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André Kertész - Der intuitive Stilist

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„Technisch sind die Fotos makellos, und in der Komposition erkenne ich Dich nicht wieder.“ Der Berliner Martin-Gropius-Bau zeigt in der weltweit ersten Retrospektive das Gesamtwerk des in Ungarn geborenen Fotografen André Kertész.
Mittwoch, 22. Juni 2011

Siebzehnjährig gab Andor Kertész seinem fotografischen Werk intuitiv sein lebenslanges Leitbild vor, als er im Januar 1912 in sein Tagebuch notierte: „Ich versuche, in allem das Poetische zu entdecken". Im selben Jahr nahm der ungarische Fotograf mit einer unhandlichen Holzkamera eines seiner berühmtesten Bilder auf. Schlafender Junge ist bis heute eine Ikone der Fotografie. Als eine der ersten Aufnahmen, die überhaupt von Kertész bekannt ist, zeigt sich hier schon sein Gespür für die Komposition eines Bildes. Wie Linienverläufe und Formen einander beeinflussen und welche Wirkungen sie auf den Betrachter haben - Kertész sah dies wie kaum ein anderer. Schon in dieser frühen Fotografie wird das deutlich.

Schlafender Junge steht am Anfang einer biografischen Reise, auf die man sich momentan im Berliner Martin-Gropius-Bau begeben kann. Es ist eine Reise durch Zeit und Raum mit dem einzigartigen, in Ungarn geborenen Fotografen André (Andor) Kertész (1894 - 1985). Dessen Werk wird nun, ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod, erstmalig in einer Gesamtschau gezeigt.

André Kertész kam aus bescheidenen Verhältnissen. Sein Vater verdiente sich als fliegender Buchhändler, die Mutter betrieb ein Café, um den Unterhalt der fünfköpfigen Familie (Kertész hatte zwei Brüder, Imre und Jenö) aufzubessern. Oft war Kertész gemeinsam mit dem Vater unterwegs und machte dabei Aufnahmen in den Straßen Budapests und auf dem Land. 1915 wurde er einberufen, musste an die Front. Völlig überfordert von der Situation im Krieg wurde die Kamera zu seinem Schutzschild und besten Freund. Er fotografierte wie vom Wahnsinn gepackt, aber stets heimlich - schließlich war er zum Schießen und nicht zum Fotografieren einberufen worden. Seine Fotografien zeigen Abschied nehmende Familien, Briefe schreibende Soldaten oder eine Marschkolonne, die sich bis zum Horizont zieht (Langer Marsch).

Kertesz Unterwasserschwimmer 2

Schwimmer unter Wasser, Esztergom, 1917 | Silbergelatine-Abzug, Gedruckt in den 1980er Jahren, Bibliothèque nationale de France

Aufgrund einer Kriegsverletzung musste er sich 1917 in Esztergom einer Physiotherapie unterziehen. Zahlreiche Aufnahmen entstanden in der ländlichen Idylle. In Erinnerung geblieben ist jedoch eine Aufnahme, welche er am Schwimmbecken der Heilanstalt machte. Die Fotografie Unterwasserschwimmer lebt vom Licht- und Schattenspiel der Sonne auf der unruhigen Wasseroberfläche, welches dafür sorgt, dass der Kopf des Tauchenden im Bild verschwindet. Wegen der empfindsamen und akkuraten Bildkomposition ist diese Fotografie von einzigartiger Qualität. Kertész muss in der Situation das Gespür für die richtige Perspektive und den richtigen Moment erkannt haben, denn die Elemente auf der Fotografie wirken wie angeordnet. Der Schwimmer bildet die das Bild akkurat durchtrennende Diagonale, seine Füße sind noch eben vollständig über den linken Bildrand gerutscht, vor den Händen ist noch etwas Platz, die Tauchrichtung andeutend - die gesamte Haltung des Schwimmers erinnert an einen abgeschossenen Pfeil.

1919 kehrte Kertész aus dem Krieg zurück. Es war eine Rückkehr in die Arme der geliebten Familie, deren Mitglieder nun häufig auf seinen Fotografien zu finden sind. 1921 entstand Der blinde Musikant, ein weiterer Beleg für Kertész Gespür, wann er auf den Auslöser zu drücken hatte. Ein halbes Jahrhundert nach der Aufnahme erinnerte sich Kertész an die Situation mit folgenden Worten:

Ich habe das Foto an einem Sonntag gemacht; die Musik hatte mich geweckt. Dieser blinde Geiger spielte so schön, dass ich den Klang noch genau im Ohr habe. Vielleicht wäre er ein großer Geiger geworden, wenn er in Budapest oder Wien, und dann in einer anderen Familie, zur Welt gekommen wäre.

