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Scham. Die politische Kraft eines unterschätzten Gefühls

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Beschämung als legitimes Mittel politischer Intervention? Ein auf den ersten Blick befremdliches und aus humanistischer Sicht fragwürdiges Unterfangen, ein so unangenehmes, demütigendes Gefühl wie Scham im 21. Jahrhundert rehabilitieren und wieder salonfähig machen zu wollen. Hatten wir das nicht hinter uns und aus gutem Grund?
Dienstag, 13. September 2016
Cover

Die New Yorker Assistenzprofessorin Jennifer Jacquet untersucht in ihrem 2015 im S. Fischer-Verlag erschienen Buch „Scham – Die politische Kraft eines unterschätzten Gefühls“ Scham und Schuld als gesellschaftliche Instrumente der Bestrafung und geht der Frage nach, wie sich die öffentliche Bloßstellung und Beschämung gezielt als politisches Instrument für eine bessere Welt nutzen ließe.

Das Buch beginnt mit der Schilderung sehr persönlicher Erlebnisse und eigener Schuldgefühle bei der Konfrontation mit globalen Umweltproblemen und führt daran anknüpfend theoretisch aus, wie sich Schuld und Scham zueinander verhalten, wie Scham wirkt und warum dieses Gefühl aus Sicht der Autorin für die Lösung globaler Probleme im Anthropozän so wichtig ist. Sie analysiert in der ersten Hälfte des Buches die Entwicklung im Umgang mit Scham – historisch wie interkulturell. Sie referiert über grüne Gewissensbisse, modernen Ablasshandel, die Entwicklung von eigenen Märkten zur Gewissensberuhigung und ökologischen Zynismus. Jacquet führt eine Vielzahl von Beispielen aus ihrer Sicht beschämenswerten Verhaltens von Politiker_innen und Unternehmen an und erörtert, wie Scham mit der Etablierung von gesellschaftlichen Normen zusammenhängt. Im zweiten Teil entwickelt Jacquet sieben Wege, die aus ihrer Sicht für eine effektive Beschämung nötig sind. Ein eigenes Kapitel widmet sie der digitalisierten Welt und dem virtuellen Pranger und entwickelt Ideen, wie öffentliche Beschämung in der heutigen Aufmerksamkeitsökonomie gesehen und gehört werden kann. Abschließend reflektiert die Autorin in ihrem letzten Kapitel die Frage nach dem rechten Maß und den moralischen Grenzen von Beschämung.

Jacquet räumt gleich zu Beginn selbst ein, dass viele Leser_innen vermutlich gegen die gezielte Nutzung von Scham als politischem Instrument Vorbehalte haben und gewinnt damit erstmal auch diejenigen zum Weiterlesen, denen das tatsächlich sehr befremdlich erscheint.

Bürger_innen statt Verbaucher_innen

Die Autorin steigt mit einer sehr überzeugenden These ein: „Probleme, die kollektives Handeln erfordern, lassen sich nicht lösen, indem man auf die Psyche und damit das Verhalten von Einzelnen einwirkt.“ (S. 14). Jacquet analysiert, wie seit den achtziger Jahren politische Initiativen immer stärker auf das Schuldbewusstsein der individuellen Menschen als Verbraucher_innen abzielten. Es sei zunehmend nicht mehr um das Anprangern von Produktionsbedingungen gegangen, sondern darum, Schuldgefühle beim Verbraucher zu wecken. Probleme wie Artensterben, Klimawandel oder Überfischung der Meere erforderten aber vor allem strukturelle Veränderungen. Dafür hält Jacquet die Beschämung von Politiker_innen, Unternehmen und Gruppen zum Zwecke öffentlicher Enthüllung und Bloßstellung für das geeignetere Mittel. Die Autorin plädiert dafür, uns in erster Linie als politische Subjekte und Bürger_innen zu verstehen und nicht nur als Verbraucher_innen.

Als Rechtfertigung für den gezielten Einsatz von Beschämung zitiert Jacquet aus einer Vielzahl von Studien, die sie teils selbst mit durchgeführt hat und die beispielsweise zeigen, dass vollständige Transparenz in Spiel-Experimenten zur verbesserten Kooperationsbereitschaft der Mitspieler_innen führen. Sie zieht den Schluss, dass „wir offenbar bereit sind zu zahlen, um Scham abzuwenden oder Anerkennung zu erringen.“ (S. 29) Die Autorin scheint das gut zu finden: Man beschämt jemanden oder droht Beschämung an und dann ist er oder sie kooperationsbereit. Die ethische Bewertung eines solchen Verhaltens bleibt auf der grundsätzlichen Ebene in dem Buch aber eher flach. Es wird zwar an verschiedenen Stellen darauf hingewiesen, dass eine moralische Einschätzung erstmal außen vor bleibt und später erfolgt, dieses ‚später‘ findet dann aber kaum statt. Zumindest konstatiert die Autorin aber: „Manchmal wollen sich Menschen den Vorstellungen der Gruppe eben nicht ohne weiteres unterordnen, und oft können sie es gar nicht.“ (S. 32).

