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Islamkritik

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Der 1930 in Syrien geborene und seit 1985 in Paris lebende Dichter, der unter dem Künstlername Adonis bekannt ist, zählt zu den wenigen Religionskritikern mit einem islamischen Hintergrund. In einem Gespräch mit der in Paris lehrenden Psychoanalytikerin Houria Abdelouahed gehen beide nicht nur dem Verhältnis zwischen Gewalt und Islam nach, sondern auch der Unterdrückung der Frau im Islam.
Donnerstag, 10. August 2017
Cover

Ausführlich zitieren sie Suren aus dem Koran und analysieren diese. Sie gehen dabei auf die vorislamische Toleranz ein und die Dissidenten des islamischen Mainstream, vor allem Mystiker. So entsteht ein facettenreiches Bild, das auch für Leser mit etwas Vorkenntnissen Neues bietet. Adonis lässt dabei keinen Zweifel an seiner prinzipiell religionskritischen Haltung, wobei er auch deutlich macht, dass er trotz aller Schwächen das Christentum für humaner hält als den Islam. 

Daesch, der sogenannte Islamische Staat, hält er nicht für eine obskure Abweichung, sondern sieht darin die problematische Verbindung von Staat und Religion aus der Frühzeit des Islam verkörpert. Dieser Bezug prägt auch den heutigen Islam, der „eine eng mit der Macht verbundene Religion ist. Diese Macht ist im Wesentlichen religiös, und läuft dem zivilen, säkularen Leben zuwider.“ (S. 231) „Das derzeit herrschende Konzept im Islam vermittelt weiterhin den Glauben, dass der Islam der einzige Raum für Wahrheiten ist.“ (S. 232) So gibt es etwa in der Poesie keinen Raum für Kreativität. Alle großen Dichter und Denker aus dem islamischen Raum, wie etwa die Mystiker, beziehen sich nach Adonis (meist unausgesprochen) nur scheinbar auf den Islam.

Aus dem dogmatischen Charakter folgt auch die Gewalttätigkeit in der frühen Geschichte und heute bei Daesch: „Daesch bietet keineswegs eine neue Lesart des Islam, den Aufbau einer neuen Kultur oder einer neuen Zivilisation, sondern viel mehr Stillstand, Ignoranz, Hass auf das Wissen, auf das Menschliche, auf die Freiheit.“ (S. 146) Ähnlich ist auch die extrem frauenfeindliche Haltung der Islamisten kein falsch verstandener Islam, sondern kann sich auf entsprechende Suren und traditionelle Texte stützen.

Adonis‘ Buch ist anregend, auch wenn etliche Bezüge beispielsweise auf die Dissidenten für Nicht-Spezialisten schwer nachvollziehbar sind.

Image of Gewalt und Islam: Gespräche mit Houria Abdelouahed

Houria Abdelouahed, Adonis: Gewalt und Islam: Gespräche mit Houria Abdelouahed. Sujet 2016, Gebundene Ausgabe, 190 Seiten