Flucht nach Paris - Eine Selbstfindung

Kertesz Satirische Tänzerin

Satirische Tänzerin, 1926 | Silbergelatine-Abzug, Gedruckt in den 1950er Jahren, Bibliothèque nationale de France

Die Nachkriegszeit in Ungarn war für einen jüdischen Künstler, selbst wenn er wie Kertész immer wieder seine Areligiosität betonte, eine Unzeit. Die ohnehin schon rare Auftragslage verschlechterte sich für Kertész durch den aufkeimenden europäischen Antisemitismus, der auch in Budapests Kunstszene zu spüren war. Kertész sah sich gezwungen, Ungarn zu verlassen. Ausgerechnet er, der außer dem Ungarischen keine andere Sprache beherrschte und auch künftig nicht beherrschen sollte, musste Ungarn verlassen.

Einzig mögliches Ziel schien ihm Paris, in den Zwanzigern neben Berlin die pulsierende Metropole Europas. Hier hatte sich bereits eine beachtliche ungarische Künstlergemeinschaft gebildet, der er sich anschließen konnte. Fast täglich traf er nun ungarische Künstlerfreunde wie Fernand Léger, László Moholy-Nagy, Lajos Tihanyi, Sandor Marai, Magda Förstner, Helén & Géza Blattner, Brassaï u.v.m. Zahlreiche Fotografien aus der Zeit belegen das rege gesellschaftliche Leben der ungarischen Exilanten in Paris. Einigen dieser Freunde begegnet der Ausstellungsbesucher im Laufe der Ausstellung wieder, etwa die Tänzerin Magda Förstner in der Aufnahme Satirische Tänzerin oder den taubstummen Filmemacher Lajos Tihanyi, der auf dem Porträt von Kertész symbolhaft eine Rauchfahne ausstößt.

Die neuen Perspektiven in Paris forderten ihn heraus. Die endlosen Blicke über die von Schornsteinen gesäumten Dächer, die weiten Boulevards, die zahlreichen Vogelperspektiven, die sich ihm boten, die Vielfalt neuer Formen und Linienverläufe in der Pariser Architektur, das pulsierende Leben, die ständige Bewegung - all das führte dazu, dass er seinen Stil in den ersten Pariser Jahren perfektionierte. Sein Bruder Jenö schrieb ihm schon 1926, nachdem er einige der neuen Fotos begutachten konnte:

Als wir Abschied nahmen, warst Du unsicher; es mangelte dir an Selbstvertrauen und Individualität; vieles war Imitation. Nun macht nicht mehr allein die Kamera die Bilder, sondern das Objektiv fängt ein, was Du aufnehmen willst ... ich weiß nicht einmal, wie Du es gemacht hast. Technisch sind die Fotos makellos, und in der Komposition erkenne ich Dich nicht wieder ... Offenbar hast Du ein Jahr der quälenden Sorge ums tägliche Brot gebraucht, um innerlich unabhängig und gefestigt zu werden.

Kertesz Selbstporträt

Selbstportrait, Paris, 1927 | Silbergelatine-Abzug, Gedruckt in den 1970er Jahren, Courtesy Estate of André Kertész, New York

Kertész's Pariser Straßenszenen, die im Gropiusbau zu sehen sind, erinnern an den Flaneur Eugène Atget, denn auf ihnen wird die kompositorische Formstrenge, die die Fotoarbeiten des Ungarn bisher prägten, in den Hintergrund gedrängt. Erst 1926 kehrten auch die geografischen Perspektiven wieder zurück in Kertész Fotografie, die nun die surrealen, kubistischen und abstrakten Kunstrichtungen verband. Insbesondere die Verbindungen zu Künstlern wie Piet Mondrian, Ossip Zadkine, Fernand Léger und Alexander Calder scheinen dies unterstützt zu haben.

Seine Fotografie war nicht mehr nur beobachtend, sondern erzählend. Kertész löste das zu Fotografierende aus der Realität heraus und schuf eine neue, bisher unbekannte Wirklichkeit (Mondrians Brillen und Pfeife, Paul Armas Hände, Die Gabel, Eiffelturm). Spätestens 1928 hatte André Kertész seinen Stil gefunden, eine eigene, flaneurhafte Straßenfotografie, die sich mit perfekter Bildkomposition verband. Die Aufnahmen Place de la Concorde, Zerbrochene Scheibe oder Pont des Arts durch die Uhr des Institut de France belegen dies eindrucksvoll. Zu Beginn der Dreißiger Jahre zog außerdem das Experimentieren mit Licht und Schatten stärker als zuvor in sein fotografisches Werk ein. Diese Effekte verwendet er nicht nur, um sein Spiel mit Linien und Formen auf die Spitze zu treiben (Schatten des Eiffelturms, Stühle am Medici-Brunnen, Champs-Élysées, Montmartre), sondern um Dinge sichtbar zu machen, die sonst unsichtbar bleiben (Der Schattenmaler, Selbstporträt 1927)

