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Mit Verve, Akribie und Witz gegen einen unsäglichen Gott

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Mit dem jüngst erschienenen Buch „Der Glaubenswahn – Von den Anfängen des religiösen Extremismus im Alten Testament“ setzt Heinz-Werner Kubitza seine kritische Analyse der christlichen Religion in gelungener Weise fort.
Donnerstag, 23. Februar 2017

Es gehört zu den ganz großen Mysterien der Kulturgeschichte der Menschheit, wie die Bibel zu ihrem enormen Ansehen gelangen und es behaupten konnte bis heute. Kein US-Präsident dürfte es sich leisten, ohne die sogenannte Heilige Schrift seinen Amtseid abzulegen, sie ist das mit Abstand meistverbreitete Buch aller Zeiten. Dabei müsste jeden, der halbwegs unvoreingenommen speziell im Alten Testament (AT) blättert – es ist mehr als drei Mal so umfangreich wie das Neue –, äußerst verstören, was er da zu lesen bekommt. Was Richard Dawkins 2006 in seinem Bestseller Der Gotteswahn schrieb, traf ganz undiplomatisch den Kern: „Der Gott des Alten Testaments ist die unangenehmste Gestalt der gesamten Dichtung: eifersüchtig und auch noch stolz drauf; ein kleinlicher, ungerechter, nachtragender Kontroll-Freak; ein rachsüchtiger, blutrünstiger ethnischer Säuberer; ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, kinds- und völkermörderischer, ekliger, größenwahnsinniger, sadomasochistischer, launisch-boshafter Tyrann.“

Bei wohlmeinenden Verteidigern des rechten Glaubens löste der freche Brite damit eine Reihe von Reaktionen aus, die von blankem Entsetzen bis zu allerlei Belehrungen über seine fehlende theologische Bildung reichten.

Dem prächtigen Image des Buchs hat Dawkins‘ Kritik aber kaum nachhaltig geschadet. Gleichwohl: Gottlose Autoren dürfen nicht lockerlassen. Die Diskrepanz zwischen Ruf und Realität ist im Fall der Bibel einfach zu krass, als dass man einer Gesellschaft, die sich kess für eine aufgeklärte hält, so viel beschönigende Verklärung, so viel manipulatives Verdrängen und Verschweigen durchgehen lassen darf.

Cover

Zehn Jahre nach Dawkins ist es jetzt dankenswerterweise Heinz-Werner Kubitza, promovierter Theologe und bis vor kurzem Inhaber des Marburger Tectum-Verlags, der eine Frontalattacke auf das AT, seine Hauptperson Jahwe und dessen einfallsreiche Propagandisten reitet. Mit Verve, Akribie und Witz (!) wirft er sich auf diesen unsäglichen Gott, der seine steile Karriere vermutlich als kleiner Berg- oder Wettergott angefangen hatte. Eine von vielen Himmelsmächten in einem polytheistischen Israel war dieser Gott und eher unbedeutend, bis er aus politisch-religiösen Strategien heraus hochgeschrieben wurde zum einzigen, ewigen, großartigen Allmächtigen, der dann auch gleich die ganze Welt geschaffen und praktischerweise einen Bund mit dem von ihm unter allen anderen auserwählten Volk geschlossen haben sollte. Für den Siegeszug dieser Legende sorgte vor allem die „Jahwe-allein-Bewegung“, also jüdische Autoren aus der ersten Hälfte des vorchristlichen Jahrtausends. Ihre Methode, für Jahwe Stimmung zu machen und Gefolgschaft zu generieren, schlug andere Wege ein als heute üblich: Anstatt konsequent seine Güte und Weisheit zu preisen, konnten sich die diversen Urheber der einschlägigen alttestamentlichen Texte von Elia bis Jeremia nicht genug tun, Jahwe die widerwärtigsten Schandtaten anzudichten. Zahllose Zitate zeigen ihn als monströsen Unhold, der massenhaft Menschen umbringen ließ oder selber umbrachte. Offenbar herrschte zu dieser Zeit und in dieser kleinen mediterranen Weltecke eine Mentalität, der zufolge Sadismus, zügelloser Zorn und Blutrausch einem aufstiegsorientierten Gott Pluspunkte eintrugen: Seine notorischen Gewaltexzesse ließen es geraten erscheinen, sich gut zu stellen mit ihm.

