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Christentum adieu

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Thomas Ebersberg, ein ehemaliger Jesuit, analysiert in einem schmalen Band die wesentlichen Mythen des Christentums und nennt einige der Gründe für die abnehmende Attraktivität dieser Religion.
Mittwoch, 16. August 2017
Cover

Nach einem kurzen Überblick zu Ursprung und Funktion vorchristlicher Mythen widmet sich der heutige Psychologe und Pharmazeut, der nach drei Jahren den Jesuitenorden verließ, den Mythen des Alten (AT) und Neuen Testaments (NT). Bemerkenswert am Schöpfungsmythos des AT sei „die Ebenbildlichkeit des Menschen  zu seinem Schöpfergott“ (S. 21), die aber u.a. durch den Erbsündenmythos relativiert wird. Während die Natur als gut verklärt wird, erscheint die menschliche Kultur als „sündig“. Ein weiterer wichtiger Mythos des AT ist der von „Gott und seinem auserwählten Volk“ (S. 36), der „Selbstfindungs- und Selbstbehauptungsmythos“ (S. 37) eines damals wenig einflussreichen Nomadenvolks.

Mit dem Heilsmythos des NT, nach dem der Messias durch seinen Opfertod das Heilsversprechen eines ewigen Lebens gegeben hat, nehmen die biblischen Mythen eine neue Wendung. Während das AT der Juden vergleichbar mit den Mythen der Inder, Ägypter und Griechen ist, bringt der Jesusmythos etwas Neues und verändert das Gottesbild im NT. Aber „[d]ie vermeintlich Frohe Botschaft unter dem düsteren Zeichen des Kreuzes dürfte einer der zahllosen Versuche der Mythengeschichte sein, existentielle Probleme in der Tradition der Opferkulte mittels transzendentaler Mächte zu lösen und ein Happyend in einer anderen Welt zu konstruieren. Sie ist kein Beitrag zu dem Versuch, diese Welt zu begreifen und in den Grenzen des Möglichen zum Wohle der Menschheit zu gestalten.“ (S. 57)

Doch das Christentum erwies sich als den Göttern Roms und Kleinasiens überlegen und der selbst nicht gläubige Konstantin erhob es zur Staatsreligion. Die Institutionalisierung und die diesseitige Orientierung der Hierarchie untergrub den biblischen transzendentalen Mythos. Säkularisation und Aufklärung zersetzten die einst übermächtige Theologie, ein Prozess, der bis heute im Gange ist: „Das Christentum hat es schon lange nicht mehr mit einer homogenen Masse von Gläubigen zu tun. Das Spektrum des Glaubens reicht von naiv bis kritisch, von fundamentalistisch bis aufgeklärt.“ (S. 70) Auch die Kritiker des Christentums – u.a. Agnostiker, Atheisten – bilden eine heterogene Gruppe.

Ebersberg plädiert für eine „Meta-Utopie des Bestmöglichen“ (S. 111), ist aber skeptisch: „Die globale Zukunftsperspektive ist nicht gerade ermutigend, eine plurale Weltkultur nicht in Sicht. […] [E]s erscheint keineswegs sicher, ob der Menschheit zur Weiterentwicklung ihres Bewusstseins soviel Zeit bleibt wie in der Vergangenheit.“ (S. 108-109)

Ebersbergs Buch ist anregend, bleibt aber – nicht zuletzt wegen seiner Kürze – zum Teil vage. So vermisst man etwa Hinweise, auf welche Autoren er sich stützt. Trotzdem ein lesenswerter Band.

Image of Christentum adieu!: Das leise Sterben eines Mythos

Thomas Ebersberg: Christentum adieu!: Das leise Sterben eines Mythos. Books on Demand 2014, Taschenbuch, 116 Seiten