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300 Jahre Rousseau – 300 Jahre Tausendsassa

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„Nichts ist mir so unähnlich wie ich selbst, so dass es sinnlos wäre, mich anders als durch meine Mannigfaltigkeit definieren zu wollen.“ Diese Passage hatte der Philosoph, Musiker und Aufklärer Jean-Jacques Rousseau zwar nicht auf sich selbst gemünzt, sie passt aber wie kaum eine andere auf den politischen, gesellschaftlichen und moralischen Denker aus Genf, der heute 300 Jahre alt werden würde.
Donnerstag, 28. Juni 2012
Jean-Jacques Rousseau

Porträt des Jean-Jacques Rousseau von Allan Ramsay (1766) | National Gallery of Scotland

Wer war Jean-Jacques Rousseau? Vater des Gesellschaftsvertrags, Gründer der Naturphilosophie, Autor des Bildungsromans Emile oder über die Erziehung, der Öko-Kommunen-Vorlage Die neue Heloise sowie der erst posthum veröffentlichen Bekenntnisse. Rousseau war Enzyklopädist, streitbarer Aufklärer, Morallehrer und eitler, nie verfehlter Missverstandener. Der deutsche Literaturwissenschaftler Joseph Vogl bezeichnete den Vordenker der Moderne im Spiegel-Interview als „intellektuellen Projektemacher“ und verglich ihn mit einem Brühwürfel, der, löst man ihn auf, das ganze 18. Jahrhundert in die Suppe bringt.

Dieser denkschreibende „Brühwürfel“ wird anlässlich seines "Tricentanaire" von seiner Heimatstadt Genf gefeiert wie ein Star. Rousseau pour tous, also „Rousseau für alle“ lautet das Motto eines umfangreichen Jahresprogramms mit Musik, Theater, Empfängen, Kolloquien u.v.m. Dabei waren es die calvinistischen Oberen der Stadt, die den spät Zurückgekehrten erneut vertrieben, weil Rousseau in Emile die Offenbarungsreligionen scharf angriff und sich stattdessen für eine Philosophie der Erkenntnis und Moral aussprach, in der das eigene Gewissen die wesentliche Rolle einnimmt. Diese Erkenntnis führte ihn zum ersten Satz seines Gesellschaftsvertrags, der zur Parole aller Revolutionäre wurde: „Der Mensch wird frei geboren, und überall ist er in Ketten.“

Eine Idee von Rousseaus Bedeutung zu seiner Zeit bekommt man bei der Lektüre des Geheimen Tagebuchs des Herzogs von Croÿ, welches Hans Pleschinsky im vergangenen Herbst in einer wunderbaren Übersetzung vorgelegt hat. Emmanuel Herzog von Croÿ stammte aus einer alten adligen Familie und führte im 18. Jahrhundert heimlich ein Tagebuch, in dem er sich als bemerkenswerter und aufmerksamer Chronist seiner Zeit beweist. Darin schreibt er mit skeptischem Blick auf die Wirkung des Schweizer Denkers:

Der Geschmack an der Naturphilosophie und ein Geist des toleranten Materialismus breiteten sich aus; die Werke Rousseaus und Voltaires gewannen nur allzu viele Anhänger. Daraus entwickelte sich ein mächtiger Tolerantismus, der das Kernprinzip zu sein schien. Dieses Prinzip zeigte sich als eine Art von Gleichgültigkeit gegenüber allem.

Später suchte Croÿ Rousseau in seiner Pariser Wohnung in der Rue Plâtrière auf und zeigte sich beeindruckt von der wohlwollenden und zwanglosen Begegnung: „Nichts wirkt gekünstelt…“ Was den jungen Herzog von Croÿ aber zu irritieen schien, waren Rousseaus später Verfolgungswahn und Abwendung von seinen Freunden und Bekannten, aber auch dessen Verwurzelung im Religiösen. In seinen Aufzeichnungen erinnert sich der Herzog an eine Diskussion über Atheismus:

Er sagte, er habe nie verstanden, wie man Atheist sein könne. Dass es derzeit insgeheim allerdings eine Menge Ungläubiger gebe, weil man nämlich nicht mehr empfinden und in sich gehen wolle.

