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Hilfreich, aber auch hilflos

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Der evangelische Theologe Andreas Fincke (Erfurt) und der Kulturwissenschaftler Horst Groschopp (Zwickau) als Herausgeber haben ein informatives, kluges, gut lesbares, bebildertes Buch vorgelegt, das laut Klappentext „die erste kultursoziologische Gesamtbetrachtung der ‚säkularen Szene‘ in Deutschland“ zu liefern beansprucht.
Mittwoch, 22. November 2017
Cover

Das im Alibri-Verlag erschienene und knapp 150 Seiten umfassende Buch mit dem Titel Mit Gott fertig? ist klar gegliedert und behandelt Organisationen, darunter die beiden bekanntesten, den Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) und die Giordano Bruno Stiftung (GBS), sowie deren Theorien. Vor deutlichen Einschätzungen scheut sich Fincke, Hochschulpfarrer in Erfurt und Leiter der dortigen evangelischen Stadtakademie, nicht. Einerseits attestiert er der GBS anerkennend: „Sie kann als die derzeit einflussreichste laizistische Initiative in Deutschland bezeichnet werden.“ (90) Andererseits heißt es unverblümt über ihren wendigen Sprecher, Michael Schmidt-Salomon: „Man kann nur hoffen, dass der Autor nie so viel Macht bekommt, seinen weltanschaulichen Totalitarismus durchzusetzen.“ (99)

Fincke bezieht sich bei diesem harschen Urteil auf Schmidt-Salomos „Vision eines autoritären Atheismus“, wie er bereits in der frühen GBS-Propaganda zugunsten „religionsfreier Zonen“ angelegt war. In der Tat, wer darauf hinarbeitet, auf dem Erdball „religionsfreie Zonen“ zu errichten, ja, diesen möglichst insgesamt in eine solche zu verwandeln, was kann der redlicherweise mit einem Menschenrecht auf positive Religionsfreiheit anfangen?

Der eigentümliche Titel des Buches greift eine Aussage von Friedrich Engels auf, der einst behauptet hatte, die deutschen Arbeiter seien „mit Gott einfach fertig“ (17), was damals allerdings eine arge Übertreibung war. Fincke, der diese Worte im Buchtitel immerhin mit einem Fragezeichen versieht, will damit den „inneren Abschied“ der Konfessionslosen von der Religion charakterisieren. Dafür greift er zusätzlich auch auf eine inzwischen mehrfach erörterte Antwort von Leipziger Jugendlichen auf eine Interviewfrage zurück: ob sie sich „eher christlich oder eher atheistisch“ verstünden. Die zugleich belustigende und bedrückende Antwort habe gelautet: „weder noch, normal halt“ (28). Als „normal“ gilt offenbar heutzutage vielerorts eine Bewusstseinslage, die Fincke an anderer Stelle als „weltanschaulichen Synkretismus“ (125) bezeichnet. Dabei sind diese Mischgebilde einer Patchwork-Mentalität – mehr als es im Buch deutlich benannt wird – auch Ausdruck von Unwissenheit und Unbildung, ja von kulturellem Banausentum. Diesen Zeitgenossen fehlt jede Ahnung von der weltgeschichtlichen Rolle von Religion (in all ihren Ambivalenzen), und es fehlen die klaren Koordinaten eines nachreligiösen und nichtreligiösen Humanismus.

Korrekt stellt Fincke fest, „dass die Konfessionslosen durchaus Werte haben, ein sinnvolles und gutes Leben führen und Fremden nicht kritischer begegnen als viele Christen.“ (18) Auch räumt er unumwunden ein: „Ja, die großen Kirchen erleben einen Aderlass ungekannten Ausmaßes – aber sie bewegen sich dennoch auf hohem Niveau und repräsentieren mehr als die Hälfte der Deutschen. Sie sind die mit Abstand größten Organisationen und sie sind vielerorts erstaunlich lebendig.“ (137) Auf welch fragwürdigem Umstand die zahlenmäßige Größe der Kirchen beruht, lässt Fincke freilich unerwähnt. Sie beruht auf der bequemen, weil halbautomatischen Rekrutierung der kirchlichen Mitgliedschaft durch die Säuglingstaufe, die einer lautlosen, aber massenhaften Zwangschristianisierung gleichkommt.

So hilfreich Finckes Buch ist in der soziologischen Verortung der säkularen Szene, so hilflos ist es in der Analyse der epochalen Glaubenskrise der christlichen Kirchen. Er schreibt: „Die Botschaft von Jesu Tod und Auferstehung ist nicht banal. Wenn diese heute als belanglos empfunden wird, so gibt es ein grundsätzliches Vermittlungsproblem.“ (136) In der Tat: die Botschaft, Gott habe einen Welterlöser gesandt, der für alle Menschen gestorben, aber wunderbarerweise von den Toten wieder auferstanden sei, ist nicht banal und auch nicht vermittelbar durch eine „völlig neue Sprache“ (19). Sie ist schlicht unglaubwürdig, ja unwahr. Jesu Tod auf Golgatha und seine phantasievoll erträumte Auferstehung haben niemanden von irgendetwas erlöst. Ein „Heilsgeschehen“ hat nicht stattgefunden.

Zutreffend, aber auch stark ernüchternd bleibt Finckes Schlusssatz: „Zweifellos geben wir unterschiedliche, vielleicht disparate Antworten, uns ist jedoch gemeinsam, dass wir eine Antwort suchen.“ (141)

Cover

Andreas Fincke: Mit Gott fertig? Konfessionslosigkeit, Atheismus und säkularer Humanismus in Deutschland. Eine Bestandsaufnahme aus kirchennaher Sicht. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Horst Groschopp. Humanismusperspektiven, Band 3. Aschaffenburg 2017, Alibri Verlag, 147 Seiten.