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Abgründige Phatasmagorien

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Stelios Faitakis transportiert mit seinen gesellschaftskritischen Malereien die Ikonenmalerei in die Moderne und löst sie aus dem religiösen Kontext. Ein Bildband versammelt nun erstmals die unter die Haut gehenden Werke des griechischen Künstlers.
Mittwoch, 4. April 2012
Faitakis 1

Sie tragen Palästinensertuch oder Gasmaske, Schlagstock oder Langhammer, und auf ihren Schultern sitzen winzige Flügel; die Erzengel der Moderne. Diesen Reitern der neuzeitlichen Apokalypse, die der Grieche Stelios Faitakis mit einem güldenen Heiligenschein versehen hat, steht die Wut ebenso ins Gesicht geschrieben wie die Sorge. Wofür stehen sie? Für Krieg und Vernichtung; für Rebellion und Überlebenswille; für den Nahostkonflikt und den Atomkrieg? Faitakis Bilder geben viele Rätsel auf und konfrontieren den Betrachter zugleich mit den Schrecken der Moderne.

Im vergangenen Jahr gestaltete Stelios Faitakis den neoklassizistischen Pavillion Dänemarks auf der 54. Biennale in Venedig und sorgte damit für Aufsehen. Eine gigantische Szenerie, die ebenso mit der Geschichte wie mit der Gegenwart spielt und im Stile klassischer Ikonenmalerei ausgeführt war, prägte die Front des Pavillons. Zu sehen waren verschiedene Szenen, die man zu sechs Themenkomplexen zusammenfassen kann. Fragen der Zensur und Pressefreiheit, der Unterdrückung und der Menschenrechte, der Ausbeutung und dem politischen Missbrauch von Intellektuellen, des Nationalsozialismus und des Faschismus, des Kapitalismus und des Konsumismus, der Industrialisierung und der Globalisierung behandelte er in dem fast 5 x 20 Meter großen Fries einer düsteren Moderne.

Faitakis 2

Ihr gilt Faitakis Aufmerksamkeit und Engagement, an ihr und ihren Phänomenen arbeitet er sich ab, Ikone für Ikone. Sein Stil ist bislang einzigartig, denn er konfrontiert diese Phänomene der Moderne aus einem kritischen Blickwinkel nicht nur mit dem Stil der klassisch byzantinischen und griechischen Ikonenmalerei, sondern auch mit ihren Motiven – und damit auch mit religiösen Anspielungen. Da hat Mao schon mal einen angedeuteten Heiligenschein oder es flattern engelartige Wesen durch die Szenerie. Es ist schwer zu entscheiden, ob Faitakis sich dieser Symboliken nur bedient oder ob er sie bedient – oft bleibt es der Deutung des Betrachters offen. Es ist die irrwitzige Konstruktion seiner Malerei, diese verrückte Dekonstruktion der Gegenwart mit den Mitteln der Vergangenheit, die den Betrachter einfängt und nicht mehr los lässt.

In seinen verschiedenen Bilderzyklen berücksichtigt der politische, den kreativen Globalisierungskritikern zuordenbare, linke Grieche soziale Missstände ebenso wie politische Bedenklichkeiten. Da kommt der Kapitalismus als die Menschen verschlingende Maschine daher, die vorne per Radladerschaufel Arbeitskräfte verschlingt und hinten ausgemergelte Gestalten entlässt. Und in der Mitte der Maschine prangt das Antlitz von Barack Obama; darunter steht No Hope.

Faitakis 3

Faitakis will mit seinen Bildern vor allem erschüttern und aufrütteln. Welcome to the Future konfrontiert uns mit prügelnden Sicherheitsbeamten, mit revoltierenden Jugendlichen, mit die Tristess des Alltags wegtrinkenden Arbeitern und einem arabischen Tuareg, der als Sensenmann auf einer Ratte vom Himmel stürzt. Im Zentrum der Bildungsbürger (oder der Kapitalist), der auf alles hinabschaut - desinteressiert und kühl. Martialische Waffen prägen die Szenerie, wohin man auch schaut. Das Bild Kakerlaken sind die Zukunft etwa spielt auf den drohenden atomaren Supergau an, der alles vernichtet – und am Ende bleiben die Kakerlaken. Den Turmbau zu Babel ahmt er in einer bildlichen Hommage an Aldous Huxley nach, indem er eine dystopische Metropole aufs Papier gezwungen hat, in der Menschen auf Laufbändern in das Hamsterrad des Kapitalismus geführt und auf gigantischen Monitoren private Szenen verbreitet werden. Sein Gemälde Socrates drinks the Conium erinnert an die niedergeknüppelten Rebellionen der Moderne, die Reihe What a great day bedient sich verschiedener religiöser und mythologischer Motive (Die Trompeten von Jericho, vermeintlich erlösende Erzengel, apokalyptische Seancen, den Sensenmann), um Missstände der Gegenwart deutlich zu machen.

Faitakis spielt mit den religiösen Narrativen, führt sie ins Absurde und bedient sich ihrer in seiner Kritik – um die Moderne an die Mythen der Welt anzuschließen. Dabei leiht er sich Szenerien bei Pieter Bruegel den Älteren oder Hieronymus Bosch aus, lehnt sich an den Stil der Neuen Sachlichkeit, des deutschen Expressionismus und des sozialistischen Realismus an, bedient sich der Street Art und der Grafittikunst und erzählt seine Geschichten auch in Seancen, die wir aus der Comicliteratur kennen. Faitakis Kunst ist ein Welttheater, das uns durch die Kunstgeschichte rauschen und hart in der Gegenwart aufschlagen lässt.

Faitakis 4

Seine Werke sind dystopisch, düster und pessimistisch, sie atmen den Geist von George Orwell und Aldous Huxley. Die Figuren sind die Opfer und Täter einer den Menschen vernichtenden Moderne. In jedem Strich klingt die Apokalypse an; aber nicht im biblischen Sinne. Er spielt hier auf die Verhältnisse einer modernen Welt an, die die Menschheit tagtäglich aus Spiel setzt und monetären Regeln unterordnet.

Aus der Ferne wirken diese Bilder tatsächlich wie religiöse Ikonen, tritt man näher heran, drängt sich dem Betrachter die Gewalt der Moderne auf den Leib. Albtraumhafte Bilder mit gruseliger Anziehungskraft erzählen vom Klimawandel, dem Dogmatismus, der Ausbeutung der Arbeitskraft, der Folter, dem Krieg und dem Auseinanderfallen der Gesellschaft. Aber so anziehend wie diese Bilder in ihrer glänzenden Farbenpracht sind, mit soviel Vorsicht sollten sie auch angesehen werden – denn in ihnen ruhen die Abgründe der Moderne.

Faitakis Cover

Stelios Faitakis: Hell on Earth. Mit englischsprachigen Essays von Katerina Gregos und Nadja Argyropoulou. Gestalten 2012. 160 S. 39,90 Euro.

Weitere Informationen zu Stelios Faitakis finden Sie auf der Website thebreeder.com.