Rousseau - Wandler zwischen Genie und Wahnsinn

Ist dieser gläubige, wenngleich niemals metaphysische Rousseau tatsächlich derselbe, der die religiöse Legitimation staatlicher Gewalt per Federstrich für unwahr und politisch falsch abgetan und sich damit der Verfolgung durch Staat und Kirche ausgesetzt hatte? Ist es der Rousseau, der mit seinem „Gesellschaftsvertrag“ ebenso die Blaupause der modernen Demokratie als auch aller autokratischen Regime entworfen hat? Ja, es ist der gleiche Denker. Nicht umsonst beschreibt ihn der Historiker Philipp Blom in seiner Abhandlung über die Enzyklopädisten Böse Philosophen als „ambivalente Figur“, als „selbstbesessenen und sich selbst zerfleischenden Geist“. Dieser Geist hatte es vor allem am Ende seines Lebens darauf angelegt, alles vorhergehende zu zerstören.

Rousseau Akademie Dijon

Rousseau stellte in seinem "Discours sur les sciences et les arts" dar, dass die Wissenschaften nicht zur Läuterung der Sitten beigetragen haben.

An der Wirkmächtigkeit seines Werkes ändert das freilich wenig. Immanuel Kant ergriff bei der Lektüre von Rousseaus zentralen Werken, dem Gesellschaftsvertrag und Emile oder über die Erziehung, die Erkenntnis, dass der Mensch zu ehren ist. „Rousseau hat mich zurecht gebracht“, schrieb er 1762 in sein Tagebuch. Moses Mendelssohn war nachhaltig von Rousseaus Kritik an der Ungleichheit der Menschen beeindruckt, tauschte sich mit Gotthold Ephraim Lessing über Rousseaus Schriften aus. Der Vatikan setzte die Schriften des Genfer Aufklärers stets auf seinen Index der verbotenen Bücher – eine Auszeichnung, denn kaum ein lesenswertes Buch von Weltrang wurde nicht von der katholischen Kirche verboten. Der jahrzehntelange Weggefährte Dennis Diderot wollte selbst nach Rousseaus Abwendung von ihm nicht an dessen Bedeutung zweifeln. Gefragt, warum er dennoch obsessiv Rousseau lese und über ihn schreibe, soll er geantwortet haben:

Fragen Sie einen enttäuschten Liebhaber nach dem Grund seiner hartnäckigen Anhänglichkeit zu einer untreuen Frau, und sie werden etwas erfahren über die hartnäckige Anhänglichkeit eines Literaten für einen anderen Literaten von großem Talent.

Diderot war es auch, der Rousseau wohl zu seinem größten Erfolg zu Lebenszeiten verholfen hat, zum Preis der Akademie von Dijon. Angeregt durch eine Diskussion mit Diderot, als er diesen im Gefängnis von Vincennes besuchte, beantwortete er die Preisfrage der Akademie, ob die Wiederherstellung der Wissenschaften und Künste zur Läuterung der Sitten beigetragen habe, mit einem bemerkenswerten soziopolitischen Essay. Diderot regte ihn an, einen Text einzureichen, in dem er eine Position einnimmt, die garantiert kein anderer Bewerber vertreten würde, nämlich dass der Fortschritt der Zivilisation nicht positiv, sondern negativ sei. Entsprechend preist Rousseau in seinem Text zunächst Künste und Wissenschaft, um dann aber darauf abzuheben, dass diese die tiefe moralische Dunkelheit des Menschen nur überdecken würden:

Unsere Seelen sind in dem Maße verdorben, in dem unsere Wissenschaften und Künste vollkommener geworden sind.

Er appellierte an eine Rückkehr zur Natur (was ihn heute zum Urvater des Schlagworts „Zurück zur Natur“ werden lässt), weil sich der Mensch mit Kultur und Wissenschaft von sich selbst entferne. Diese Auffassung von der Beschädigung der Gesellschaft durch eine unmoralische Wissenschaft und Kunst klingt nach tiefstem Katholizismus. Die PID-Debatte ist nicht allzu lange her und wenn selbsternannte Lebensschützer durch unsere Straßen ziehen und Frauen das Selbstbestimmungsrecht absprechen wollen, dann berufen sie sich auch auf diesen Rousseau. Dabei wollte Rousseau doch eigentlich „die Menschen so nehmen, wie sie sind.“ Auch dies einer der Rousseau’schen Widersprüche.

Später bereute Rousseau seine Argumentation, sprach davon, dass er „von dem Moment an verloren“ gewesen sei, als er diesen Vortrag gehalten habe. Ist es das, was Rousseau meinte, als er in seinen Bekenntnissen die Ausschreibung der Akademie als eine Art Erweckungsmoment beschrieb: „Im Augenblick, als ich dies las, sah ich eine andere Welt, und ich wurde ein anderer Mensch“? Wie ist diese „andere Welt“ zu verstehen? Viele meinen, er habe damit auf die blitzartige Erkenntnis angespielt, die Paradoxien der Gesellschaften seiner Zeit vor Augen gehabt zu haben. Genau weiß man es nicht.