Die schräge Pädagogik trug bekanntlich Früchte: In den christlichen Regionen dieser Welt lernen die lieben Kleinen noch fast dreitausend Jahre nach all diesen interessegeleiteten Phantastereien, dass der aus Jahwe hervorgegangene Christengott ihr Herr ist und sie keinen andern haben sollen neben ihm. Von den zahllosen Scheußlichkeiten des Alten Testaments – darunter das Zerschmettern von Kinderköpfen an Felswänden – lernen sie hingegen wohlweislich nichts, und wenn sie doch einmal etwas davon mitbekommen, sind Kirche und Theologie sogleich mit der Empfehlung zur Stelle, sich an den angeblich so ganz anders gearteten Gott des Neuen Testaments zu halten. Kubitza führt den einflussreichen Theologen Klaus Berger mit dessen typischer Gesamtbilanz an: „Der Gott der Bibel ist unter allen Umständen ein Gott des Lebens, der den Tod des Sünders nicht will. Und der Gott der Herrlichkeit ist vom ersten bis zum letzten Buch der Bibel auch und vor allem ein Gott der Barmherzigkeit.“

Glaube macht eben blind und taub, oder zumindest verführt er zum Prinzip der Rosinenpickerei, das Kubitza schon in den vorangegangenen Büchern Der Jesuswahn und Der Dogmenwahn angeprangert hatte. Wie sie begnügt sich auch Der Glaubenswahn nicht mit gottlosen Bekenntnissen. Stattdessen wird eine überaus eindrucksvolle Materialfülle ausgebreitet: nicht nur über Jahwes Worte und Taten, die ebenso erfunden wurden wie er selbst (nur frommer Torheit erscheint er deshalb erträglicher), sondern auch über die verschlungene israelische Geschichte, die „neurotischen Propheten mit ihren primitiven Hasstiraden“ oder die Ammenmärchen, die seit eh und je den Leuten einreden wollen, Jesus Christus sei schon im AT vorhergesagt worden als kommender Messias. Und nicht zuletzt über die historisch-kritische Wissenschaft, die „im christlichen Glaubensgebäude keinen Stein auf dem anderen gelassen“ hat, was aber die gewöhnlichen Gläubigen nicht erreicht: "Sie haben noch nicht begriffen, dass die Glaubensgrundlagen, die sie für heilig und unverrückbar halten, von den Gebildeten ihrer Vertreter schon längst als abgetan oder lediglich (sehr beliebt) in metaphorischem Sinn verstanden werden.“

Und Kubitza ist souverän genug, bei aller Empörung über so viel Ekelhaftes, Erlogenes und Unsinniges nicht beim wohlverdienten „Bibel-Bashing“ stehen zu bleiben: Kein Hehl macht er aus seiner Bewunderung für den Verfasser des Buchs Hiob, wegen der „Tiefe, die man sonst im Alten Testament vergeblich sucht“. Die rührt von der „Religionskritik“ her, die hier Eingang gefunden hat als leidenschaftliche Anklage gegen Gott. Der spielt – er hat ja mit Satan eine Wette laufen! – mit seinem treuen, aber kritischen Anhänger Hiob so bodenlos zynisch, dass unsere gläubigen Mitmenschen sich diese exemplarische Geschichte zu Gemüte führen sollten, ehe sie beispielsweise all das aktuelle irdische Elend von Syrien bis zum Sudan routinemäßig von ihrem Gott weg- und den Menschen zuschieben. Kubitzas Lob für den Autor: „Im Rahmen eines (zeitbedingt) noch theistischen Weltbildes hat er die äußersten Zonen einer kritischen Sicht markiert, hat formuliert, was damals gerade noch möglich war. Der nächste Schritt wäre gewesen, sich ganz von diesem Gott und seiner absurden Welt zu verabschieden, dem unmenschlichen und willkürlichen Gott die Gefolgschaft zu verweigern, einzusehen, was auch wir hier herausgearbeitet haben: Einen solchen Gott braucht die Welt nicht.“

Image of Der Glaubenswahn: Von den Anfängen des religiösen Extremismus im Alten Testament

Heinz-Werner Kubitza: Der Glaubenswahn: Von den Anfängen des religiösen Extremismus im Alten Testament. Tectum 2017, Gebundene Ausgabe, 352 Seiten