Jacquet grenzt sich durchaus von auch aus ihrer Sicht kritischen Beschämungsmethoden insbesondere auf individueller Ebene ab. Ihre Einschätzung von Scham als politischem Instrument ist hingegen fast euphorisch: „Dieses neue Weltzeitalter braucht neue Regeln, und bei deren Durchsetzung wird die Scham eine große Rolle spielen müssen. (…) Die Beschämung ist eine Form des gewaltlosen Widerstands, die jeder nutzen kann und mit der sich – anders als mit Schuld – das Verhalten ganzer Gruppen beeinflussen lässt.“ (S. 34) Aber ist Scham wirklich gewaltlos? Sicherlich nicht. Und auch Jacquets Sprache klingt gelegentlich ausgesprochen gewaltsam. So bezeichnet sie Menschen, die in Experimenten von der Norm abweichendes Verhalten zeigen, systematisch als „Parasiten“, „Trittbrettfahrer“ und „schwarze Schafe“. (u.a. S. 86). Dass Beschämung auch sehr zerstörerisch sein kann, wird hingegen besonders in dem Kapitel zum virtuellen Pranger deutlich, in dem die Autorin auch die Grenzen der Beschämung, unangemessene Strafen und die mögliche Schamlosigkeit der Beschämung sehr deutlich macht. Leider werden diese Überlegungen zur  Praxis der Beschämung nicht so differenziert betrachtet.

Norm und Scham

Jacquet führt in einem ganzen Kapitel aus, wie Scham mit der Durchsetzung von Normen zusammen hängt. Wer von den Normen abweiche, dürfe und solle zum Wohle der Gemeinschaft beschämt werden, so der Tenor, der hängen bleibt. Das erinnert ein bisschen an Huxleys „Brave New World“. Die Absichten, Interessen, Bedürfnisse der handelnden Menschen sind unerheblich, abweichendes Verhalten schadet der Gemeinschaft und muss geahndet werden, so einfach ist das? „Wenn schwarze Schafe die Lösung kollektiver Probleme verhindern und es keine formellen Zwangsmaßnahmen gibt, dann sollten wir die Beschämung erwägen, wenn auch in behutsamer und aufgeklärter Form“ (S. 89). Na, immerhin behutsam und aufgeklärt, aber wer entscheidet denn, wer ein schwarzes Schaf ist? Darüber ist in dem Buch wenig zu lesen.

Wenn nur Beschämung bleibt, um die Welt zu verbessern (in wessen Sinne verbessern eigentlich?), dann eben Beschämung und die aber bitte effektiv, so liest man weiter. Folgt man der Autorin bis zu diesem Punkt gedanklich, liest sich der zweite Teil des Buches nur folgerichtig. Und es entsteht so ein wohliges Gefühl beim Lesen: Wenn man sich nur an die sieben Wege zur effektiven Beschämung hält und das rechte Maß findet, dann ist man auf der richtigen Seite und  gehört zu den Guten. Man will ja schließlich die Welt verbessern und weiß auch, was dazu notwendig ist. Und sollte man sich seiner Urteile doch mal nicht so sicher sein, befrage man einfach die Öffentlichkeit. „Da die Öffentlichkeit Teil der Bestrafung ist, ist es sinnvoll, sie zu fragen, ob Beschämungen eine annehmbare Sanktion sind.“ (S. 199). Dann entscheidet eben die Mehrheit, was sich gehört und was nicht.

Das Buch besticht durch die Klarheit seiner Sprache, durch die Vielzahl an Beispielen, die Jacquet zur Illustration ihrer Gedankengänge heranzieht. So können der Leser und die Leserin ihr gut folgen. Auch die zahlreichen Studien, die die New Yorker Assistenzprofessorin anführt, um einzelne menschliche Verhaltensweisen zu erklären, bereichern die Lektüre und stärken die Argumentation, die Jacques aufbaut. Wenn man einmal soweit mitgegangen ist, dass Strafe und Sanktionierung ihre Berechtigung in der Gesellschaft haben und man sich eine Gesellschaft wünscht, in der die Menschen kooperativ sind und man Strafen wie Beschämung als legitimes Mittel ansieht, diese Kooperation zu erreichen, dann ist ihr Buch grandios. Ihre ethischen Überlegungen bleiben allerdings in der Luft hängen und damit fällt schnell all ihre Argumentation wie ein Kartenhaus zusammen. Scham als legitimes Mittel politischer Intervention – das ist auch nach der Lektüre ein befremdliches und äußerst fragwürdiges Unterfangen.

Diese Rezension ist zuerst erschienen in humanismus aktuell.

Es bleiben aus humanistischer Sicht eine Vielzahl von Fragen zurück: Was wünschen wir uns, aus welcher Motivation heraus, Menschen kooperativ sind? Aus Angst vor Strafe und Beschämung? Wer urteilt darüber, was für das gesellschaftliche Wohl förderlich ist? Umweltaktivisten, die Internetöffentlichkeit, die politische Mehrheit? Gibt es so etwas wie „gutes“ und „böses“ Verhalten oder gibt es nur unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse von Menschen? Blockiert nicht Scham, wie auch Schuld das freiwillige Beitragen zum Gemeinwohl und kann Beschämung diese Welt jemals besser machen oder müssen wir nicht besser Wege zum Dialog finden? Gedanken und Fragen, die dieses Buch auslösen. Dafür zumindest kann man der Autorin sehr dankbar sein.

Image of Scham: Die politische Kraft eines unterschätzten Gefühls

Jennifer Jacquet: Scham: Die politische Kraft eines unterschätzten Gefühls. S. FISCHER 2015, Gebundene Ausgabe, 224 Seiten