Philosophische Briefwechsel über Aufklärung, Erziehungsfragen und Religionen

Henning Ritter: Briefe Rousseau

Unabhängig davon hat es dieser Satz auf den Titel des von Henning Ritter herausgegebenen Bandes philosophischer Briefe geschafft. Ich sah eine andere Welt präsentiert zwanzig ausgewählte Briefwechsel von Jean-Jaques Rousseau mit bedeutenden Persönlichkeiten seiner Zeit, die der ehemalige FAZ-Redakteur für Geisteswissenschaften Henning Ritter aus der mehr als 40 Bänden umfassenden Korrespondenz ausgewählt und übersetzt hat. Er will mit den Briefen, in denen sich Rousseau über Erziehungsfragen, die Aufklärung und seine Positionen zu den Religionen äußert, das „Drama der religiösen und philosophischen Spannungen“ von Rousseaus Zeit nachvollziehbar werden lassen.

Der von Henning Ritter präsentierte Rousseau beweist sich an vielen Stellen als Humanist im besten Sinne. Sein Dasein begründet er darin weltlich, zeigt sich aber der Existenz gegenüber religiösen Mythen sehr offen und tolerant, ohne diesen aber eine politische Funktion zuzugestehen. So schreibt er etwa an Voltaire:

Die großartigste Vorstellung, die ich mir von der Vorsehung machen kann, die wäre, dass jedes vernünftige und empfindende Wesen im Verhältnis zu sich selbst auf die bestmögliche Weise eingerichtet ist, mit anderen Worten, dass es für den, der sein Dasein fühlt, besser ist, zu existieren als nicht zu existieren.

Voltaire seinen naiven Glauben an eine Unsterblichkeit der Seele eingestehend macht Rousseau aber zugleich auch deutlich, dass derlei Fragen religiöser oder mystischer Positionierung des Einzelnen nicht zum allgemeinen Gut erwachsen dürfen.

Wie sie bin ich darüber erzürnt, dass der Glaube eines jeden nicht die vollkommenste Freiheit genießt und der Mensch es wagt, das Innerste des Gewissens, in das er doch nicht eindringen kann, zu überwachen, als ob es von uns abhinge, an Dinge, für die es keinen Beweis gibt, zu glauben oder nicht zu glauben, und als ob man die Vernunft jemals der Autorität unterwerfen könnte. … Wenn ein Mensch dem Staat redlich dient, schuldet er niemandem Rechenschaft darüber, wie er Gott dient.

Die Idee eines säkularen Staates, in dem Staat und Kirche getrennt voneinander existieren, zugleich aber ein möglichst hohes Maß an weltanschaulicher Toleranz herrscht, nimmt Rousseau hier vorweg – wohl auch, weil er sich selbst nie vollkommen von einer wie auch immer gearteten Religiosität distanzierte. Vielmehr verbot er sich und anderen das Spotten über Religion, wie es in den Pariser Salons kultiviert wurde - was ihm zahlreiche Konflikte einbrachte.

Henning Ritters Zusammenstellung der Briefe ist ein literarischer Schatz des philosophischen Diskurses. Aus der Lektüre der Briefe wird das Denken, Umdenken und Neudenken von Positionen und Ansichten deutlich, wie es nur im Dialog entstehen kann. Die Auseinandersetzung mit dem Gegenüber ist es, die Rousseaus Theorien haben entstehen lassen, wobei – dies muss angemerkt sein – er sich nicht als Wendehals und Anpasser beweist, sondern als prinzipientreuer Moralist, der Erkenntnissen und Auseinandersetzungen gegenüber aufgeschlossen ist.

Die intellektuelle Auseinandersetzung im Dialog

Intellektueller Salon

Ausschnitt aus "La Lecture chez Madame Geoffrin", Gemälde von Anicet Charles Garbriel Lemonnie | wikimedia commons

Es wird ein Dialog sichtbar, der sich zwischen grundsätzlicher Offenheit und persönlichem Rückzug bewegte und wie er auch schon in von Croÿs Aufzeichnungen seiner Begegnung mit Rousseau aufleuchtete. In seinen Briefen tat Rousseau genau das, was er als öffentliche Person und Schreiber nicht mehr wollte: Zeugnis ablegen. Hier greift er die Kritik an seiner Person und das Infragestellen seiner Haltungen auf und ging in die Argumentation.

