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Potpourri der Religionen

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Der Journalist Gideon Böss (u.a. „Cicero“, „Focus“, „Welt“) erzählt in dem Buch „Deutschland, deine Götter“ von seinen Begegnungen mit 26 in Deutschland aktiven Religionen – kleinen und großen, obskuren und überzeugenderen.
Freitag, 21. Juli 2017

Eine der kleinsten von Böss betrachteten Religionsgemeinschaften ist die Johannische Kirche, Überbleibsel einer in der Weimarer Republik immerhin knapp 15.000 Mitgliedern starken Gründung Joseph Weißenbergs. Als Heilmagnetiseur hatte er es durch den Einsatz von „Heilquark“ zu einigem Ansehen gebracht. Heute ist die Kirche überaltert und ihre Passionsspiele sind für Böss ein „sehr langweiliges Stück“.

Als etwas aufregender empfindet der öfter leicht ironische Autor den Informatiker und Hexenmeister Thomas und seine Frau Nina, Repräsentanten der deutschen Sektion von Wicca, zu der sich immerhin knapp 500 praktizierende Hexen bekennen sollen. Zwischen Keksen und Ritualen lotet Böss die Untiefen dieser Religion aus.

Er besucht auch die beiden Großkirchen – die Katholiken in einer Diasporagemeinde in Wittenberg und im Vatikan, wo er sich mit dem Chef der deutschen Abteilung von Radio Vatikan unterhält. Die Pastorin der Wormser Luthergemeinde gibt ihm Auskunft über den Protestantismus und erklärt etwa die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu Katholiken und Reformierten.

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Gerade bei den kleineren Kirchen ist offenkundig, dass es nicht so sehr um theologische Feinheiten, sondern eher darum geht, sozialen Außenseitern eine Heimat zu bieten. So versammelt etwa die Metropolitan Community Church gläubige Schwule und Lesben, lehnen doch erstaunlich viele Kirchen bis heute Homosexuelle ab. So etwa die Baptisten oder die Heilsarmee.

Böss widmet sich nicht nur Varianten des Christentums, wie etwa den besonders wundergläubigen Pfingstlern oder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, deren Anhänger neben der Bibel auf das Buch Mormon setzen. Er geht auch auf die verschiedenen Richtungen des Islams ein, wie Sunniten und Schiiten, aber auch die sozial engagierten Aleviten, von denen sich allerdings nur Teile als muslimisch begreifen. Vertreten sind aber auch das Judentum, der Hinduismus und der Buddhismus, an dessen angeblich grundsätzlicher Friedfertigkeit Böss zweifelt.

Die Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters, eine satirische Religion, die v.a. die Privilegien der Großkirchen aufs Korn nimmt, wirkt auf Böss albern. Dagegen beeindrucken ihn die Quäker, eine auf den Englischen Bürgerkrieg (1642-1649) zurückgehende sozial engagierte Kirche, die sich mittlerweile zumindest in Teilen vom Christentum gelöst hat.

Insgesamt ein unterhaltsames Sachbuch, das ein weites Spektrum an Religionen vorstellt. Böss lässt sich auf deren Vertreter ein, bleibt aber skeptisch. Nur selten wird er deutlich kritisch, etwa bei dem an Science Fiction und Fantasy erinnernden Raelismus mit einem – gelinde gesagt – fragwürdigen Verhältnis zu Juden. Zwar ist das Heidentum durch den Orden der Barden, Ovaten und Druiden vertreten, aber die zahlreichen esoterischen Religionen kommen außer dem Osho-Bhagwan-Kult kaum vor. Trotzdem ein informatives Panorama heutiger Religiosität.

Image of Deutschland, deine Götter: Eine Reise zu Kirchen, Tempeln, Hexenhäusern

Gideon Böss: Deutschland, deine Götter: Eine Reise zu Kirchen, Tempeln, Hexenhäusern. Tropen 2016, Gebundene Ausgabe, 398 Seiten