Freier Fall - Kertész und Amerika

Kertesz Melancholische Tulpe

Melancholische Tulpe, New York, 1939 | Silbergelatine-Abzug, Gedruckt ca. 1980, Courtesy Bruce Silverstein Gallery

1936 floh André Kertész erneut vor dem heraufziehenden Krieg. Doch so richtig, wie 1925 seine Ankunft in Paris war, so falsch war damals das Ankommen in Amerika. Die Eindrücke des Gigantischen und Monumentalen überforderten ihn völlig, so dass sich Kertész schnell isoliert fühlte. Unterstützt wurde dieses Gefühl der Fehlplatziertheit von der Tatsache, dass seine Fotografie nicht dem amerikanischen Trend der die Sensation suchenden Fotoreportage entsprach. Während sein Landsmann Robert Capa - der von ihm in Paris, wie übrigens auch Brassaï, das fotografische Handwerk gelernt hatte - mit seinen Reportagen von Großereignissen reüssieren konnte, erhielt Kertész zunächst so gut wie keine Aufträge.

Als er 1939 endlich von Life den Auftrag bekam, eine Reportage über den New Yorker Hafen zu machen, stürzte er sich in die Arbeit. Doch keines seiner über 200 eingereichten Fotos wurde gedruckt. Der Life-Redakteur habe gesagt, so erinnerte sich Kertész Jahre später, dass seine Bilder „zuviel reden" würden. Welch bittere Ironie: Er, der mit seinen Fotos Geschichten zu erzählen vermochte, weil er Emotionen und Befindlichkeiten ins Haptische übersetzen konnte, wurde kritisiert, weil seine Bilder zuviel redeten. Seine Enttäuschung muss gigantisch gewesen sein. Sie fand Eingang in sein Werkarchiv im Bild der Melancholischen Tulpe.

Was folgte, war eine jahrelange Durststrecke. 1945 nahm Kertész schließlich eine Anstellung beim Magazin House & Garden an, um sein Einkommen zu sichern. Er blieb dort bis 1962, „lebendig begraben", wie er später sagen wird. In dieser Phase findet er kaum Muße, sich dieses fremde Land mit der Kamera anzueignen.

Erst sein Bruder Jenö holte ihn 1962 aus der Lethargie. Mehr als 30 Jahre hatte er dessen Stimme nicht mehr gehört und als er ihm seinen Zustand geklagt hatte, entgegnete ihm dieser:

„Du bist immer noch André Kertész. Du bist immer noch der größte Fotograf der Welt."

Wie ein Weckruf muss dieser Anruf auf den Fotografen gewirkt haben, denn Kertész kündigte daraufhin bei House & Garden und stürzte sich wieder in seine eigene kreative Arbeit. 1964 wird ihm in der Pariser Nationalbibliothek eine Einzelausstellung gewidmet. Zwei Monate wird er als ein in den USA verfemtes Genie gefeiert. Nach der Pariser Schau hatte Kertész auch in den USA immer mehr Erfolg.

Kertesz Washington Square

Washington Square, 9. Januar 1954 | Silbergelatine-Abzug, Vintage Print, Sammlung Leslie, Judith und Gabrielle Schreyer

Kertész's Amerikafotos zeugen davon, dass er sich dieses Land in all den Jahren einzig über die Geometrie hatte erobern können. Sein in Paris perfektioniertes Spiel mit Formen und Linien, Licht und Schatten übertrug er auf die amerikanischen Strukturen. Seine Aufnahmen von Schornsteinen Mitte der 60er Jahre wirken wie Kopien der Fotos über den Pariser Dächern aus den 30er Jahren, sein Abzug mit dem Titel West 134th Street legt den Vergleich mit Schatten des Eiffelturms nahe.

Nach dem Tod seiner geliebten Ehefrau Erzsébet wurde es zwar nicht völlig ruhig um den Ungarn, aber es legte sich ein Schatten über sein Leben und seine Fotografie. Über die Beziehung zu seiner Kamera sagte André Kertész einmal: „Die Kamera ist mein Werkzeug. Mit ihrer Hilfe mache ich alles um mich herum sinnvoll." Kann man daraus ableiten, dass der Sinn eines Bildes und damit auch die Empfindungen des Fotografen im Bild selbst auffindbar sein müssen? Wenn dies möglich ist, dann bezeugen die letzten Bilder der Retrospektive diesen Schatten. Dann sind sie Dokumente seiner Einsamkeit nach Erzsébets Tod, wie auch des tief empfundenen Alleinseins, welches Kertész im amerikanischen Exil niemals abgelegt hatte.

Kertesz Titel Quer

Die Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau ist noch bis zum 11. September 2011 zu sehen. Der Katalog ist erschienen bei Hatje Cantz.

* Die hervorgehobenen Zitate sind folgendem Buch entnommen:

Kati Marton: Die Flucht der Genies. Aus dem Englischen von Ruth Keen. Neun ungarische Juden verändern die Welt. Eichborn 2010. 390 S. 32,- Euro.