So hat er etwa den Autokraten und Diktatoren in seinen Briefen an die Tugend jede Berufung auf seinen Gesellschaftsvertrag versucht, aus der Hand zu nehmen, als er schrieb, dass man „die bürgerliche Ordnung von ihren Missbräuchen unterscheiden“ müsse. Nur weil sie missbraucht werden könne, sei sie nicht grundsätzlich schlecht. Der Versuch ehrt ihn, aber wie Michel Crépu zu Recht bemerkt, gibt es „etwas von Rousseau hinter dem Nazismus, ebenso wie hinter den Roten Khmer.“ Rousseau ist derjenige, der mit seiner Loslösung der Freiheit von der Moral „die totalitäre Maschine in Gang setzte“, meint Crépu. Das Maximum an Freiheit führt eben auch zu einem Maximum an Tyrannei. „Das zu leugnen hieße, den entscheidenden Widerspruch Rousseaus zu verfehlen.“

Den religiösen Eiferern nahm Rousseau das Argument, dass der Glaube an ein göttliches Wesen notwendig sei, um Gutes zu tun. All jenen, die eine wie auch immer religiös motivierte Moral als unentbehrlich für ein friedliches Zusammenleben ansahen, hielt Rousseau die rote Karte vor. „Das Gesetz, Gutes zu tun, wird aus der Vernunft selbst gewonnen; und der Christ braucht nichts als Logik, um tugendhaft zu sein.“

Teilweise waren die Anlässe der Briefe profaner Natur, dabei aber nicht minder lesenswert. Dem deutschen Prinz Ludwig Eugen von Württemberg gab er brieflich Erziehungsratschläge, weil dieser seine Tochter nach den in Emile niedergelegten idealen erziehen wollte. Den Geschäftsmann Pierre-Alexandre Du Peyrou bat er um finanzielle Unterstützung, in Gegenleistung gab er Botanikstunden. Seiner großen Liebe Sophie d’Houdetot machte Rousseau briefliche Aufwartungen und Komplimente, wissend, dass es vergebens ist, aber in tiefer Verbundenheit für die gemeinsamen Stunden.

Bei aller Kritik am Dogmatismus, ob religiös oder atheistisch, hält Rousseau in seinen Briefen seine Religiosität nie zurück. Die Welt und ihre Entstehung erklärt er sich auf die ihm am ehesten begreifbare Art, als Schöpfung. Alles andere überstieg seinen Verstand.

Damit war er nicht der Einzige. Schon Philip Blom präsentierte in seinen Bösen Philosophen einen verzweifelten Enzyklopädisten, Thiry Holbach, der vor den Zeichnungen für die botanischen Enzyklopädie-Artikel weinend zusammengebrochen sein soll:

All diese Schönheit, begann der Baron [Holbach; A.d.A.] wieder und zeigte auf die detailgetreu wiedergegebenen Blumen, Blätter, Blüten und Fruchtknoten, all diese Schönheit muss doch der Beweis einer höheren Intelligenz sein! Diderot sah ihn einfach an, ohne zu antworten, woraufhin Holbach weinend zusammenbrach.

Die an das Ende der Zusammenstellung gestellten Briefe an David Hume (mit dem er sich komplett überwarf), den Marquis de Mirabeau und Laurent-Aymon de Franquières machen deutlich, dass Jean-Jacques Rousseau mitnichten Atheist war. Vielmehr verurteilte er all jene, die sich bewusst von einer Verbindung von Mensch, Natur und einer unfassbaren höheren Konstante abwendeten; weil er diese Abwendung für einen rechtschaffenen Bürger als völlig unnötig ansah. Wer hinter dieser höheren Konstante allerdings die Kirche mit ihren religiösen Dogmen vermutet, liegt falsch. Der Glaube an einen Höheren war für Rousseau etwas höchst individuelles, weder kollektivierbar noch politisierbar.

An den Vorsteher der Pariser Zensurbehörde, Guillaume Lamoignon de Malesherbes, der sehr aufmerksam die Aktivitäten der Enzyklopädisten verfolgte, zu denen Rousseau gehörte, schreibt er nach seiner Flucht aus Genf nach Paris:

Ein Wort, das ich sagen, ein Brief, den ich schreiben, ein Besuch, den ich abstatten soll, all dies ist für mich, sobald ich es tun muss, eine wahre Pein. Deswegen ist mir die vertraute Freundschaft so wichtig, obwohl mir der übliche Umgang mit Menschen höchst zuwider ist.

