nährten die Mär einer „Christen-Krankheit“. In allen Fällen ging es um die weitverbreitete Krankheit der Syphilis. Tsvetkov führt dieses Beispiel an, um deutlich zu machen, wozu stereotype Haltungen führen: Sie übertragen Feindschaften und Sympathien auf sachfremde Phänomene, um damit Stimmung zu produzieren. Denn im Hintergrund tobte der Kampf des Heiligen Römischen Reiches gegen Frankreich, Holland wehrte sich gegen die spanische Herrschaft, Polen und Russland trugen zahlreiche Fehden aus und das osmanische Reich rüstete sich gegen die christliche Bedrohung aus dem Westen. Geschichten wie diese bilden den geistigen Hintergrund von Tsvetkovs Landkarten.

Dass diese bis ins Mittelalter zurückreichen, scheint kein Zufall. Die geistig-ideologisch geprägte Kartografie hat ihre Tradition im Mittelalter, wo Weltkarten wie die weltberühmte Ebstorfer Weltkarte im Sinne der ptolemäischen Tradition weniger dazu dienten, geografische Wirklichkeiten zu repräsentieren, sondern dem Zweck, eine Ordnung des bestehenden Weltbildes aufzuzeigen. Ihr Charakter ist ein geisteswissenschaftlicher, kein naturwissenschaftlich-geografischer.

Atlas der Vorurteile 3

Tsvetkov wendet dieses Prinzip auf die Gegenwartsgeografie an. Er bringt Weltbilder und Perspektiven zurück in die geografische Ordnung, die er damit zugleich etwas in das Chaos stürzt. Es ist eine ebenso anregende wie wahnwitzige Idee, stereotype Vorurteile von Menschen und Regionen zur Hand zu nehmen und diese als Momentaufnahmen auf Landkarten übertragen. Politisch korrekt ist das alles nicht, aber meist tiefgründiger, als die politische Wirklichkeit. Denn Tsventkov führt uns die verschiedenen Vorurteile vor Augen, indem er die Länder und Regionen mit ihnen gleichsetzt. Das entlarvt zum einen all jene, die diese (womöglich wider besseren Wissens) immer wieder verwenden und hält dem Betrachter den mahnenden Zeigefinger vor Augen, der sagt: „Es gibt mehr als dieses Klischee!“.

Die global vernetzte Gesellschaft zwingt uns dazu, klüger zu sein, denn Vorurteile entpuppen sich in dieser ziemlich schnell als „intellektuelle Faulheit“. Tsvetkovs überaus beachtenswertes Büchlein fängt in seiner federleicht-witzigen Tiefgründigkeit ein und lässt uns nachhaltig über die Wirkung von Stereotypen und Klischees in den verschiedenen Perspektiven nachdenken.

Yanko Tsvetkov: Atlas der Vorurteile

Yanko Tsvetkov: Atlas der Vorurteile. Knesebeck-Verlag 2013. 80 Seiten. 16,95 Euro.

Weitere Illustrationen von Vorurteilen finden sich auf der Homepage von Yanko Tsvetkov.