Rousseaus Rückzug: Träumereien einer besseren Welt

Hier deutet sich an, was Herzog von Croÿ später bei seinem Besuch feststellen musste: Dass in Rousseau zwar ein stets wacher und unermüdlich arbeitender Geist steckt, der sich aber nicht mehr öffentlich mit der Welt konfrontieren möchte. Dies macht auch die Tatsache deutlich, dass der letzte der von Henning Ritter versammelten Briefe vom Februar 1770 stammt, acht Jahre vor seinem Tod. Der Brief an seinen späteren Vertrauten, den Grafen Claude Anglancier de Saint-Germain, kommt als eine Art Selbstbefragung daher, trägt erste Grundzüge seiner autobiografischen Gespräche. Rousseau richtet über Jean-Jacques – natürlich als Dialog angelegt.

Träumereien Doppeltitei

Am Ende blieb Rousseau nur der Rückzug, der ihm aber, man mag es kaum glauben, durchaus zuträglich war. Wenig Schriftliches ist noch entstanden, darunter sein letztes großes Werk, die Träumereien des einsam Schweifenden, die nun in einer neuen kommentierten Edition erscheinen. Durch die Natur flanierend und sich an ihrer Schönheit weidend (wir erinnern uns an den verzweifelten Thiry d’Holbach, der an der Nicht-Existenz eines Schöpfers verzweifelte), kommen Rousseau verschiedene Gedanken und Erinnerungen – sein Leben, den Sinn des Daseins, die Logik des Denkens und die Bedeutung des Fühlens betreffend, die er auf Spielkarten notierte und später zu Texten ausarbeitete. In diesen natur- und selbstverliebten Selbstgesprächen nimmt Rousseau die europäische Romantik eines Novalis vorweg.

Matthias Greffrath schrieb in der Zeit, dass Rousseau den Herzton der Romantik „vorweggenommen“ habe: „Goethe lernte bei ihm die Empfindsamkeit, an der sein Werther starb, Schiller die Poesie des Aufruhrs, Eichendorff die beseelte Anarchie des Müßiggangs.“ Liest man die Träumereien des einsam Schweifenden, dann weiß man, wovon Greffrath hier sprach. Nachspüren kann man diesen traumwandlerischen Sequenzen Rousseaus auch in Heinrich Meiers Auseinandersetzung mit den Rêveries Über das Glück des philosophischen Lebens. Meier ist renomierter Rousseau-Kenner, hat vor Jahrzehnten schon die immer noch gültige Standardausgabe von Rousseaus Abhandlung über die Ungleichheit herausgegeben. Keiner wäre geeigneter, um Rousseaus Träume zu deuten und aus dem Schattendasein von Rousseaus grandiosem Gesamtwerk herauszuholen. Heinrich Meier hebt mit seinen Überlegungen zu Rousseaus Spätwerk einen philosophischen Schatz, der vom Verständnis her eng mit seiner Verfolgung durch Kirche und Staat verbunden ist.

Das assoziative Denken, heute ontologische Grundkonstante, nahm Rousseau in seinen Träumereien vorweg. Vielleicht hat er es sogar erfunden. Stefan Zweifel wurde für seine Neuübertragung der Rêveries, die oft als Fortsetzung seiner Bekenntnisse bezeichnet werden, mit dem Zuger Übersetzungspreis ausgezeichnet, weil er den Leser in die besondere Musikalität dieses Werkes einführe. Vor allem präsentiert er uns den späten Rousseau, offenbar ausgeglichen und mit sich im Reinen:

Für mich ist auf Erden alles zu Ende. Man kann mir kein Wohl mehr zufügen und kein Weh. Ich habe hienieden nichts mehr zu hoffen und nichts mehr zu fürchten, und so stehe ich daselbst, ganz klanglos in der Tiefe des Abgrundes, ein armer, unglücklicher Sterblicher zwar, aber unerschütterlich wie nur Gott.

Der 300. Geburtstag von Jean-Jacques Rousseau bietet ausreichend Anlass, diesen Tausendsassa als radikalen Aufklärer, demokratischen Vordenker, selbstgerechten Moralisten, interessierten Gesprächspartner und naturverbundenen Flaneur neu zu entdecken.

Henning Ritter: Briefe Rousseau

Henning Ritter (Hrsg.): Jean-Jacques Rousseau. Ich sah eine andere Welt. Philosophische Briefe. Hanser-Verlag 2012. 400 S. 27,90 Euro.

Stefan Zweifel_Rousseau

Stefan Zweifel (Hrsg.): Träumereien eines einsam Schweifenden. Verlag Matthes & Seitz 2012. 250 S. 19,90 Euro.

Heinrich Meier:Rousseau

Meier, Heinrich: Über das Glück des philosophischen Lebens. Reflexionen zu Rousseaus Rêveries in zwei Büchern. C.H.Beck 2011. 445 S. 29,95 Euro.